Bericht: Future Music Camp 2011

Foto: Matthias Gutjahr (CC-BY-NC-SA)

Unter dem Titel "Finanzierung für Musiker – Crowdfunding als notwendiges Instrument?" hat Tino Kreßner, einer der Köpfe hinter startnext einen Bericht über die von mir angeregte Session auf dem Future Music Camp an der Popakadamie Mannheim verfasst. Dieser Artikel ist im startnext-Blog erstveröffentlicht worden. Dort finden sich dann auch die angesprochenen fünf startnext-Projekte. Einen längeren Bericht über das gesamte Camp gibt es im numblog, von dort stammt auch das Bild.

Auf dem dritten Future Music Camp in der Popakademie Mannheim stand das Digital Music Business im Vordergrund. Diskutiert wurden Social Media Kommunikationsstrategien und -Instrumente sowie die Wertigkeit digitalen Contents und die damit verbundenen Bezahlmodelle bzw. viel besser ausgedrückt die Refinanzierungsmodelle für Musiker. In den beiden Vorstellungsrunden vor den Sessions wurde deutlich, dass sich hier das "Who's Who" der Musikwirtschaft getroffen hat: Labels, Bandmanager, Musiker, Plattformbetreiber, Vermarkter und Musikstudenten. Bis auf SONY habe ich hier aber vor allem die großen Majors vermisst. Das Umdenken von der „economy of atoms“ zur „economy of bits“ ist in der Musik auch heute noch ein massiv zu diskutierendes Thema.

In diesem Artikel möchte ich die diskutierten Finanzierungsmöglichkeiten für Musiker zusammenfassen, auf Schwierigkeiten der Branche eingehen und die Potenziale von Crowdfunding für Musiker vorstellen sowie die ersten fünf Crowdfunding Best Cases im Musikbereich auf startnext.

Welchen Wert hat ein Song, der digital unendlich reproduzierbar istund dadurch nicht eine Preisbildung nach den klassischen Gesetzen von Angebot und Nachfrage durchläuft? Im Kindesalter und auch in allen gesellschaftlichen Schichten haben wir gelernt zu teilen. Durch den Austausch von Wissen kann sich eine Gesellschaft weiterentwickeln. Auch habe ich mir nie Gedanken darüber gemacht, eine Zeitung, die in der U-Bahn lag zu lesen und dann für andere wieder liegen zu lassen und damit die Inhalte weiter zur Verfügung zu stellen. Im Musikbereich mache ich mich in der Regel durch solch ein Verhalten im Umgang mit digitaler Musik strafbar und kann potenziell von Rechteinhabern belangt werden. Der Musikkonsument scheint hier in seinem grundsätzlich erlernten Verhalten zu teilen und Dinge weiterzuempfehlen, von der Musikbranche nicht verstanden werden.

Heute haben wir Zugang zu nahezu jedem Song zu jeder Zeit und von jedem Ort. Durch Onlinestreaming-Dienste ist selbst der (illegale) Download überhaupt nicht mehr notwendig. Doch wie finanzieren sich Musiker? Auch auf dem Future Music Camp wurde diese Diskussion sehr emotional geführt – zu Recht, es geht schließlich für viele Musiker um die Existenz. In einer Statistik der Künstlersozialkasse wird angegeben, dass die Brutto-Einnahmen für Profi-Musiker im Durchschnitt in Deutschland bei ca. 12.000€ liegen. Das deutsche Durchschnittsgehalt liegt im Vergleich bei 42.500€ brutto laut dem Statistischen Bundesamt Deutschland. Musiker, die den Kopf frei von Geldsorgen haben sollten, um sich ihrer Musik und Kreativität zu widmen, müssen in der Praxis jeden Euro zweimal umdrehen und sich genau überlegen, ob ihre kreative Idee überhaupt bezahlbar ist.

