70.200 Samples

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Zur Zeit geistert der Name eines Musikers und Künstlers durch die Welt des Internets, der vorher doch eher unbekannt war: Johannes Kreidler. Er plant eine spektakuläre Aktion: Am 12. September 2008 wird er ein 33 Sekunden langes Musikstück mit namens "product placements" bei der GEMA anmelden, dass aus 70.200 Samples besteht. Laut den Regeln der GEMA muss jedes Sample eigens nachgewiesen werden.
Zwar stellt Johannes seine Kompositionen nicht unter einer freien Lizenz zur Verfügung, aber in Anbetracht dieser einmaligen Aktion sehen wir großzügig darüber hinweg.

Christian: Was genau bezweckst du mit einer Aktion, ein Musikstück bestehend aus 70.200 Samples bei der GEMA anzumelden? Willst du nur auf dich aufmerksam machen?

Foto von Johannes Kreidler
Foto: Leowee Polyester
Johannes: Ich mache auf Missstände im deutschen Urheberrecht und seine entsprechende Handhabe bei der deutschen Verwertungsgesellschaft für Musik, der GEMA, aufmerksam. Es geht dabei eigentlich nicht darum, die GEMA mit 70200 Einzelnachweisen mal in die Knie zu zwingen, sondern einen Diskurs über Reformen in der Kulturpolitik anzustoßen. Meine Aktion übt Druck aus, der eigentlich Zwang ist aber schlichtweg die heutige Situation der digitalen Welt. Ich bin Künstler und mache diese politische Aktion mit meinen künstlerischen Mitteln, also ist das natürlich mit meiner Person verbunden, das ist eben so.

Christian: Bist du bereits Mitglied bei der GEMA?

Johannes: Bin ich schon seit fünf Jahren, das ist üblich für einen Komponisten.

Christian: Wieso hast du genau 70.200 Samples genommen? Und wieso ist dein Stück 33 Sekunden lang?

Johannes: Die große Zahl symbolisiert die großen Datenmengen, die im digitalen Zeitalter existieren, die verhältnismäßig kleine Zahl symbolisiert die Kompression, das Verfahren das all das möglich macht. Der Quotient aus beiden Zahlen ist der Provokationsquotient. Dass es exakt diese Zahlen sind ist willkürlich bzw. hat noch mit der machbaren Papiermenge für die Werkanmeldung bei der GEMA zu tun.

Christian: Woher hast du so viele Samples? Und hast du alle angehört und danach erst arrangiert?

Johannes: Tausende Soundfiles sind nichts Besonderes, ich kenne viele Leute, die diese Klangmengen auf ihren Computern und Abspielgeräten haben. (Warum sonst verkaufen sich Terrabyte-Festplatten gut?) Das Arrangement ging natürlich nur durch eine Programmierung, die mit großen Datensätzen umgehen kann. Damit habe ich das dann komponiert.

Christian: Apropos komponiert. Wie verarbeitet man so viele Samples?


Pure Data-Screenshot, Quelle: Wikipedia
Johannes: Arrangiert habe ich das Stück mit Pure Data, einer Open-Source- Multimedia-Entwicklungsumgebung, mit deren Hilfe auch die Einzelnachweise automatisch generiert wurden.

Christian: Kennst du das Rechtemodell der "Creative Commons"?

Johannes: Kenne ich, nutze ich bislang aber nicht, denn die Avantgarde-Musik ist ohnehin ein Spezialfall, da fragt (normalerweise) eh niemand nach Art der Lizenzierung, nur dass die Aufführungsrechte die GEMA verwaltet. Live-Aufführungen sind oft das einzige Einkommen für Avantgarde-Musik (und mittlerweile ja auch der Unterhaltungsmusik), und dafür ist die GEMA noch in Ordnung. Für mich nicht in Ordnung ist die Nutzung von Samples laut GEMA, da geht CC in die richtige Richtung. Was an der CC-Geschichte leider fehlt, ist dass nicht auch grundsätzlich darüber nachgedacht wird, wie Schaffung von Kulturgütern in der digitalen Welt finanziell entlohnt werden kann. Ich habe keine Lösungen, aber möchte dass Modelle diskutiert werden wie hinreichende Abgaben auf Leermedien oder eine Kulturflatrate.

Christian: Wenn Musikstücke unter einer CC-Lizenz stehen, können die Urheber sie nach wie vor finanziell verwerten - lediglich die nicht-kommerzielle Verbreitung steht jedem frei. Du hast dich gegen dieses Modell entschieden, da drängt sich die Frage auf, ob du über die Aufführungen mehr Geld über die GEMA rein bekommst, als du an GEMA-Gebühren zahlst? Die GEMA wird ja oft auch als Umverteilungsanstalt bezeichnet, die Einnahmen von unbekannten Künstler an Superstars umschichtet.

