Georgien gewinnt den Eurovision Song Contest 2014 – We are going Shin

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Um mein Vergnügen an solchen Vorhersagen nachvollziehen zu können, muss man sich meinen ironischen Text zum absurden Eurovisionsbusiness vom letzten Jahr durchlesen. Am Ende heißt es: „Georgien wird für uns zu einem musik- und soziokulturellen Entwicklungsland. Dass dies nicht ganz richtig ist, beweist mir schon ein Konzertbesuch von The Shin. Nur ein Bruchteil dieser georgischen Musik beim ESC, und ich wäre glücklich.“ Quizfrage: Wen hat der georgische Rundfunk für 2014 nominiert? The Shin. Das ist für mich wie ein persönlicher ESC-Sieg.

Und schon folgt die Ernüchterung. Um den Wert dieser Musiker schätzen zu können, muss man sie live erleben. Die Band besteht seit 1998 aus den Mitgliedern Zaza Miminoshvili (Gitarre), Zurab J. Gagnidze (Bass) und Mamuka Gaganidze (Percussion). Sie leben und arbeiten zwar als Musiklehrer seit 1994 in Stuttgart, dennoch zählen sie in Georgien noch stets zu den angesehendsten Musikern des Landes. Der 2009 verliehene erste Preis beim German World Music Contest Creole machte sie auch in Deutschland einem breiteren Publikum bekannt. Für ihre Konzerte laden sie meist Gastmusiker und Tänzer ein. Beim ESC unterstützt sie die Jazz-Sängerin Mariko Ebralidze.

Das Repertoire von The Shin ist eine Fusion von georgischer Folklore, Flamenco, Funk, Shakti, Jazz-Rock und Jazz. Ihre eigenen Kompositionen und Improvisationen sind vom Allerfeinsten, noch auffallender aber ist ihre Virtuosität. Im Wechselspiel zwischen Strenge und Spaß, Coolness und Feurigkeit, Tradition und Moderne ziehen sie das Publikum mit ihrem „instrumental theatre“ für Stunden in den Bann. Würde es also beim ESC um Kunst und Können gehen, müsste Georgien mit The Shin haushoch gewinnen.

Aber um Musik geht es bei der TV-Show nur bedingt. Die Anzahl der Teilnehmer ist auf 6 Personen begrenzt, der Instrumentalpart wird play-back eingespielt und das Stück darf nicht länger als 3 Minuten sein. Reduziert auf dieses Maß werden beim ESC alljährlich hochkarätige Musiker mit Pop-Attrappen in einen Topf geworfen, dann wird „abgestimmt“ und es kommt zu entsprechenden Ergebnissen, die meist geopolitischen Strategien folgen.

Neues aus Absurdistan
Anstatt sich zu freuen, dass uns mal etwas Anspruchsvolles geboten wird, kamen Beschwerden; die Georgier mussten sich tatsächlich zur Nominierung georgischer Musiker rechtfertigen (unter 05.02.14). Sind es gar Produzenten aus Schweden, die sich ärgern? Und ärgert man sich über die eigenständige Entscheidung der Georgier und/oder über ihren Einsatz echter Musiker? Auf jeden Fall weichen die Georgier nun sehr von den üblichen Märchenstunden über „verblüffende“ Laien (die 1 Lied können) und vom ABBA-Sound ab. Die Profis von The Shin lieferten am 14.03.2014 eine Auftragsarbeit, die den Klägern den Rest gab. Jetzt wurde sogar eine Petition gegen diesen Beitrag angedacht. Damit ist man...

… in nur 3 Minuten auf den Boden der Eurovisions-Tatsachen angekommen
Der Song „Three Minutes To Earth“ ist ein 3-minütiges vielschichtiges Klangbild mit ständigem Harmonie- und Rhtythmuswechsel, ein Mix aus Weltmusik mit virtuosem Jazz, georgischer Polyphonie und ein bisschen Pop. Es klingt – wie zu erwarten – nicht nach ABBA sondern nach Pat Metheny, John McLaughlin und Paco de Lucia.

http://www.youtube.com/watch?v=o9ixkdkbieU

And now we are going Shin? Shin ist georgisch und bedeutet „nach Hause kommen“. Wäre doch mal eine musikalische Ansage, wenn The Shin mit diesem Beitrag den Eurovisionstross zu sich nach Georgien holt. Georgien startet im 2. Semifinal am 08.05.2014, in dem auch Deutschland mitvoten kann.

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