Kulturflatrate

Kurz-URL: http://mkzä.de/64
Boulevard Organique 2008 - Marlies van der Heijden - Golfbewegingen
Bild: Haags Uitburo
Lizenz: cc-by-nc-sa

Zur Zeit geistert wieder ein Begriff durch die Medien, bei dem scheinbar niemand so richtig weiss, warum er ihn verwendet und was er bedeutet. Malte Spitz, Bundesvorstandsmitglied der Grünen behauptet, "Pauschale Vergütungssysteme sind die Zukunft für einen fairen Ausgleich zwischen Künstlern und den Verbrauchern". Auf netzwertig.com wird sie betitelt mit "Eine schlechte Idee, die sich hartnäckig hält". Techdirt.com hält sie ebenfalls für keine gute Idee. Die Isle of Man wollte sie gleich einführen, ruderte aber wieder zurück. Warner Musik, eines der vier größten Musiklabels, beauftragte einen ehemaligen Musik-Manager, ein Konzept für eine pauschale Abgabe auf Internetanschlüsse durchzurechnen. Auf wikipedia liest man "Die Kulturflatrate ist das Konzept einer gesetzlich geregelten Pauschalabgabe auf Internet-Anschlüsse, die Urheberrechtsvergütungen für digitale Kopien pauschal abgelten soll."

Die Definition auf wikipedia kommt dem am nächsten, was die Mehrheit unter einer Kulturflatrate versteht. Für eine nicht näher definierten Preis sollen digitale Inhalte wie Musik, Filme, Zeitungen, Zeitschriften, Bücher, Bilder legal aus dem Internet heruntergeladen werden können. Im Grunde wäre dies eine Abgabe wie z.B. die Geräte- und Leermedienabgabe. Zur Zeit liegt sie rund 17 Cent für einen DVD-Rohling und 9 Euro für einen DVD-Brenner. Bei DVD-Rohlingen muss sie laut irights.info nur für jeden dritten Rohling gezahlt werden, da ja nicht auf jedem urheberrechtlich geschütztes Material gespeichert wird.

Verteilungsproblematik

Die eingenommenen Beträge sollten dann nach einem Schlüssel an alle Urheber und Künstler verteilt werden. Das ist der Punkt, an dem die Flatrate knifflig wird. Wird der Verteilungsschlüssel der GEMA verwendet, um analog die Gelder zu verteilen? Sollen repräsentative Umfragen durchgeführt werden um herauszufinden, was konsumiert wurde? Wird nur der Download gewertet oder wie oft etwas abgespielt wurde? Auch die Höhe der Flatrate ist strittig. Gibt es einen Einheitssatz auf jeden Internetzugang, so wie ihn die GEZ erstritten hat? Wird der Betrag abhängig von der Bandbreite, der Tarifart oder dem Downloadvolumen erhoben?

Bei der Isle of Man war ein Modell angedacht, dass auch Virgin Music anwenden wollte. Mit sogenannter "Deep Packet Inspection" sollte jedes Datenpaket eines jeden Kunden analysiert werden, ob es denn abrechnungsrelevante Daten enthielt oder nicht. Ein Albtraum für jeden datenschutzbewussten Menschen. Bei Portalen wie last.fm lassen die Nutzer auf freiwilliger Basis von ihren Medienabspielprogrammen entsprechende Informationen erheben, dies wäre eher ein akzeptabler Weg, aber auch hier würde natürlich nur das erfasst, was die Konsumenten protokollieren lassen. Diese freiwilligen Statistiken zu manipulieren wäre wiederum ein leichtes.

Was ist Kultur?

"Kulturflatrate" impliziert, wer diese Gebühr zahlt, darf ohne weitere Kosten soviel Kultur nutzen, wie er möchte. Allgemein bezieht sich "Kulturflatrate" auch nur auf digital kopierbare Kulturgüter. Im Interesse einer möglichst freien Kultur, an der jeder teilhaben kann, wäre es wünschenswert, wenn auch Kinobesuche damit abgegolten wären. Natürlich ebenso ein Besuch in der Oper. Und der Platz in der Südkurve im Fußballstadion ebenfalls. Warners Vorstellung der Flatrate war übrigens noch restriktiver. Er sah vor, dass jeder Nutzer der sie zahlt, von einem bei Warner betriebenen Portal Kultur beziehen dürfe.

Ebenso ist der Begriff der Flatrate an sich sehr schwammig. So gibt es Zeit-Flatrate, Volumen-Flatrates, All-You-Can-Drink-Flatrates bei denen nur Bier und Wein enthalten ist, All-You-Can-Eat-Flatrates bei denen nicht aus der Tageskarte gewählt werden darf und noch vieles mehr.

Und wozu dieses ganze hin und her? Dirk von Gehlen vergleich in einem Beitrag auf jetzt.de die aktuelle Situation mit dem aufkommen des Radios. Damals habe die Musikindustrie geklagt, "Niemand werde noch Musik machen, wenn diese kostenlos und unkontrolliert durch den Äther geschickt würde." Die Analogie ist bestechend. Damals kannten die Rechteinhaber nur Live-Musik oder Musik gegen Bezahlung aus der Jukebox. Über das Radio dagegen konnte jeder mit einem Empfänger ohne zu zahlen Musik hören. Nun, Jukeboxen sind selten geworden, Musik wird nach wie vor verkauft. Wahrscheinlich wurde bei Einführung des Tonträger auch der Untergang der Live-Musik prognostiziert.

