Compact Disc

Kurz-URL: http://mkzä.de/50

CD
Als ich in den späten Siebzigern mit dem Musikhören angefangen habe, gab es zwei Formate, in denen man Musik erwerben konnte: Schallplatte und Musikkassette. Beide hatten und haben immer noch ihre Vor- und Nachteile. Während die unhandlichen, großen Vinylscheiben meistens über ein prächtiges Artwork und einen satten Klang verfügten, reichte oft nur eine ungeschickte Handbewegung aus, um die Platte mit einem Kratzer oder Sprung zu ruinieren und die Aufnahme unwiderruflich und auf ewig zu entstellen.

Musikkassetten hingegen waren aufgrund ihrer praktischen, geringen Größe immer schäbig verpackt und klangen immer irgendwie kacke. Ohne Dolby rauschten sie, mit Dolby klang im Vergleich zu ohne Dolby alles irgendwie dumpf. Knackser und Sprünge brauchte man zwar nicht zu fürchten, dafür musste man ständig hin und her spulen, und wer einmal miterlebt hat, wie Papas Autoradio im Hochsommer die Lieblingskassette frisst, weiß auch, wie viel Geduld, Geschick und Glück nötig ist, um das Band wieder aus dem Kassettenfresser zu befreien. Selbst, wenn man das Band dann wieder geflickt, geklebt und aufgerollt kriegt, ist die Aufnahme für immer geschändet, und zwar gleich auf beiden Seiten des Tapes. Ganz ohne Risiko ging es also nicht, egal ob Vinyl oder MC.

Ob man eine Platte damals als LP oder MC kaufte, war in erster Linie davon abhängig, in welcher Hörumgebung man sie abspielen wollte. Einen Plattenspieler hat man üblicherweise nur zu Hause, tragbare Geräte (z.B. zum Joggen) oder Mobillösungen (z.B. fürs Auto) hat man vermutlich niemals als ernsthaft durchsetzungsfähig erachtet. Wer unterwegs, im Auto oder mit dem Walkman, der in den Achtzigern seinen Siegeszug antrat, Musik hören wollte, brauchte Kassetten.

Die damals übliche Lösung war es, sich die LP zu kaufen, und diese sofort beim ersten Abspielen auf ein Tape zu ziehen. Somit war die Aufnahme gesichert, auch wenn die Kassettenkopie qualitativ immer hinter dem Original zurückstand. Aber so konnte man das Album immer und überall hören, und man brauchte sich nicht über das lausige Kassetten-Artwork ärgern, denn wenn man dann doch mal die volle Dröhnung brauchte, konnte man es sich immer noch mit Cover, Textblatt und Kopfhörer vor der Stereoanlage bequem machen. Und da konnte man dann auch den letzten Song von der zweiten Seite komplett hören, der nicht mehr ganz mit auf das Tape gepasst hat.

In den Achtzigern hieß es dann „Home Taping Is Killing Music“. Die Britische Phono Industrie befürchtete, dass allzu viele Leute Platten auf Kassette kopierten und somit weniger Platten verkauft werden. Es stellte sich jedoch heraus, dass die Befürchtungen relativ unbegründet waren. Wer nämlich öfter Musik hören konnte, weil er seine Musik nun nicht mehr nur zu Hause, sondern auch im Auto oder auf dem Walkman kann, wollte mehr Musik, und kaufte mehr Platten als jemand, der seltener Musik hört. Und wer die Platte, die er neulich von seinem Kumpel aufgenommen und seitdem im Auto oder Walkman laufen hat, lieb genug gewonnen hat, der hat irgendwann ganz automatisch das Bedürfnis gehabt, das „Original“ auf Vinyl sein Eigen zu nennen. So war das halt damals.

Jeder, der damals einen Batzen Platten hatte, hatte normalerweise auch einen Batzen Tapes. Wer weniger Platten sein eigen nannte, hatte dafür manchmal mehr Kassetten, und es gab auch ein paar Exemplare sogenannter Sammler, die über riesig große Musikarchive verfügten, ohne jemals selbst eine Platte gekauft zu haben. Letztere waren aber nicht häufig anzutreffen. Summa summarum hatten alle genug Musik, die Musiker und Labels haben genug Kohle gemacht, und alle waren happy.

