Cologne Commons

Kurz-URL: http://mkzä.de/96

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Am 12. und 13. Juni 2009 findet in Köln erstmals die Konferenz "Cologne Commons" statt. Themen sind freie Musik, das Internet und die Zukunft der Musikindustrie im Allgemeinen. Neben Vorträgen und Workshops gibt es auch am Konzertabend Musik auf die Ohren. Nach der Ankündigung letzte Woche, folgt nun ein Interview mit einem der Macher.

Martin ist nicht nur Organisator der Cologne Commons, er schreibt auch für das Online-Magazin gulli.com, ist als Musiker unterwegs und blogt auf digitaltools.node3000.com/.

Christian: Hi Martin. Als ich mir durchgelesen habe, wer alles die Cologne Commons organisiert ist mit eins aufgefallen: Die Übereinstimmung von eurem Team mit dem der Netlabelsnights ist verblüffend groß. Ist das Zufall oder startet gerade am Rhein eine große Kampagne für freie Musik?

Martin: Ich bin ziemlich überrascht, was zur Zeit hier alles passiert, und dass es zum Teil von Leuten auch als Kampagne aufgefasst wird. Aber nein, es gibt keinen großen Masterplan.

Christian: Hey, auch cc-Künstler müssen von irgendwas leben... Und durch den fast allgegenwärtigen nc-Zusatz ist ja auch recht offensichtlich, dass viele das auch über die Kunst machen wollen. Keinesfalls verwerflich, von irgendwas muss man ja leben.

Gewinnspiel

Zu gewinnen gibt es auch wieder was:
Wer über das Kontaktformular eine Nachricht mit dem Betreff "Cologne Commons" schickt, kommt mit ein wenig Glück in den Besitz einer Freikarte für beide Konferenztage plus beide Partyabende! Ausgelost wird am 30.04.2009.

Martin: Finde ich ganz interessant das du das ansprichst. Inzwischen habe ich da eine eher kritische Position zu der Nutzung von NC bei der meisten Musik, die kostenlos im Internet veröffentlicht wird. Meine Beobachtung ist, dass viele Musiker sich vorstellen, dass mal eines Tages jemand kommt, und ihnen Geld für ihre (ohnehin schon CC-lizenzierten Veröffentlichungen) bezahlt. In der Praxis ist mir nicht ein einziger Fall bekannt, wo das wirklich so funktioniert hat. Tatsächlich wollen viele Musiker, die CC nutzen, "nur" eine möglichst hohe Verbreitung. Durch die NC (also kommerzielle Nutzung ausgeschlossen) beschneiden sich im Gegenteil viele Musiker unfreiwillig selbst. Gerade kommerzielle Medien (Zeitungen, Online-Portale, TV, Werbung etc.) haben in der Regel eine wesentlich höhere Reichweite, als nicht-kommerziellen Medien. Um bekannt zu werden könnte es also mehr als sachdienlich sein, auf die NC zu verzichten - Namensnennung und Referenz muss ja bei Nutzung gegeben sein. Das könnte man im Zweifel ja selbst einklagen. Denn aus der anderen Perspektive betrachtet verzichte ich lieber auf die freie Musik, als im Einzelfall erst aufwändig Rechte zu klären und ein Einverständnis einzufordern. Da greife ich dann lieber in den Pool der Musik, auf die ich ohnehin Zugriff hab. Und genau das ist die Krux, weil sich dann viele Musiker auch fragen, warum sie vom "Mainstream" ignoriert werden. Sicherlich muss nach wie vor Promotion-Arbeit betreiben werden, aber die falsche Lizenz kann hier ein großes Potenzial verbauen.

Selbiges gilt natürlich nicht nur für Musik. Vor allem auch Bilder sind von dieser Problematik betroffen.

95% der Netlabels arbeiten nicht kommerziell

Christian: Das ist in der Tat eine interessante Thematik - zu der auch schon ein eigener Artikel in Vorbereitung ist. CC-Lizenzen werden gerne mit der GPL verglichen. Durch den NC-Zusatz wird aber eine der Bedingungen komplett negiert - die kommerzielle Verwertbarkeit. Insofern könnte man eigentlich sagen, dass NC-lizenzierte nicht frei sind. Der einzige Vorteil wäre, dass jedermann sie verbreiten darf ohne dafür verklagt zu werden. Würdest du dem zustimmen?

