Lessig in Berlin: Von mickerigen Tieren und Terroristen [Update]

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Als Lawrence Lessig, Jura-Professor an der Stanford University, EFF Mitglied und Creative-Commons Mitbegründer, am 15.05.2009 in den Berliner Sophiensälen seinen Vortrag zum Thema "Copyright Wars" hielt, hat er allen Teilnehmenden ein wunderbares Bilderbuch überreicht. Eines mit dem man all jenen, die nicht verstehen, warum das Urheberrecht liberalisiert werden sollte, zeigen kann, was eigentlich im Argen liegt.
Denn es liegt einiges im Argen. Die derzeitige Gesetzgebung kriminalisiert nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen Ländern dieser Welt, inzwischen ganze Generationen. Generationen deren einziges Verbrechen - diesen Ausdruck wünscht sich zumindest die Contentindustrie - es ist, Urlaubsvideos mit Musik zu untermalen, Lieder zu covern, Videos zusammen zu mixen und sie auf YouTube einzustellen oder urheberrechtlich geschütztes Material aus dem Internet herunterzuladen. Es ist eine Gesetzgebung, die für eine völlig andere Art von kultureller Schaffensweise gebaut wurde, nämlich um die "RO - Read-only"-Kultur des 20. Jahrhunderts, die "nur lesen" bzw. "nur konsumieren" konnte. Doch in diesem Jahrhundert befinden wir uns nicht mehr. Es findet ein radikaler Wandel statt und genau auf dieses Thema ging Lawrence Lessig ein und arbeitete dabei mit Bildern, die all jenen, die sich schon einmal mit anderen über das Thema Urheberrecht auseinandersetzen mussten, ein Segen sein werden:

Die Elche des Copyrights

Der Verfassungsrechtler aus den USA greift dabei auf eine Begebenheit aus dem späten 18. Jahrhundert zurück, als Thomas Jefferson noch in Paris lebte. Dieser war damals mit einer heute als absurd anmutenden Diskussion in Europa konfrontiert. Es wurde behauptet, Tiere in der "neuen Welt" wären grundätzlich mickeriger, als die in Europa. Und weil all das dagegen anreden nicht fruchtete, lies sich Jefferson einen toten Elch über den Atlantik schicken und führte ihn den "Kritikern" vor. Und siehe da: das Gerede über schwache, feige und kleine Tiere verebbte.
Lessig führt an, dass es manchmal schlichtweg nicht reicht Menschen auf eine unumstößliche Tatsache mit Worten hin zu weisen, sondern dass man diese Tatsache "zeigen" muss. Und so beginnt sein Vortrag mit "the search for a moose", zu deutsch "die Suche nach einem Elch". Und von diesen Elchen hat Lessig gleich drei parat.

Der "efficiency" Elch

Dieser Elch ist auf Leute zugeschnitten, die eine möglichst hohe Effizienz von einem System wie dem Urheberrecht erwarten. Sein Beispiel ist hier Google Books. Google Books versucht den Bestand an Büchern zu digitalisieren und stellt ihn zum Teil online zur Verfügung. Zum Teil heisst hier folgendes:
* Bücher die gemeinfrei sind, sind komplett abrufbar (16% des Bestandes).
* Bücher deren Leistungsschutzrechte noch nicht abgelaufen sind, die sich aber auch nicht im Druck befinden werden nur in kurzen Auszügen mit Orientierung am Suchbegriff zur Verfügung gestellt (75%) und mit Informationen zum Buch, um es sich anderweitig zu beschaffen.
* Die restlichen 9% befinden sich "in copyright" und "in print" und stehen genau soweit zur Verfügung, wie es der Rechteinhaber erlaubt.
Gegen genau diese Praxis wetterten im Jahr 2005 die Authors Guild und die Association of American Publishers (AAP) und proklamierten, dass das Einscannen der Bücher erst nach der Erlaubnis durch den Rechteinhaber erfolgen dürfe. Eine Forderung die in der Praxis völlig weltfremd ist. Das Problem sind hierbei aber weder die 16% Bücher in Gemeinfreiheit noch die 9% der Bücher, die sich im Druck befinden. Es sind die 75 (!) Prozent der Bücher, die nicht mehr verlegt werden, denn hier können die Rechte nicht ohne weiteres über den Verlag geklärt werden. 75 Prozent die in einer Onlinebibliothek (und daran wird bei sinkenden Etats der meisten Bibliotheken nichts vorbeiführen) vielleicht nie erscheinen dürfen. Im schlimmsten Fall also 75 Prozent verlorene Kultur. Diese Praxis ist völlig ineffizient und damit ein ganz fantastisch und majestätischer Elch.