Die üblichen Lösungsvorschläge, sich auf Konzerte und Merchandising zu konzentrieren waren nicht neu und wurden durch einfache Rechnungen von diskutierenden Musikern zu Nichte gemacht. Ein Newcomer-Künstler allein kommt vielleicht mit einer Gage von 300-500€ am Wochenende über die Runden, aber sobald zur Band mehr als eine Person gehört, geht die Rechnung nicht mehr auf. Welche Wege der Finanzierung kann es also grundlegend geben? Mir geht es nachfolgend nicht darum, den Markt noch vielfältiger zu machen und mehr Musikalben zu veröffentlichen, sondern den einzelnen Musikern eine vernünftige Existenzgrundlage zu sichern und ihnen die Chance zu geben überhaupt 100% als Profi-Musiker zu arbeiten und vielleicht dennoch nebenbei eine Familie aufzubauen oder auch die Dienstleister um sie herum bezahlen zu können. Denn auf eines konnte man sich auf dem Future Music Camp einigen: Erfolgreich werden kann man derzeit nur, wenn man zu Beginn Freunde hat, die einem die Homepage, Musikvideos, Marketing usw. nahezu kostenlos erstellen.

Kulturförderung

Laut dem Statistischen Bundesamt investiert der Staat durch Töpfe des Bundes, der Länder und Gemeinden jährlich 8 Mrd. € in die Kulturlandschaft. 2,4 Mrd. € davon gehen in den Musiksektor, was ca. 30% ausmacht. Klingt viel, betrifft aber in der Regel nur größere Einrichtungen, wie Musiktheater (1,3 Mrd. €), Musikausbildungsstätten (610 Mio. €) und Orchester (244 Mio. €). Nur ca. 100 Mio. € gehen in „Chöre, Vereine, Gruppen“ (vgl. Söndermann). Die Vielzahl von kleinen Bands und einzelnen Musikern macht mit Sicherheit eine Förderung, die ab der Antragstellung einige Gremien durchlaufen muss, auf beiden Seiten sehr inneffektiv. Zum einen lohnt der Aufwand für kleine Beträge im Bereich von 1.000 bis 5.000 € schon durch den Aufwand der Antragstellung und Abrechnung nicht wirklich und zum anderen wäre der Prüfungsaufwand bei den notwendigen niederschwelligen Anträgen dann mit Sicherheit bei der Vielfalt an Musikern nicht einfach zu behandeln.

Wirtschaftsförderung

Persönlich kenne ich wenige Musiker, die bereit sind einen Kredit aufzunehmen bzw. überhaupt erstmal eine entsprechende Bonität aufweisen können. Auch hier liegt der Fokus auf Institutionen und größeren Konstrukten.

Private Förderung

Das Statistische Bundesamt schätzt die private Förderung in Deutschland auf 400 Mio. € bis 1,1 Mrd. €. Allein ein einziger TV-Sender (Bsp: RTL) macht mit Werbung einen Umsatz von ca. 1,3 Mrd. € (eigene Rechnung auf Grund vom Tausender-Kontakt-Preis). Hier sehe ich noch sehr viel Potenzial, wenn Unternehmen erkennen, dass z.B. der Social Media Dialog rund um einen Künstler eine höhere Aktivierung und Involvierung rund um eine Marke mit sich bringen kann wie die Schaltung eines TV-Spots oder das Aufhängen eines Plakates. Ich behaupte, dass nur ein TV-Spot in der Primetime bzw. ein Plakat in einer großen Stadt weniger, bereits für sehr viele Musiker das Album finanzieren könnte.

Initiative Musik

Die Initiative wird vom Beauftragen der Bundesregierung für Kultur und Medien mit jährlich rund 2 Mio. € ausgestattet und hat damit innerhalb der ersten drei Jahre ca. 200 Musiker und Bands unterstützt.

Gema

Um die 60.000 Mitglieder verzeichnet die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte. Cirka 700 Mio. € werden hier jährlich an die Künstler ausgeschüttet. Die Gema steht immer wieder in Diskussion in Bezug auf die dynamische Anpassung ihres Modells auf die digitalen Vertriebsmöglichkeiten und auf die Flexibilität als Künstler bei einzelnen Gigs oder Verwertungschancen auch ohne Gema zu arbeiten, um überhaupt den Zuschlag zu bekommen.