Martin: Nun ja. Ähnlich meiner letzten Antwort. Ich denke nicht, dass die Musik dadurch "unfrei" wird, jedoch beschneiden sich viele Nutzer der NC der eigenen Möglichkeiten - meistens sich ohne dessen bewusst zu sein. Auch fängt dann oft die Gratwanderung an, wo der kommerzielle Kontext beginnt und wo er aufhört. Dennoch bin ich der Auffassung, dass - sofern man die Creative Commons Lizenz in diesem Zusammenhang *bewusst* einsetzt, man sehr viel genauer steuern kann, was mit den Werken geschehen soll. Trotzdem möchte ich erneut ein Plädoyer für nicht-NC CC-Lizenzen geben, also Creative Commons Lizenzen, die eine kommerzielle Nutzung explizit erlauben. Grob geschätzt würde ich mal sagen, dass 85 Prozent der Musik online, die CC-BY-NC lizenziert ist, eigentlich die falsche Lizenz nutzen. Denn die Urhebers dieser Werke möchten meinst eine möglicht hohe Verbreitung, verfolgen jedoch keine kommerziellen Interessen. Übrigens... eine kürzlich von Max Planck Institut durchgeführte Studie über Netlabels ergab, dass 95 Prozent der Netlabels ohnehin keine kommerziellen Interessen verfolgen (Mehr Infos dazu: http://phlow-magazine.com/feature/1076-netlabel-research-numbers-results-paper und http://www.gulli.com/news/netlabels-erste-ergebnisse-der-2009-02-12/ ).

Ich denke für viele Urheber ist Aufgeben von Kontrolle, gerade bei künstlerischen Werken, relativ neu. Es erscheint anti-intuitiv. Vielleicht liegt es auch daran, dass jahrhundertelang, vor allem im 20. Jahrhundert, eine Überhöhung des Künstler als "Schöpfer" von Werken stattgefunden hat, die auch immer wieder mit ökonomischen Prozessen in Verbindung gebracht wird. Wenn es jedoch um Kunst (im weitesten Sinne) und Geld geht, so war es zu jeder Zeit schwierig, all dieses unter einen Hut zu bringen. Nach wie vor steckt da viel Arbeit drin. Man sollte von Copyright bis hin zu den freiesten Lizenzen immer wieder alle Möglichkeiten abwägen. Die Creative Commons NC-Lizenz entspricht an ehesten dem "traditionellen Copyright" in einer es abgemilderten Form, die sich gut zur Verbreitung im Internet eignet. Medienindustrie, Technologie und Wahrnehmung wandelt sich, da muss man gerade als Künstler über seine eigenen Position in diesem Zusammenhang neu nachdenken - selbiges gilt für Verwertungsmodelle.

Diese jedoch ist meine persönliche Auffassung. Diskussionen dieser Art jedoch werden auch Teil unserer Konferenz sein.

Christian: Wenn 95% der Netlabels nicht kommerziell arbeiten, welche Ziele verfolgen dann die Musiker und wie verdienen sie ihr Geld? Nicht-kommerzielles anbieten scheint bisher ziemlich wenigen Musiker zu reichen, um davon zu leben?

Martin: Das Ergebnis der Studie hat mich auch zunächst überrascht, also das tatsächlich so wenige Netlabels monetäre Interessen verfolgen. Ich denke bei Netlabels ist vor allem viel Idealismus am Werk ist, weswegen es auch viel Spaß macht, sich damit zu beschäftigen. Außerdem ist es sehr einfach und unkompliziert, ein Netlabel zu gründen und zu betreiben. Deutlich einfacher jedenfalls, als einen Shop einzurichten, oder aber ein Presswerk mit der Herstellung einer Vinyl zu beauftragen und sich dem "kommerziellen Druck" zu stellen, oder Umsätze generieren zu müssen. Und das mit dem Geld verdienen...Man konnte schon öfters beobachten, dass Netlabels ihre Aktivitäten eingestellt haben, da der "Brot und Butter"-Job überhand genommen hat und die Zeit schlichtweg für das Netlabel fehlte. Ich für meinen Teil jedenfalls kann Netlabels nur immer wieder dazu ermuntern, immer auch Wege zu suchen, mit der Creative Commons oder Aktivitäten rund um das Netlabel auch Geld zu verdienen.