Wie sieht das Musikgeschäft heute aus? Es gibt millionenschwere Pop-Stars wie Madonna, Robbie Williams und Phil Collins. Jedes Jahr werden neue Pop-Stars gecastet, neue deutsche Superstars gibt es auch am laufenden Band. Auf der anderen Seite schaffen es singende Schäfer (keine Angst, der Link führt auf kein Video...) kurz zu Sternchen zu werden und andere müssen erst von Gurkenlastern gestoppt werden.

Parallel dazu wird, wie auch auf dieser Seite gezeigt wird, immer mehr freie Kunst erzeugt. Ob Musik, Texte oder ganze Kinofilme, Künstler finden ihre eigenen Wege um zum Kunstliebhaber zu kommen. Nine Inch Nails verdienen Millionen mit freier Musik als Werbemedium und Luxusausgaben davon als Liebhaberstücke.

Land in Sicht?


Pandora (Jules-Joseph Lefebvre, 1882)

Einen Königsweg zu finden ist schwierig, wenn nicht gar umöglich. Klagewellen gegen Tauschbörsennutzer sollen zwar wieder ein Ende finden, aber weltweit wurden schon viele Existenzen vernichtet in einem hilflosen Versuch, eine neue Form des Kulturkonsums zu stoppen. Im schlimmsten Fall geht es Künstlern wie anno damals den schlesischen Webern. Während die einen verarmen bleiben andere an Rechteverwerter gebunden, die mehr die eigenen Kassen füllen und sich nicht so um die Künstler kümmern, wie die es gerne hätten.

Heutzutage trägt kaum noch jemand Kleidungsstücke aus schlesischer Wolle und trotzdem laufen die wenigsten nackt herum. Ebenso beklagen sich die Vertreter der Musikindustrie zwar bitterlich, sperren sich aber nach wie vor massiv dagegen, das Internet als Chance und nicht als Feind anzusehen. Eines ist sicher: Tauschbörsen lassen sich nicht mehr stoppen. Weder die zur Zeit auf EU-Ebene diskutierten Netzsperren werden die Vor-Internet-Zeiten wiederkehren lassen, noch wird auf Superstars verzichten werden müssen. Letztere rufen sogar von Zeit zu Zeit - sehr zum Leid ihrer Verleger - zum illegalen Download ihrer Werke auf.

Die Büchse der Pandora ist geöffnet. Bleibt abzuwarten, in welcher Gestalt die Hoffnung sich offenbahren wird. Zwei mögliche Auswege wurden hier bereits vorgestellt: Donor Projects und Von Musik leben können könnten Modelle der Zukunft sein. Es werden sicher noch weitere vorgestellt werden.

Update: Mittlerweile wurde eine Studie der Grünen veröffentlicht die bestätigt, dass eine Kulturflatrate nach deutschem und auch EU-Recht zulässig wäre.

Deine Bewertung: Keine Durchschnitt: 4.9 (9 votes)

Kommentare (4)

Mit Kompromissen ist das immer so eine Sache. So lange kein fauler Kompromiss dabei herum kommt ist es ja in Ordnung. Wobei ich sagen muss das solche Institutionen wie GEZ oder GEMA(für die Musik Szene) schon sehr über das Ziel hinaus schießen und zu hohe Gebühren für eine geringe Leistung abrufen.

Mindestens eine Form der Kulturflatrate haben wir ja bereits.
Und zwar die die aus dem Rundfunkgebührenstaatsvertrag resultiert.
Diese Zwangsflatrate halte ich für eine Art Steuer, bei der ich gerne selbst entscheiden würde, ob ich sie mir kaufe oder nicht.

Warum soll ich GEZ bezahlen, wenn ich komplett auf die Nutzung öffentlich-rechtlicher Programme verzichte?

Es könnte doch denkbar sein, dass es Menschen gibt, denen es genügt, wenn sie Nachrichten und Unterhaltung nur per privater Sendeanstalten empfangen können und dabei sogar noch den Vorzug der Raucher(werbe)pausen geniessen können.

Ich jedenfalls würde mir ARD und ZDF nicht kaufen, wenn ich es nicht müsste.

Vielleicht sollte man Empfangsgeräte erfinden, die den Empfang GEZ-abhängiger Sender nicht ermöglichen, dann würde meiner Meinung nach auch die Grundlage für eine derartige Zwangsflatrate entfallen.

Technisch überhaupt kein Problem, aber aus meiner Meinung nicht sinnvoll. Ein ordentlich geführter öffentlicher Rundfunk kann durchaus extrem hochwertig sein. Dafür müsste man hier im Ländle halt mal mächtig aufräumen...

Zitat:"Ein ordentlich geführter öffentlicher Rundfunk kann durchaus extrem hochwertig sein."

Da gebe ich Dir durchaus recht. Und da ich GEZ sowieso bezahlen muss, nutze ich als Informationskanäle auch primär die öffentlich rechtlichen.

Nur sehe ich es wirklich nicht ein, dass ich wenn mir Regenwasser als Getränk genügt, alleine aus der Tatsache heraus dass ich etwas trinke, einen Safthersteller subventionieren muss.

Das ist ein Kompromiss zwischen "wir können Privatkopien nicht verhindern" und "wenn wir schon bestohlen werden, wollen wir dafür Geld bekommen". Ich halte solche Kompromisse für nicht verkehrt. Vor allem, wenn der Preis so gering ist.

Artikel

Projekte

Interviews

Informationen