Review: Reality XL

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Reality XL - Schauspieler und Produzenten

23 Personen - ein Schelm wer Schlechtes dabei denkt - verschwinden über Nacht im LHC, einem der teuersten Forschungsprojekte der Menschheit. Einziger Überlebender ist der im Rollstuhl sitzende Professor Carus. Und schon nimmt das Unheil seinen Lauf. In der Erdfunkstelle Raisting findet ein Verhör statt, das bereits von Anfang an unter einem merkwürdigen (Indie?) Stern steht. Ein blutroter Fleck auf dem Boden. Angeblich hat die "Mama" des Protokollanten Antoine vor zwei Wochen ein Glas Pflaumenmarmelade fallen lassen...

Reality XL ist zwar ein deutscher Film, aber dann auch wieder nicht. Der Regisseur Tom Bohn hat von Anfang an Wert darauf gelegt, einen Film zu drehen, der nicht schon in der ersten Einstellung "deutsch" aussieht. Dies ist ihm rundum gelungen. Reality XL hat das Zeug, in die Fußstapfen deutscher großer deutscher Produktion wie "Das Boot" zu treten - und das mit einem Bruchteil des Budgets und, bis auf sehr wohl dosierte Ausnahmen, ohne Special Effects.

In den 81 Minuten des Films fällt es nicht auf, dass Reality XL ein sogenanntes Kammerspiel ist und sich die gesamte Handlung in nur vier Räumen abspielt. Die meiste Zeit ist der Kontrollraum der Ort des Geschehens, das Bild prägt uralte Elektronik. Ein häufig blaustichiges Bild und dazu die Musik Hans Franeks untermalen perfekt die surreal anmutende Vernehmungssituation, so dass trotz langer Dialoge keine Langeweile aufkommt.

Bohn beweist mit Reality XL, dass großes Kino keine Heerscharen von Schauspielern, 3D-Effekte, computergenerierten Figuren und tausende Stunden CGI benötigt. Ein klassisches Thema - die Frage nach dem Sinn den Lebens und die Suche nach dem kleinsten Teilchen der Materie - verpackt in einer fast schon kafkaesken Handlung, das richtige Gespür für Kamera, Schnitt und Musik reichen ihm aus, um eine fesselnde Inszenierung zu realisieren.

Heiner Lauterbach brilliert in seiner Rolle als hochintelligenter, emotional aber eiskalter Professor Carus, der auf der Suche nach der Weltformel in der Tat fündig wurde. Max Tidof sind der Dalí-Bart, der Gehstock und die 30er-Jahre-Kleidung des Staatsanwalts Spector wie auf den Leib geschnitten. Annika Blendl als Kommisarin Dekkers wiederum beweist, dass sie nicht nur musikalisch und schauspielerisch begabt ist, sondern auch das Tanzen des Tangos beherrscht. Komplettiert wird das Quartett von Godehard Giese, der sehr überzeugend den anscheinend leicht autistischen Protokollanten Antoine spielt.

Die Frage, ob der Film nicht vielleicht noch besser geworden wäre, wenn das Budget mit Geldern von Sponsoren oder Filmförderung aufgebessert werde, beantwortet Bohn dann auch ganz klar mit einem "Nein". Dadurch, dass er hundert prozentig unabhängig produziert hat, konnte er den Film genauso drehen, wie er ihn haben wollte.

Als letzte Hürde bleibt nun der offizielle Kinostart am Donnerstag. Die mindestens 30.000 Zuschauer, die Bohn sich für einen Achtungserfolg als Ziel gesetz hat, um bei der weiteren Verwertung bessere Karten zu haben, sollte Reality XL locker erreichen. Einzelne Vorstellungen, wie die im Monopol in München, sind bereits bis auf wenige Karten ausverkauft. Dennoch sollte jeder, der einem mutigen Regisseur helfen möchte, ein Stück deutscher Kino-Geschichte zu schreiben, im nächstgelegenen Kino nachfragen, ob noch Karten zu bekommen sind. Eine Liste der 21 Kinos gibt es auf reality-xl.com. Neben einigen kleineren Kinos sind auch diverse größere Cinestar-Fillialen darauf zu finden.

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