Labels

Die Bedeutung von Labels im Zeitalter von Facebook und iTunes wird stark diskutiert. Auffällig ist, dass Musiker immer wenig langfristig aufgebaut werden und auch weniger Risiken eingegangen werden. Man kann sicher heutzutage nachvollziehen, dass sich jede Band bzw. jeder Musiker finanziell rechnen muss und das im Optimalfall schon im ersten Jahr. Zum weltweit größten Label hat einst EMI gezählt, die heute nur noch mit knapp 15 % der 14.000 EMI-Künstler überhaupt Gewinne machen. Auf Wikipedia ist nachzulesen, dass EMI Music im Geschäftsjahr 2008 einen Verlust in Höhe von 1,2 Milliarden US-Dollar verbuchen musste, während der Umsatz von 2,8 auf 2,3 Milliarden US-Dollar sank. Neben EMI gibt es Sony Music, Warner und Universal, die zusammen als Big Four bezeichnet werden und ca. 80% Markanteil vereinnahmen.

Als interessante Alternative wurde auf dem Future Music Camp 2011 mehrfach Crowdfunding genannt, was ich auch in Form von startnext.de auf Bühne vorstellen durfte. Daher möchte ich das Thema hier nochmal zusammenfassen.

Crowdfunding für Musiker

Die Idee

Viele Fans, Unterstützer, Freunde und auch Firmen finanzieren gemeinsam im Vorfeld das Musikalbum, die Tour oder das Musikvideo. Im Gegenzug bekommen diese besondere Dankeschöns, die man so nicht im Laden kaufen können wird.

Das Potential:

* Erhöhung der Wertigkeit der Musik des Künstler durch:
o Exklusivität (limitierte Dankeschöns, die es später nicht mehr gibt)
o Individualität (handsigniert, Namensnennung, …)
o Involvierung der Fans (Videoblog, Meet&Greet, Votings, …)
* Integriertes Marketing: Begeisterte Unterstützer empfehlen das Projekt weiter und machen so bereits Werbung und lösen Mundpropaganda aus.

Vorteile von Crowdfunding für Musiker:

* Vorfinanzierung des Albums, der Tour bzw. des Musikvideos
* Integrierte Marktrecherche & Potentialanalyse
* Keine Kosten (nur bei Erfolg fällt Provisionsgebühr an)
* Kein Risiko (Alles-oder-nichts Prinzip; Rückbuchung wird von Plattform übernommen)
* Keine Formulare, sofortige Auszahlung ohne Abrechnung
* Involvierung von Fans in die Entstehung
* Auslösung von Mundpropaganda; Vernetzung in sozialen Netzwerken
* Unabhängigkeit

Der Nachteil:

* Frühzeitige Kommunikation über Projekt
* Hohe Anforderung an Transparenz (für was werden die Gelder benötigt)
* Selbstvermarktung bzw. Marketing schon während der Finanzierungsphase
* Zusätzlicher zeitlicher Aufwand
* Starke Fan-Nähe und zeitnahe Reaktionen online
* Zusätzliche Kreativität für Dankeschöns (exklusiv, individuell, ...)

Inspiration für Dankeschöns:

Danksagung im Booklet / Download einiger Lieder / Bonustracks / Personalisierter Dankesbrief / CD mit Unterschrift / Limited Edition / Vorabrelease / Exklusive Fotos aus dem Studio und von Auftritten / Konzert-Freikarten / Backstage-Pass / Produktionsstudiobesuch / Teile des Songs mit einsingen / Privatauftritt buchen / Logo auf CD / Cover- und Liederauswahl mitbestimmen / Gemeinsam mit Supportern einen Song schreiben / Song mit integrierten Namen des Supports / …

Zu den fünf "Best Cases" auf startnext.de

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