70.200 Samples - Nachbetrachtung

Abgelegt unter:
Kurz-URL: http://mkzä.de/30

Am 12. September 2008 war Johannes Kreidler mit 70.200 Blatt Papier bei der GEMA in Berlin. Bereits vor der Übergabe hatten wir ihn interviewt. Jetzt wollten wir natürlich wissen, wie die Aktion verlaufen ist.

90 Minuten Pressekonferenz

Übergabe an die GEMA Bild 1
Foto: zeitrafferin - Julia Seeliger

Christian: Johannes, du hast deine Einzelnachweise an die GEMA übergeben - und nach einer 90 minütigen Pressekonferenz wieder mitgenommen. Die Süddeutsche betitelte ihren Bericht über deine Aktion mit "Des Widerspenstigen Zähmung". Fühlst du dich von der GEMA gezähmt und gibst klein bei?

Johannes: Der Artikel der Süddeutschen schreckt für die Stimmungsmache gegen die Aktion auch vor dreisten Lügen nicht zurück. Die traut sich sogar zu schreiben, ich sei "unauffällig durch die Glastür" mit den Stapeln gegangen, obwohl jeder im Internet die Videos sehen kann, wie ich vor versammelter Presse da reinmarschiere, usw., dass überhaupt keine Musiker anwesend gewesen seien, alles falsch, pure Gehässigkeit. Über die Piratenpartei wird auch unqualifiziert gelästert, und selbst über mein Outfit.
Also: Ich habe im Vorfeld ja betont, dass es nicht drum gehen kann, dass die GEMA das Papier bearbeitet - das System muss sich stattdessen ändern. Die Provokation wäre gescheitert, wenn die GEMA das angenommen hätte. Sie hat es aber nicht, sondern erklärt, dass meine Samples legal sind, obwohl ihr Anmeldebogen, das kann jeder auf gema.de nachlesen, vorschreibt gemäß dem Urheberrechtsgesetz jeden kleinsten Teil zu melden, und das gilt selbst für mittelalterliche Volksweisen. Die GEMA hat also eingelenkt, und der bürokratische Quatsch hat sich Gott sei Dank erledigt.

Christian: Laut GEMA war deine Aktion vollkommen überflüssig. Du hättest dein Musikstück auch online anmelden können. Wieso hast du das nicht gemacht?

Johannes: Von wegen! Jeder kann auf gema.de lesen, dass Werke mit Fremdanteilen NICHT online angemeldet werden können, das verschweigen sie in dem Zusammenhang. Und selbst wenn es ginge: Dann würde man sie eben vollspammen. Das Problem des veralteten Urheberrechts in digitalen Zeiten ist damit doch nur an der Oberfläche angegangen. Grundsätzlich ist schon schade, dass die GEMA in eine reine Abwehrhaltung verfällt, statt sich ehrlich den Problemen zu stellen.

Christian: Ein weiterer Kritikpunkt der GEMA war, dass nur erkennbare Tonfolgen nachgewiesen werden müssten. Ist diese - ein klein wenig schwammige - Formulierung irgendwo präzisiert? Studien haben schlieslich gezeigt, dass bereits Sekundenbruchteile ausreichen können, um eine Tonfolge zu erkennen.

Johannes: Richtig, das ist schwammig, und nicht nur ein klein wenig. In meinem Fall hat sie ja argumentiert, die Schnipsel seien zu klein. Ich frage mich dann aber, warum Torrents verfolgt werden. Hier regiert offenbar die Willkür. Wenn ich mit den Papierstapeln auf die GEMA Druck ausübe legt sie das Urheberrechtsgesetz natürlich zu ihren Gunsten aus. Darf das sein?

Medienpräsenz vor Ort

Christian: Die Ankündigung deiner Aktion lief einmal quer durchs Netz. Wie sah es mit der Unterstützung vor Ort aus?

Johannes: Neben Print-, Radio- und Fernsehjournalisten waren natürlich Musiker da, CC-Aktivisten, aber auch die Politik: die Piratenpartei selbstverständlich (Danke!) und Vertreter der Grünen. Das war für die Diskussion natürlich bestens so.

Christian: Es gab einiges an Spekulationen, wie die GEMA reagieren würde. Viele Kommentare sagen, sie hätten dir elegant den Wind aus den Segeln genommen, indem sie auch deine Provokation nicht reagiert hätte. Hast du es als "keine Reaktion" verstanden, dass sie anlässlich einer Werksanmeldung eine Pressekonferenz einberuft?

Johannes: Klar, sie machen ja für jede der 500.000 jährlichen Werkanmeldungen so eine Konferenz ;) Bedauerlich ist, dass einfach aus der Tatsache, dass das Papier letztlich obsolet war der Boulevard daraus gleich die Meldung strickt, er trottet also wieder mit seinem Formularen davon - Aktion gescheitert. Aber es gibt Gott sei Dank auch genügend Foren, wo reflektiert über die Sache diskutiert wird. Dass die Kontroverse weitergeht ist mir aber grundsätzlich Recht. Kunst leistet nicht einfach Widerstand, sondern produziert Widersprüchlichkeit. Das bringt die Sache weiter.