Dann kam die CD, die Compact Disc. Das kleine, silberne Wunder, eine im Vergleich zur robusten Schallplatte winzig kleine, funkelnde Scheibe voller Nullen und Einsen. Digital hieß das neue Zauberwort, waren es vorher Umdrehungen pro Minute, war nun von Abtastraten und Oversampling die Rede. Ein Gelehrtenstreit über Klangverfälschung und den Verlust analoger Wärme entbrannte zwischen den Audiophilen (und hält bis heute an), aber die Vorteile von CDs gegenüber LPs und MCs lagen eindeutig auf der Hand. Sie waren klein und handlich wie Kassetten, klangen aber weitaus besser und man brauchte nicht mehr spulen, sondern wählte den gewunschten Track einfach an. Zwar weiß man heute, dass auch CDs nicht unkaputtbar sind, aber zumindest damals dachte man noch, dass man mindestens einmal mit dem Panzer drüberfahren muss, bis eine CD springt. Verschleißerscheinungen wie Rauschen oder Knistern oder Sofort-Tod durch Bandsalat konnte man dafür komplett ausschließen. Der Luxus hatte jedoch seinen Preis, denn erstens musste ein neuer Player angeschafft werden, und zweitens waren CDs eine ganze Eckte teurer als MCs oder LPs.

Kassetten waren deshalb aber noch lange kein Schnee von gestern. Bis der Discman seinen Siegeszug antrat, sollte noch eine Menge Zeit vergehen, in der es eine Weile lang sogar mal üblich und legal war, dass man CDs in Videotheken für DM 1,-bis 1,50 pro Tag ausleihen konnte. Wenn man das zu den regulären Ladenöffnungszeiten getan hat, konnte man dort in der Regel auch gleich eine oder mehrere Leerkassetten kaufen. Irgendwann Ende der Neunziger wurde das Vermietrecht für CDs dann unter dem Protest der Videothekenbetreiber, die ihre Umsätze schwinden sahen, eingeschränkt. Bis dahin hatte aber die Kassettenaufnahme der CD die Kassettenaufnahme der LP abgelöst (und war auf dem Weg, von der gebrannten CD abgelöst zu werden.) In der Tat war eine Aufnahme von der CD einem LP-Mitschnitt deutlich überlegen. Eine knacksfreie Aufnahme direkt von CD kann auf einer billigen Anlage sogar deutlich besser geklungen haben, als das alte knisternde Vinyl. Für manche non-audiophile Musikhörer, die sich noch keinen CD-Player leisten konnten, war ein sauber aufgenommenes Tape von der CD das Nonplusultra. Natürlich musste man auch hier Abstriche beim Artwork machen, denn eine kopierte Kassette mit Handbeschriftung ist nur in ganz seltenen Fällen so sexy wie das Original-Artwork.

Wenn man jedoch mal genau hinguckt, ist auch die 1982 ins Rennen geworfene CD-Standardverpackung alles andere als hübsch, und da gleicht die CD der MC. Im Vergleich zum LP-Sleeve ist die Verpackung einer CD nur ungefähr ein Drittel so groß, was dem Artwork wenig Platz zur Entfaltung gibt. In den Anfangsjahren wurden die LP-Artworks oft nur auf Booklet-Größe zusammengestaucht, und die Booklets hatten oftmals sogar nur vier Seiten inklusive Cover, auf denen die nötigsten Informationen eng zusammengepfercht standen. Dazu kamen dann noch die braunen Trays. Aus heute unerklärlichen Gründen war man 1982 der Meinung, dass braun eine superhippe Farbe ist, und dass der Tonträger der Zukunft demnach auf einem braunen Tray lagern muss. Bis sich das Clear Tray durchgesetzt hat, hat es bis in die Neunziger hinein gedauert.

Bis das Clear Tray dann irgendwann Standard war, hat sich aber auch ein weiterer Nachteil der kompakten CD-Verpackung offenbart: das Plastik der Verpackung stumpft schnell ab, kriegt bei häufiger Benutzung und Transport Kratzer, Risse und Sprünge wie eine Schallplatte, das Booklet sieht nach ein paar Mal rein und raus oft nicht mehr toll aus, und die Plastikzacken, die die CD im Tray halten, brechen schneller ab als die Halterungen des Flipcase. Digipaks hingegen fransen an den Ecken aus und sehen nach ein paar Jahren auch nicht mehr schön aus, wenn man sie nicht nach dem Kauf ins Regal stellt und dort lässt. Und das kann ja auch nicht Sinn der Sache sein.

Mit der CD ist nicht nur die Größe des Coverartworks geschrumpft, sondern auch der ideelle Wert und die Bedeutung, die der Verpackung eines Tonträgers anhaften. Auf die Qualität der Musikaufnahme hatte das selbstverständlich genauso wenige Auswirkungen wie ein Knick im Cover einer LP. Aber die damals von der Industrie ausgesandte Nachricht, dass die Verpackung von Musik totale Nebensache ist und verdammt nochmal nicht so wichtig genommen werden sollte, ist heute, 25 Jahre später, flächendeckend angekommen.

Irgendwann waren dann die Neunziger in vollem Gange. Und dann kam der CD-Brenner, das Internet und MP3.

Weiter...

Deine Bewertung: Keine Durchschnitt: 5 (5 votes)

Artikel

Projekte

Interviews

Informationen