Von Musik leben können

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Von Musik leben können

Mit freundlicher Genehmigung von Thomas Euler.

Es ist der typische Wunsch der meisten Nachwuchskünstlers: Einen Plattendeal bei einem großen Label bekommen, ein netten Vorschuss erhalten und in den TRL-Charts in den Top 5 landen, während das
eigene Video auf Heavy Rotation läuft. Doch für geschätzte 99% der Künstler bleibt dies nicht mehr und nicht weniger als ein frommer Wunsch. Die Realität sieht doch meist so aus, dass der
Lebensunterhalt mit einem 9-5 Job verdient werden muss. Alternativ kann natürlich auch der Weg des verkannten Genies gewählt werden, das in Armut lebt.

Allerdings gibt es durchaus einen Weg dazwischen. Das ist nicht neu, allerdings hat Kevin Kelly, der Chefredakteur des amerikanischen Wired Magazins, kürzlich die "http://www.kk.org/thetechnium/archives/2008/03/1000_true_fans.php">Theorie der "1000 treuen Fans" formuliert, die einen durchaus gangbaren Weg für einen Künstler aufzeigt, um von seiner Musik
(oder natürlich jeder anderen Kunstform) leben zu können, ohne gleich ein gefeierter Star zu sein.

Die Grundüberlegung ist die, dass ein Artist 1000 treue Fans benötigt, um von seiner Kunst leben zu können. Der "treue Fan" ist dabei definiert als ein Fan, der alles kauft, was der Künstler
veröffentlicht. Er besucht jedes Konzert, kauft jedes Album und jede Single, kauft ein T-Shirt und die Limited Edition, auch wenn er schon im Besitz der Standardversion ist. Gibt der treue Fan auf
diesem Wege jährlich ein durchschnittles Tagesgehalt aus, ca. 100€, so kann der Künstler von 100.000€ abzüglich seiner Kosten von dem verbleibenden Geld - geschätzte 30.000€ - durchaus ein Leben
unterhalten. Zusätzlich kommen zu jedem dieser Diehard-Fans noch einige normale Fans, die zumindest ein paar Euro in den Künstler investieren.

Wie aber erreicht man die kritische Masse von 1000 treuen Fans? Der Schlüssel zum Erfolg liegt im direkten Kontakt mit seinen Fans. Das bedeuted, viele Konzerte geben, mit seinen Fans reden und
Präsenz schaffen. Besondere Bedeutung kommt dabei auch dem Medium Internet zu. Kelly schreibt:

"The technologies of connection and small-time manufacturing make this circle possible. Blogs and RSS feeds trickle out news, and upcoming appearances or new works. Web sites host galleries of
your past work, archives of biographical information, and catalogs of paraphernalia. Diskmakers, Blurb, rapid prototyping shops, Myspace, Facebook, and the entire digital domain all conspire to
make duplication and dissemination in small quantities fast, cheap and easy. You don't need a million fans to justify producing something new. A mere one thousand is sufficient."

Da viele Künstler allerdings nur Künstler und keine Kommunikatoren sein wollen, kann diese Arbeit von einem Management übernommen werden. Die Zahl 1000 ist in dem Modell ausgerichtet
an dem Finanzbedarf eines Solokünstlers. Eine Band mit mehr Mitgliedern braucht entsprechend mehr Fans. Ebenso erhöht sich die Zahl der benötigten Fans, sobald der Künstler seine Veröffentlichungen
zusammen mit Partnern (Label, Vertrieb, Bookingagentur, etc.) realisiert, die einen (Groß)Teil der Einnahmen einbehalten. Folglich steigt die Zahl 1000 durch die Nutzung eines Managements ein
wenig, allerdings nicht in unermessliche Sphären.

