Spotify und Co.: Streamingdienste bringen Musikern kaum Geld

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Radio vs. Streaming

Mal wieder geht die Mär der durch Streaming verarmenden Künstler durch die Medien. Diesmal hat sich die Augsburger Allgemeine dem Thema angenommen und erklärt:

Die Künstler sind wütend: Über Musikdienste im Netz verdienen sie so gut wie nichts. Dabei werden Spotify und Co. von vielen als Zukunft der Branche gefeiert

Als Beleg dafür, werden Bands angeführt, von denen zwei die ihre Karriere begonnen haben, bevor die Audio-CD das Licht der Welt erblickt hat: Led Zeppelin und AC/DC. Dritter im Bunde ist Radiohead. Radiohead bzw deren Frontmann Thom Yorke werden gerne als leuchtendes Beispiel im Kampf gegen legale Streaming-Dienste geführt. Immerhin hat Yorke seine Solo-Alben sowie das letzte Radiohead-Album von Spotify ausgeschlossen.

Es ist doch sehr verwunderlich, dass eine Band, die erfolgreicher als die meisten anderen, übers Internet ihre Alben-Verkäufe angekurbelt hat, gegen "das Internet" wettert. Das 2007 veröffentlichte Album "In Rainbows" war als "Pay what you want"-Release angeboten und verkaufte sich im Anschluss daran auf CD "trotz" des kostenlosen Downloads besser als die beiden vorherigen Alben zusammen. Bereits bevor die CD überhaupt offiziell im Handel erhältlich war, hatte die Band mehr damit verdient, als mit allen Verkäufen ihres vorherigen Albums "Hail to the Thief" zusammen.

Streaming: Der letzte verzweifelte Furz eines sterbenden Leichnams

Der Grund dafür ist aber ein recht einfacher: Thom Yorke, Frontmann der Band, boykottiert Spotify nicht, weil er damit kein Geld verdienen kann, sondern aus Solidarität mit jungen Künstlern. Diese würden bei Spotify so gut wie nichts verdienen. Yorke bezeichnet den Streaming-Dienst als den letzten verzweifelten Furz eines sterbenden Leichnams. Streaming-Services würden versuchen, eine Rolle als Türsteher einzunehmen und durch ihre enge Zusammenarbeit mit den Major-Labels wären sie ein Teil der "alten Industrie".

I feel like as musicians we need to fight the Spotify thing. I feel that in some ways what's happening in the mainstream is the last gasp of the old industry. Once that does finally die, which it will, something else will happen."

Konsequenterweise sind Radiohead seit 2008 auch ohne Label unterwegs. Yorke ruft alle Musiker auf, sich ihrem Weg anzuschliessen und sich dem Streaming zu verweigern:

We don't need you to do it. No artists needs you to do it. We can build the shit ourselves, so fuck off. But because they're using old music, because they're using the majors… the majors are all over it because they see a way of re-selling all their old stuff for free, make a fortune, and not die."

Eine Band wie Radiohead kann sich diesen Luxus sicher erlauben und auch die Fans von AC/DC und Led Zeppelin werden kaum merken, ob ihre Idole bei Spotify und co vertreten sind. Auch die dadurch fehlenden Einnahmen werden die Bands kaum stören.

Zurück zum Artikel der Augsburger Allgemeinen.

Die Frankfurter Indierock-Band Breitenbach hat für den Hessischen Rundfunk ihren Abrechnungsschlüssel öffentlich gemacht. Die Durchschnittswerte, die man daraus errechnen kann, sind ernüchternd: 0,00164 Euro erhalten Künstler demnach pro gespieltem Song. Breitenbach besteht aus drei Musikern. Möchte jeder von ihnen auch nur den Hartz-IV-Satz erspielen, müssten ihre Songs im Monat 684 144 Mal gestreamt werden. Und es wäre immer noch nur die Grundsicherung. Die Zukunft bleibt trist....

Klingt traurig. Aber ist es realistisch für eine Band, deren Alben bei Amazon einen Verkaufrang von unter 150.000 haben, zu hoffen, sie könne vom Verkauf von Kopien ihrer Musik leben? Hinzu kommt, dass Streaminganbieter wie Spotify eher mit Radio als mit dem Verkauf von Tonträgern oder Downloads zu vergleichen sind. Als Kunde erwirbt man nichts, was man dauerhaft behält. Man kann den Stream einmal hören und für das nächste Abspielen muss (jemand) erneut an die Rechteinhaber Gelder zahlen.

Streaming lukrativer als Radio

Der Vergleich mit Radio zeigt, dass mit Streams Geld verdient werden kann - die notwendige Reichtweite vorrausgesetzt, denn Streaming wird besser entlohnt als Radio. Würde Breitenbach einmal vom reichweitenstärken Sender Hessens (Hitradio FFH) gespielt und pro Hörer genauso viel gezahlt werden, wie für einen Stream, würden Breitenbach bei einem einzigen Abspielen 529.000 Hörer erreichen und 867,56 Euro erhalten. Zweimal im Monat gespielt und die Grundsicherung wäre mehr als erreicht. Nur zahlen Radio-Sender deutlich weniger an Lizenzzahlungen an die Rechteinaber aus und dort wird vor allem Mainstream gezahlt.

Womit der Kreis zurück zu Yorke geschlossen wäre.

When we did the In Rainbows thing what was most exciting was the idea you could have a direct connection between you as a musician and your audience. You cut all of it out, it's just that and that. And then all these fuckers get in a way, like Spotify suddenly trying to become the gatekeepers to the whole process.

Künstler brauchen, um von ihrer Musik leben zu können, 1.000 treue Fans pro Bandmitglied. Sobald sie diese haben, ist Streaming eine Einnahmequelle von vielen. Oder eben auch nicht, wenn man sich für den Weg von Yorke entscheidet. Streaming kann ihnen dabei helfen, diese 1.000 Fans zu erreichen. Aber auch nur, wenn sie bei den Streaminganbietern zu finden sind.

Eine Band, die sich bei Spotify noch tummelt ist Lichtscheu. Lichtscheu verdiente in den letzten drei Monaten 93 Cent über Spotify. Immerhin bei einem stolzen Durchschnitt pro Stream von 0,5 Cent, also dem dreifachen was Breitenbach vermeldet. Wieso bleiben sie trotzdem dort? Die Antwort ist einfach:

Uns geht es nicht um die Einnahmen, sondern darum, mit unserer Musik viele Menschen zu erreichen. Spotify ist sicherlich nicht der "heilige Gral der Musikindustrie", aber ohne den Anbieter, hätten wir diese 174 Hörer gar nicht erreicht. Man darf auch die Empfehlungsfunktion nicht vernachlässigen. Spotify ist ein Netzwerk geworden, wo jeder seine musikalischen Vorlieben auch teilen kann. Somit finden wir immer wieder neue Menschen, die unsere Musik mögen.

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Ein Kommentar

Danke für die Klarstellung.
Es ist schon eine Frechheit, wie die Schreibknechte der Verwerterpropaganda Leuten wie Yorke das Wort im Mund umdrehen. Und gleichzeitig gehen sie bereitwillig auf den Breitenbach-Unfug ein, ohne auch nur kurz nachzufragen, was diese Kollegen denn so von der GEMA im Jahr bekommen....

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