Mit Streaming kann kein Geld verdient werden - oder doch?

Abgelegt unter:
Kurz-URL: http://mkzä.de/1776
Radio vs. Streaming

Streaming ist angeblich die Zukunft der Musik-Nutzung. Nur bleibt in dieser Zukunft kaum etwas für den Musiker selbst übrig.

Mit diesen Worten wurde Anfang letztes Jahres im Artikel on3 schaut Bodi Bill in Geldbörse Musik-Streaming abgewertet. Und in der Tat klingen die Gewinn-Margen erbärmlich. Bodi Bill erhält pro gestreamten Song von Spotify 0,001312 Euro und von Simfy sogar nur 0,001248 Euro.

Auch in Cent dargestellt klingt 0,1312 Cent bzw. 0,1234 Cent nicht viel. Und so hat Bodi Bill im November 2011 bei Simfy gerade mal 6,20€ verdient. Vermutlich könnte da aber auch ein Zusammenhang zu der Tatsache bestehen, dass kaum jemand Bodi Bill kennt. Die Band hat 2011 gerade mal 3.700 CDs und 1.100 Schallplatten verkauft. Im Radio liefen sie vermutlich kein einziges Mal, sonst wäre das sicher erwähnt gewesen.

Nach der Frankfurter Musikmesse, die wieder einmal einen Besucherrekord vermeldet hat, stimmt nun auch der Hessische Rundfunk in das Klagelied gegen Streaming ein. Ramschware Musik beleuchtet was die, vermutlich den meisten vollkommen unbekannte Band "Breitenbach", am Verkauf von Musik verdient. 3,10€ pro verkaufter CD, 2,42€ beim Verkauf der gleichen Musik über iTunes. Und zu guter letzt 0,164 Cent pro Stream. Immer vorrausgesetzt, sie hat einen, für eine unbekannte Band ziemlich unrealistischen, 50%-Deal, bei dem das Label alle Einnahmen 1:1 teilt.

Würde man die Erlöse bei Spotify auf den reichweitenstärken Sender in Hessen (Hitradio FFH) hochrechnen, würden Bodi Bill bei einem einzigen Abspielen 529.000 Hörer erreichen und 694,05 Euro und Breitenbach sogar 867,56 Euro erhalten. Laut dem Spiegel hat Zoë Keating von Spotify sogar 0,34 Cent pro Stream erhalten. Keatings Lieder wurden 72.800 Mal angehört und sie erhielt 224€. Hier auch wieder der Vergleich zu Hitradio FFH: Einmal dort gespielt, hätte sie 1798,60€ erhalten. Lohnt sich Streaming also nicht?

Radio-Einnahmen

Um diese Frage zu beantworten, werfen wir nach Milchmädchenart einen Blick auf die Einnahmen aus dem Radio. Um einen Titel im Radio abspielen zu dürfen, wird üblicherweise bei der GEMA eine Lizenz erworben um die Urheber zu vergüten und bei der GVL um die weiteren Leistungsschutzrechte abzugelten. 2011 nahm die GEMA im Bereich "Rundfunk und Fernsehen" 262 Millionen Euro ein und die GVL 128 Millonen Euro. Laut der Medien-Analyse Radio hören im Durchschnitt 23 Millionen Deutschen Radio. Laufen jede Stunde 10 Lieder, macht das 240 Songs am Tag und 87.600 im Jahr. Mit der durchschnittlichen Anzahl Hörer multipliziert gibt es also 2.014 Millarden Hörvorgänge im Jahr. Teilt man die 390 Millionen Einnahmen von GEMA und GVL durch 2.014 Millarden "Streams", ergibt sich ein Betrag von 0,000193644 Euro oder 0,0193644 Cent pro Stream - also weniger als ein Siebtel vom dem, was Spotify an Bodi Bill gezahlt und weniger als ein 18stel von dem, was Zoë Keating erhalten hat. Und dabei ist noch sträflich vernachlässigt, dass die 390 Millionen von GEMA und GVL nicht nur für Radio-Nutzungen ausgeschüttet wurden.