Der Künstler, ggf. mit seinem Management, sollte daher möglichst viele Aufgaben in die eigene Hand nehmen. Auch hierbei hilft das Internet. Anstatt sein Album über ein Major zu vertreiben und auf
diesem Weg einen Großteil der Einnahmen abgeben zu müssen, verkauft er seine Musik sinnvoller Weise selbst auf seiner Homepage. Statt Merchandising-Artikel über Shops zu vertreiben, die EKs und
Prozente haben wollen, wird lieber ein eigener Webshop aufgemacht. Durch die Veröffentlichung von Neuigkeiten auf einem Blog ersparrt er sich hohe Kosten für eine Presseagentur. Wie gesagt: Es geht
nicht darum, Superstar zu werden - der kann auf all diese Dinge kaum verzichten - sondern es geht um 1000 treue Fans, die ein normales Leben von der Musik ermöglichen.

Natürlich, das sei an dieser Stelle selbstredend nicht verschwiegen, sammelt man auch "blos" 1000 Fans nicht, wenn man keine gute Musik zu bieten hat. Diese ist und bleibt die Grundvorraussetzung
für jegliche Art von Erfolg. Aber trotz guter Musik schaffen es viele Künstler nicht, erfolgreich und gefeiert zu werden. Aber statt zu resignieren und nach der x-ten Absage eines Labels alles an
den Nagel zu hängen - man sei ja schließlich nicht massenkompatibel - geht es eben auch in Eigenregie. Dazu gehört natürlich einiges an Arbeit, doch ohne Fleiß bekanntlich kein Preis.

Das hinter all dem keine blose Theorie steckt, zeigen einige Beispiele aus der Praxis. So rief beispielsweise die Sängerin Jill Sobule vor
knapp 2 Monaten auf der Website Jill's Next Record ihre Fans dazu auf, Geld zu spenden, damit sie in einem professionellen Studio ein
neues Album aufnehmen könne. Insgesamt wollte sie auf diesem Weg 75.000$ generieren. Nach nur 54 Tagen waren auf diesem Wege 80.000$ zusammengekommen und das Ziel damit erreicht. Jill selbst
schreibt dazu:

"I have always been a sort of special needs child (like a good percentage of artists in my industry) who wait for the label, the manager, the "man" to do everything for them - after taking any or
all profits. But now I've learned to rely on myself and... well, you."

Selbstverständlich ist solch ein Erfolg nicht realisierbar, ohne vorher bereits einiges an Bekanntheit erreicht zu haben. Diese hat sie sich durch viele Konzerte, Alben und Fanpflege erarbeitet.
Die Spender (knapp über 500), bekommen übrigens auch eine Gegenleistung, entsprechend der Höhe ihrer Spende. Die Spannweite reicht von einem Gratisexemplar des neuen Albums (für 10$) bis hin zu
einem Privatkonzert (50.000$). Man sieht also, dass sich durchaus auch professionelle, kostspielige Konzepte ohne ein Major im Rücken realisieren lassen. Es bedarf nur etwas Mutes und kreativer
Ideen.

Etwas weiter gedacht ergibt sich aus diesen Überlegungen die Frage, ob es nicht sinnvoll wäre, eine Art Online-Management für unbekannte Künstler aufzubauen, das nicht nur aber hauptsächlich mit
Hilfe des Mediums Internet arbeitet, um eben jene 1000 oder ein paar mehr treue Fans für einen Künstler sammelt. Auf diese Weise ließen sich sicherlich einige Acts aufbauen und ihnen wäre die
Chance gegeben, sich vollkommen auf ihre Musik zu konzentrieren. Mit etwas Expertise und Ausdauer nämlich ist es kein Ding der Unmöglichkeit, die besagten 1000 Fans zu erarbeiten.

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Kommentare

Mo, 08/10/2009 - 02:02 — Lukas Schneider (nicht überprüft)

Graswurzelromantik... sowas funktioniert für einige wenige unter Millionen... und auch nur solange man nicht viel Geld für PR ausgeben muss. Sicherlich kann man Geld mit Zeit wett machen, aber dann sitzt man wochenlang vor seinem Mac und spamt Myspace anstatt Musik zu machen. Schöne neue Welt!

Mo, 08/10/2009 - 06:56 — musikpirat

Moin Lukas,

Mag sein, dass sowas nur für wenige funktioniert. Aber es gibt nun mal keine Garantie darauf, einen dicken Benz zu fahren, nur weil man Musiker ist. Als Künstler ist man einem knallharten Markt ausgesetzt, der vor Konkurrenten nur so wimmelt. Hier muss man ganz klar etwas bieten, was einen von der Masse abhebt. Das kann etwas eine ganz tolles Label sein, dass Tausende in Werbung steckt (und dann halt auch ein paar Fans verklagen lässt), oder aber man sucht besondern viel Kontakt zu seinen Fans.