Christian: Gehen wir mal in eine ganz andere Richtung: Wie habt ihr es geschafft, das Techno-Urgestein Roland Caspar für eure Party zu gewinnen? Mir wäre es bisher nicht als CC-Verfechter aufgefallen.

Martin: Ich hab relativ wenig mit der Zusammenstellung des Festivalprogramms zu tun. Zu Roland Casper nur soviel: Er ist im eigentlichen Sinne kein Verfechter von Creative Commons, verstellt sich aber Neuentwicklungen nicht. Es ist in der Tat eine Freude für uns verkünden zu dürfen, dass er auf dem Festival zum ersten mal öffentlich ein DJ-Set spielen wird, welches sich ausschließlich aus Creative Commons Musik zusammensetzt.

Christian: Wie hoch ist jetzt genau die Höhe des Eintritts für Party und Konferenz?

Ticket-Preise

Martin: Die Preise stehen nun fest und setzen sich wie folgt zusammen:

* Workshop / Konferenz pro Tag: 8 € ("Commons by Day")
* Konzerte pro Abend: 8 € ("Commons by Night")
* Festival Ticket für alle Veranstaltungen: 25 €

Christian: Wer ist die treibende Kraft hinter dem Event?

Martin: Angetrieben wird das Event im Kern von sechs Personen, die schon seit mehreren Jahren sich der Netlabel-Thematik widmen. Uns treibt unter anderem die Frage an, wie die Zukunft von freier Musik aussehen wird.

Christian: Habt ihr mal darüber nachgedacht, die Konferenz als Barcamp zu organisieren? Die scheinen ja in letzter Zeit auch ziemlich zu boomen?

Martin: Ja, Überlegungen dieser Art standen durchaus im Raum, aber schlussendlich haben wir eine klassische Form gewählt, die aber durchaus als umfassend gelten kann: Konferenz, Workshops und Panels vermitteln Wissen, Theorie und Positionen, über die Ausstellung lässt sich Kultur und der geschichtliche Rahmen erfassen. Und durch das Festivalprogramm wird sehr praktisch und unmittelbar gezeigt, worum es eigentlich geht. Um Musik, in hoher Qualität mit Künstlern aus Deutschland und anderen Teilen der Welt. Dabei steht die Veranstaltung auch im Kontext von anderen Netlabel-Festivals in Europa, wie den Netlabelfestivals in London, Berlin und Barcelona. Jedoch möchte ich noch dazu sagen, dass unser Fokus der Cologne Commons nicht ausschließlich auf Netlabels liegt - auch wenn es dieses Jahr der Schwerpunkt ist. In dem Programm geht es viel mehr, wie der Name schon suggeriert, um die Nutzung freier Lizenzen und freier Inhalte, den Rahmenbedingungen, sowie auch um ökonomische und künstlerische Aspekte.

Christian: Letzte Frage: Was hältst du vom Open Music Contest?

Martin: Hab da auch so eine CD mal bekommen, jedoch hab ich mich damit nicht sonderlich intensiv beschäftigt. Mein Hauptaugenmerk lag bisher sehr stark auf Netlabels, also Musikern und Künstlern, die im Eigenvertrieb, meist online, ihre Werke meist kostenlos und aus freien Stücken im Internet veröffentlichen. Die Creative Commons Lizenz ist hierbei selbstverständlich die "logische" Form der Lizenzierung, da sie der Musik auf einfache Art und Weise eine natürliche Zirkulation im Internet ermöglicht.

Christian: Danke, dass du dir die Zeit genommen hat, meine Fragen so ausführlich zu beantworten

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