In der Realität sieht es dann so aus, dass die GEMA wieder ein Regelwerk anwendet. Hier ein Beispiel dafür:

Für die dreiminütige Ausstrahlung eines textierten und verlegten Werkes mit Punktbewertung 1 in einer Sendeanstalt der ARD (z.B. Bayerischer Rundfunk) ergab sich somit für den Komponisten im Geschäftsjahr 2010 (zur Abrechnung am 01.07.2011) folgende Ausschüttung in der Sparte R:
Ausschüttung Werk
(Sparte R) = Sendedauer x Punktbewertung x Senderkoeffizient x Minutenwert x Anteil
Sendedauer = 3’00
Punktbewertung im Rundfunk = 1
Senderkoeffizient = 1
Minutenwert im Senderecht = EUR 2,7581
Anteil = 5/12
3 x 1 x 1 x EUR 2,7581 x 5/12 = EUR 3,45
(=> EUR 8,27 für alle Berechtigten)

Die 5/12 beziehen sich auf den Komponisten. Liegen alle Rechte bei der gleichen Person, ergeben sich 19,848€. Wäre der Radio-Sender BR-KLASSIK gewesen und hätten nur 30.000 Menschen zugehört, wären das 0,0006616 Euro oder 0,06616 Cent pro Hörvorgang, also nicht mal die Hälfte des Spotify-Erlöses von Breitenbach. Die Umrechung auf den Erlös bei den durchschnittlich 450.000 Hörer von BR1 zeichnet naturgemäß kein besseres Bild: 0,000044107 Euro oder 0,0044107 Cent pro Hörvorgang.

Lichtblick: Pandora

Kann mal also weder mit Radio noch mit Streaming Geld verdienen? Das Internet-Radio Pandora hat im Oktober einen Artikel veröffentlicht, der sehr eindrucksvoll belegt, dass man auch mit Streams sehr viel Geld verdienen kann. Die Künstler Donnie McClurkin, French Montana und Grupo Bryndis sind alles andere als Weltstars, wie ihre Verkaufsranks von 4.752, 17.000 und 183.187 bei Amazon beweisen. Aber für ihre Musik werden in den nächsten 12 Monaten von Pandora 100.228$, 138.567$ und 114.192$ ausgeschüttet bekommen. Ingesamt werden für zweitausend Künstler jeweils über 10.000$ ausgeschüttet, für 800 werden mehr als 50.000$ gezahlt und für Stars wie Coldplay, Adele, Wiz Khalifa, Jason Aldean und andere werden mehr als eine Millionen Dollar erhalten. Drake und Lil Wayne nähern sich schnell der drei Millionen-Marke.

Auch wenn man berücksichtigt, dass Pandora die Künstler nicht direkt bezahlt, sondern die Gelder an SoundExchange fliessen, wie Billboard ausführt, gehen von SoundExchange aus immer noch 45% an die Künstler. Die Label erhalten 50% und weitere ausführende Musiker fünf Prozent. Donnie McClurkin wird also vorraussichtlich 45.102 Dollar für Streaming-Vorgänge erhalten.

Von solchen Ausschüttungen sind Spotify und Simfy noch weit entfernt, aber die Zahlen von Pandora sprechen durchaus für sich: Dass mit Streaming pauschal kein Geld verdient werden kann, gehört ins Reich der Märchen.

Deine Bewertung: Keine Durchschnitt: 4.5 (8 votes)

Kommentare (2)

Leider verwendet Spotify Digitale Rechte Minderung (DRM).
Ohne DRM Geld zu verdienen wird schon schwieriger sein.

Spotify verkauft dir aber auch keine Dateien, sondern ist explizit ein Streaming-Dienst und garantiert dir nicht, dass du nächste Woche auch noch Musik hören kannst. Insofern ist das schon so ein bisschen in Ordnung, und nen Linux-Client haben die auch ... ;)

Artikel

Projekte

Interviews

Informationen