Beides kann funktionieren, aber eine Garantie dafür gibt es nicht. Musiker ist definitiv ein ziemlich anstrengender Job, der deutlich mehr Zeit kostet, als nine to five im Büro zu sitzen, dafür bekommt man aber auch - so man gut ist - deutlich mehr Resonanz von seinen Fans.

Mo, 08/10/2009 - 15:40 — Lukas Schneider (nicht überprüft)

Ich veröffentliche seit meinem 17ten Lebensjahr professionell Musik. Dass das kein todsicheres Geschäft mit Erfolgsgarantie ist weiß kaum jemand besser als jemand wie ich.
ABER mir ging es in dem Kommentar darum, dass gerade von Musikpiraten immer wieder absurde bis abenteuerliche Alternativkonzepte zum "traditionellen" Musikgeschäft in die Diskussion geworfen werden die eben keine Alternative sind.
Labels sind im Grunde Ventures die eine Misserfolgsquote von 80% einplanen müssen, die bis zum Download-dammbruch der letzten sieben Jahre auch mit Erfolgen refinanziert werden konnte. Die Erfolgsquote bei diesem 1000 Fan Konzept liegt bestenfalls im Promill Bereich.

Mo, 08/10/2009 - 17:16 — musikpirat

Aber wessen Schuld ist das? Und wie willst du das Problem lösen? Haftstrafen für illegale Downloads? Razzien auf Schulhöfen, sobald verdächtige USB-Sticks ausgetauscht werden?

Musiker werden ihre eigenen Wege finden müssen, um mit dem Problem der Allgegenwärtigkeit von Musik umzugehen - und mit der kostenlosen Konkurrenz aus dem Netz. Es ist ja nicht so, dass jeder Musikdownload aus dem Netz illegal wäre. Ganz im Gegenteil. Ich betreibe ja diese Seite hier um zu zeigen, dass es mehr als genug Musiker gibt die sich freuen, wenn man ihre Musik runterlädt. Wer heutzutage immer noch Musik gegen den Willen der Urheber runterlädt, bekommt von mir nur noch ein müdes Kopfschütteln.

Di, 08/04/2009 - 10:50 — Ecko (nicht überprüft)

"1000 treue Fans". Genau hier liegt der Hund begraben. Mit Teilnahmen an den diversen Musikwettbewerben und mit klinkenputzen um auf privaten Feiern oder auch Stadtfesten spielen zu dürfen ist eine solche Zahl - und seien es nur normale Fans - nicht zu erreichen. Genau hier greift eigentlich auch erst die Arbeit der Verlage und Labels: Durch ihre Finanzstärke ist es ihnen möglich so weit Werbung für eine Band zu streuen, daß eine große Zahl potentieller Fans erreicht wird und durch ihre Kontakte innerhalb der Branche können sie deutlich mehr Veranstalter ansprechen. Dazu kommt noch das Problem, daß ein "treuer Fan" diesen Status ja nicht für immer behalten wird. Es wird also nötig, permanent neue Fans zu aquirieren um die Zahl 1000 dauerhaft halten zu können. Ein Künstler (oder auch eine ganze Band) kann das nicht leisten.

Mi, 08/05/2009 - 07:02 — musikpirat

Moin Ecko,

ich habe irgendwie den leisen Verdacht, dass du für einen Verlag oder ein Label arbeitest, sonst würdest du deren Arbeit nicht so massiv verteidigen. :) Gerade dank Internet ist es nicht mehr wirklich nötig, jemanden für die Werbung einzukaufen und an jeder Einnahme die man hat zu beteiligen.

Es spricht nichts dagegen, für Werbung Spezialisten einzukaufen. Die werden bezahlt und gut ist. Auch spricht nichts dagegen, jemand zu bezahlen der Kontakt zu Veranstaltern hat. Aber es geht auch ohne. Beispiele dafür findest du bei den Interviews.

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