Johannes: Ich muss sagen dass ich das einfach noch nicht ernsthaft in Erwägung gezogen habe mit CC für meine eigene Musik, weil die ohnehin sehr speziell ist, häufig auch mit Performance-Anteil oder Video. Und als ich in die GEMA eingetreten bin war CC noch eine kaum bekannte Sache. Ich kann aber sagen, dass ich tatsächlich ein paar Groschen von der GEMA reinbekomme, wenn auch lächerlich wenig.

Christian: Aber "geistiges Eigentum" soll frei verfügbar sein?

Johannes: Madonna hat Millionen dafür bezahlt, dass sie einen ABBA-Song covern darf um damit wieder Millionen einzunehmen. Wenn nun aber der ABBA-Song frei verfügbar wäre, dann würden das natürlich viele versuchen, mit dem Effekt, dass der gute alte ABBA-Song wohl doch am beliebtesten bliebe, sofern jemand nicht wirklich etwas Originelles hinzufügen könnte. Und das ist doch sehr sinnvoll, wenn Originalität sich durchsetzt statt der Kaufkraft von Madonna. Originale kann man kopieren, Originalität nicht. Darum: Geistiges Eigentum soll frei verfügbar sein, zum Wohl der Menschheit. Und: Kunststiftungen (am besten finanziert von der GEMA) müssten Künstlern Aufträge geben, damit diese für ihre Arbeit auch belohnt werden, die Werke dann wären aber Allgemeingut. Es gibt eigentlich kein geistiges Eigen-tum, so wie man materielle Güter besitzt (wobei man auch da sich fragen darf, ob das Öl von Nigeria nur Shell gehört während die Nigerianer hungern). Da kann man bis Hegel gehen: Gedanken werden durch Kommunikation erzeugt, aber es gibt keine reine Intersubjektivität. Kommunikation geht immer über Objekte, die Übermittler zwischen den Subjekten sind. Hierbei auf die Besitzfrage zu kommen kann nur dem Kapitalismus einfallen.

Christian: Findet deine Aktion Anklang? Haben sich auch Musiker an dich gewandt, um dich zu unterstützen?

Musik mit Musik
Quelle: kreidler.net
Johannes: Also die Zahl der Besucher auf meiner Website, der Diskussionen in Blogs und persönlichen Mails an mich sind gigantisch. Natürlich gibt es kontroverse Meinungen, und witzig ist dass viele mir schreiben: Das machen wir jetzt alle, solche Stücke und bringen die GEMA damit zum Kollaps. Darauf sage ich: Wenn ihr wollt, aber ihr macht es ja ohnehin im Netz dauernd, dass ihr Informationen kopiert und bearbeitet - von Nichts kommt Nichts. Es geht aber eher darum, mit einer signifikanten Aktion das Problembewusstsein dafür zu schärfen und von da aus weiter zu gehen. However, die Resonanz bestätigt mich natürlich, und der 12.9., wenn ich morgens um 11h bei der GEMA-Generaldirektion Berlin meine Papierberge einreichen werde, soll ein Event in der Geschichte des Urheberrechts werden.

Christian: Jetzt zur wichtigsten aller Fragen: Hast du die 70.200 Formulare schon ausgefüllt?

Johannes: Die fertigen 70.200 Formulare füllen derzeit meine Wohnung.

Christian: Hast du die Formulare von der GEMA zugeschickt bekommen, oder musstest du sie selber ausdrucken?

Johannes: Die Anmeldung geschieht in Form von Anlagen, den Einzelnachweisen, die habe ich selber erstellen müssen. Ja, das hat einiges an Papier und Toner gekostet. Ich sage doch, Künstler müssen für ihre Arbeit bezahlt werden ;)

Christian: Eine letzte Frage: Deine Kompositionen klingen doch sehr speziell. Erhoffst du dir eines Tages damit finanziell erfolgreich zu sein?

Johannes: Mir geht's in erster Linie darum, künstlerisch erfolgreich zu sein, also Musik von hohem Anspruch schaffen zu können und dass diese auch umfangreich rezipiert wird. Was die Finanzen betrifft - in unserer marktwirtschaftlichen Welt deckt sich künstlerischer Erfolg oft nicht mit finanziellem Erfolg, wenn es um wirklich fortschrittliche Kunst geht. Dagegen kämpfe ich zumindest an, und natürlich mit Kunst.

Christian: Nun, in dem Fall wünsche ich dir beides: Sowohl künstlerischen als auch finanziellen Erfolg. Bei der Presse, die du mit dieser Aktion bekommen hast - und hoffentlich auch noch wirst, wird bestimmt jemand auf dich aufmerksam werden.

Weitere Informationen und natürlich das Musikstück, um das sich hier alles dreht, gibt es auf der Webseite von Johannes: Kreidler-net.de

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Kommentare (2)

Johannes: Die Anmeldung geschieht in Form von Anlagen, den Einzelnachweisen, die habe ich selber erstellen müssen. Ja, das hat einiges an Papier und Toner gekostet. Ich sage doch, Künstler müssen für ihre Arbeit bezahlt werden ;) ged social studies practice test

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