Der "creativity" Elch

Search for a mooseWem es beim Urheberrecht um Kreativität geht, dem ist vielleicht dieser Elch ganz recht. Neue Formen von Kreativität bauen im Informations- oder Digitalen Zeitalter häufig auf das "Remixen" von Inhalten auf. Was hier aber ganz neu klingt, ist eigentlich schon ganz alt, denn neue Formen von Kunst und Wissen entstehen dadurch, dass nicht alle immer wieder das Rad neu erfinden sondern auf vorhandenes aufbauen (können!). Doch das Remixen von urheberrechtlich geschützten Inhalten (und das sind per se erst einmal alle) und die anschliessende Vorführung ohne das Einverständnis jedes beteiligten Inhalteanbieters, sei es ein YouTube Nutzer oder Sony, ist quasi verboten. Dieses Recht behindert Kreativität massiv. Wieder also ein ganz hervorragend gewachsener Elch.

Der "simple justice" Elch

Das derzeitige Urheberrecht kriminalisiert insbesondere junge Menschen, die sogar von Zeit zu Zeit "Terroristen" genannt werden wegen dem was sie tun. Ihre Arbeit und damit sicherlich bei vielen auch ein Teil ihrer Identität - egal ob man es gutheisst oder nicht - wird für illegal erklärt. Das allein ist schlimm genug. Ganz entscheidend ist aber, dass der "copyright war" schlichtweg nicht funktioniert und die Strategie dahinter nicht aufgeht, nämlich die Reduzierung des "schlechten" Verhaltens. Das derzeitige Recht gebietet den unerwünschten Aktivitäten keinerlei Einhalt. Der einzige Effekt, der durch diese Gesetzgebung erreicht wird, ist, dass man Generationen für kriminell erklärt. Und genau hier setzt Lessigs Kritik an, indem er anführt, dass neben den Kosten im materiellen Sinn für die Einkommen von Künstlern und Geschäftsmodellen auch die Kosten im nicht-materiellen Sinn berücksichtigt werden sollten. Diese entstehen, wenn eine Vielzahl von Menschen im Bewusstsein aufwachsen, dass sie gegen das geltende Recht verstossen. Dies ist ein Elch, den man mal im Original gesehen haben sollte.

Diskussionsrunde

In der anschliessenden Diskussionsrunde kamen die Zeitungskrise, der Heidelberger Appell, Korruption und Anlagen dafür in der Politik und einiges mehr zur Sprache.

Wen den gesamten Vortrag hören möchte, dem sei dieses Video empfohlen.

Update: Audio-Mitschnitte veröffentlicht

Alle Files stehen unter cc-by-nc-cd

* Vortrag von Lawrence Lessig (in englischer Sprache) (MP3, 31 min 44, 45 MB)

Hier hören Sie Lawrence Lessig im Gespräch mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Veranstaltung. Fragen und Antworten in englischer Sprache.

* A Web of Creativities vs. Creative Control
There can be no one copyright model for all forms of content. Science, arts, journalism will have to develop rules appropriate for their respective fields. (MP3, 11 min 36, 16 MB)

* Piracy and Copyleft
The difference between software and content on the web (MP3, 11 min 18, 16 MB)

* The Crisis of the Newspaper Industry
Is the crisis of the newspaper industry caused by the ubiquity of free or pirated content? Why has newspapers' business model failed - and can there be new models? (MP3, 12 min 54, 18 MB)

* Multiple Issues: Creative Commons / Corruption
Lawrence Lessig explains his recent shift of focus from copyright issues to the question of corruption in politics. (MP3, 11 min 46, 16,5 MB)

* Network Neutrality / Content Flatrate & Why the EU Parliament Needs to Show More Self-Respect
The rules governing questions of access content and copyright ought not to be made by lobbyists. (MP3, 16 min 12, 23 MB)

* The Impact of the Obama Administration on Questions of Intellectual Property
Plus: The crisis of the music industry vs. the crisis of journalism (MP3, 11 min 30, 16 MB)

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Ein Kommentar

[...] Für die Verifizierung der Zahlen weise ich mal auf einen anderen Artikel von mir hin: http://musik.klarmachen-zum-aendern.de/lessig_in_berlin_von_mickerigen_t... [...]

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