Christian: Was machst du jetzt mit den 70.200 Einzelnachweisen?

Johannes: Die bleiben als Skulptur ein Kunstwerk, die baue ich nun als Sockel für einen Monitor auf, auf dem die Dokumentation der Aktion zu sehen ist. Das gehört in ein Museum.

Übergabe an die GEMA Bild 2
Foto: zeitrafferin - Julia Seeliger

Christian: Du deine Aktion sicherlich nachbereiten. Verrätst du uns, was du konkret machen wirst?

Johannes: Jetzt muss mal das viele Dokumentationsmaterial gesichtet werden. Außerdem läuft die Diskussion ja weiter, insofern sehe ich auch noch nicht das Ende. In zwei Wochen sitze ich in Dortmund bei der Konferenz "Kreative Arbeit und Urheberrecht" in Dortmund wieder am Diskussionstisch, dann mit dem stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden der GEMA.

Christian: Gibt es bereits einen Titel für das Stück, dass du mit "3pm" kodieren willst? Und was genau hat es damit auf sich?

Johannes: Das war erst mal ein Witz. Denn das Resultat davon wäre ja Stille. "3pm" ist der Name eines Codecs, der nicht wie mp3 alle unhörbaren sondern, alle hörbaren Frequenzen entfernt. Aber vielleicht kreiere ich aus der Idee mal was polemisches, zum Beispiel eine GEMA-Anmeldung. (grinst)

Alternative Kulturflatrate?

Christian: In der Pressekonferenz mit der GEMA wurde auch die "Kulturflatrate" erwähnt. Für diesen Begriff gibt es viele Interpretationsformen, die meisten davon werden nur noch von Rechteverwertern überhaupt in Betracht gezogen. Was verbindest du mit diesem Begriff?

Johannes: Also grob gesagt geht es um Abgaben auf Internetzugänge, die über Verwertungsgesellschaften an Künstler weiter gehen. Ob das hinhaut weiß ich nicht, in Schweden wird's demnächst erprobt. Ich kann nicht sagen, dass ich das für den Stein der Weisen halte, es nur ein Modell, was wenigstens der digitalen Realität eher beikommt als das alte System. Für Künstler sollte vor allem das Auftragswesen von Stiftungen ausgebaut werden. Dann könnten die geschaffenen Werke für die Menschheit frei verfügbar sein. Das wäre mir am Liebsten.

Christian: Die technische Umsetzung ist hier noch sehr unklar, da noch Wege gefunden werden müssen, um zu erfassen, welche Musik gehört wird. Ansonsten würde, wie bei Leermedien, von der GEMA eine Annahme getroffen werden, welche Werke heruntergeladen werden. Unter dieser Vermutung leiden vor allem unbekanntere Künstler oder die, die bewusst die Verwertung ihrer Rechte nicht an GEMA und Co. abgegeben haben.
Hat es sich für dich bis jetzt gelohnt, GEMA-Mitglied zu sein? Hast du schon mehr an Vergütung erhalten, als du an Mitgliedsbeiträgen gezahlt hast?

Johannes: Die Sache mit der Musikflatrate ist in der Tat höchst heikel. Man müsste eigentlich eine Debatte über Qualität dann führen, aber da wird's natürlich sehr schwierig. Für mich kann ich sagen dass ich bislang jedes Jahr ein bisschen im Plus rauskam, aber im Verhältnis zur Arbeit (Ein Jahr!) ist das der Bruchteil des derzeit verhandelten Mindestlohns. Man muss in der Tat ein paar Jahrzehnte Mitglied sein, dann lohnt es sich.

Christian: Dürfte ein Komponist, der GEMA-Mitglied ist, ein Auftragswerk für eine Stiftung erzeugen, dass dann gemeinfrei wäre? Würde dieses Werk nicht dem Urheberrecht unterliegen und würde somit von der GEMA verwaltet werden?

Johannes: Erste Frage: Nein, zweite Frage: Ja - also: Der Fall spricht ganz klar für CC. (lacht)

Christian: Eine schönere Aussage hätte ich mir für den Abschluß kaum ausdenken können.
Danke für das Interview, wir freuen uns darauf, bald wieder über dich berichten zu können.

Deine Bewertung: Keine Durchschnitt: 5 (2 votes)

Kommentare (2)

Christian: Laut GEMA war deine Aktion vollkommen überflüssig. Du hättest dein Musikstück auch online anmelden können. Wieso hast du das nicht gemacht? ged prep books

[...] Die GEMA hat sich jedenfalls am Ende rausgeredet. Kaum anders zu erwarten, denn wer arbeitet schon 70.200 Papierblätter durch, die nur den Sinn haben die Arbeit des Bearbeiters zu hinterfragen. Wie es weiterging, kann man dann bei den Musikpiraten nachlesen. [...]

Artikel

Projekte

Interviews

Informationen