Space Night goes Creative Commons

Space Night

»Space Night«-Fans können aufatmen: Das Aus der Kult-Sendung ist abgewendet. Und es kommt noch besser: Der Bayerische Rundfunk (BR) hat angekündigt, auf GEMA-freie Musik zu setzen. Das alleine wäre noch nicht berichtenswert, denn aus »GEMA-frei« ergibt sich noch lange nicht »frei«. Viel bedeutender ist, dass unter Creative-Commons-Lizenzen veröffentlichte Songs zum Einsatz kommen werden, wie der Isarmatrose bereits angekündigt hatte. Die »Space Night« dürfte die erste Sendung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk (ÖR) sein, die entsprechend lizenzierte Werke verwendet.

Nachdem der BR erst die Absetzung der »Space Night« angekündigt hatte, ruderten die Verantwortlichen nach einem öffentlichen Aufschrei zurück und versprachen, neue Konzepte zu prüfen. Kurze Zeit später folgte ein Aufruf, Vorschläge einzusenden. Insgesamt über 100 Mails gingen ein, und die Creative-Commons-Community machte sich daran, Titel in einem Wiki zu sammeln. Aus allen Vorschlägen hat die Redaktion 20 Titel aus unterschiedlichen Musikrichtungen, darunter Lounge-, Elektro- und Ethno-Songs, ausgewählt. Mit diesen Titeln wurde jetzt die Folge »Earth View 2« unterlegt.

Beim BR ist man voll des Lobes: »Wir haben uns sehr gefreut über die großartige Resonanz. Die neue Space Night ist zu einem Team-Projekt geworden. Im Internet hat sich eine Community gebildet, die uns unterstützt. Wir setzen weiter auf die Kreativität unserer Fans. Schickt uns Eure Ideen!«, so Andreas Bönte, Leiter des Bereichs Planung und Entwicklung des Bayerischen Fernsehens, in einer Pressemitteilung.

Aber es gibt auch Kritik an der Umstellung auf Creative-Commons-Werke. Erstaunlicherweise aus dem Munde von John Weitzmann, dem »Legal Project Lead« von Creative Commons Deutschland. Auf irights.info erklärt er, dass »der Fall Wasser auf die Mühlen der Gegner alternativer Lizenzen ist.«

GEMA-Vermutung schlägt Wiki-Sammlung

Was er dort schreibt, liest sich fast wie ein Plädoyer gegen das alternative Lizenz-Modell. Als erstes legt er den Finger auf die GEMA-Vermutung, mit der auch der Musikpiraten e. V. zur Zeit Erfahrungen macht und gegen die er Ende Juni vor dem Oberlandesgericht Frankfurt ins Gefecht ziehen wird. Auch bei CC-Musik gilt (noch!), dass ohne eine Bestätigung der GEMA, dass die Musik nicht GEMA-pflichtig ist, gezahlt werden muss. Weitzmann hat damit vollkommen recht, er übersieht aber zwei entscheidende Punkte:

1. können Musiker dem BR alle notwendigen Daten geben, damit die GEMA-Prüfung durchgeführt werden kann;
2. kann der BR auch einfach bei einem kommerziellen CC-Musik-Anbieter eine Lizenz erwerben. Die GEMA akzeptiert zum Beispiel die von Jamendo ausgestellte Bescheinigung als Nachweis. Dies wurde zum Beispiel bei der Gründung des Kreisverbands Frankfurt der Piratenpartei erfolgreich praktiziert.

Der erste Punkt hat einen entscheidenden Haken. Die Creative-Commons-Lizenzen haben (noch!) keine schützende Wirkung, denn das Urheberrecht kennt keinen »gutgläubigen Erwerb« von Nutzungsrechten, wie er im Sachrecht üblich ist. Wenn also jemand ein Musikstück erstellt, dabei unwissentlich Rechte eines Dritten verletzt und dieses Musikstück dann unter einer Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht, ist diese nicht wirksam, und ein Nutzer kann sich nicht auf die Lizenz berufen. Dies ist in der Tat ein gravierendes Problem freier Lizenzen und ein wahres Minenfeld. Wie dies bei einer eingekauften Lizenz bei Jamendo aussieht, ist eine ganz andere Frage und wurde bisher rechtlich noch nicht geprüft.

Als Legal Lead wäre es aber Aufgabe von Weitzmann, an der Behebung dieses Missstandes zu arbeiten, statt ihn stillschweigend zu akzeptieren – und vor der Nutzung von Creative-Commons-Werken zu warnen.

Preisverfall: Steilvorlage für CC-Kritiker

Als nächsten Punkt führt Weitzmann auf, dass böswillige Menschen die »Space Night« als Beispiel dafür nehmen könnten, dass CC-lizenzierte Musik ein Mittel zum Preis-Dumping bei Musik-Tantiemen sein kann. Früher, so führt er aus, habe es »keinen nennenswerten Pool an Musikstücken [gegeben], die außerhalb der rigiden Verwertungsgesellschaftsmechanik verfügbar waren. Es musste wohl oder übel auch für solche Hintergrundmusik ein nicht ganz billiger GEMA-Tarif bezahlt werden.« Diese Aussage ist schlicht und ergreifend falsch. Es gab schon immer Musiker, die sich nicht dem Diktat der GEMA gebeugt und ihre Werke GEMA-frei angeboten haben. Gerade im Bereich der elektronischen Musik – und dort hat die »Space Night« das Gros ihrer Fans – gibt es seit Jahrzehnten entsprechende Werke und Sammlungen. Sicher kommt auch hier wieder die GEMA-Vermutung ins Spiel, aber die war schon immer ein lösbares Problem.

Immerhin hat Weitzmann kein generelles Problem mit frei verfügbarer Musik. Ihre Existenz führe zwar zu einem Preisverfall bei seichter Hintergrundmusik; dass es sie gibt, ist aber »für sich genommen nicht verwerflich, es passiert ebenso im Bereich der Stock-Fotografie und anderen Gebieten. Man sollte dieses Problem aber nicht ausblenden, wenn man ernsthaft für freie Inhalte eintritt.« Im folgenden verdreht er sogar Ursache und Wirkung und erklärt, der BR wolle nur auf CC-Musik umstellen, um die Kosten zu drücken. Wer den Fall verfolgt hat, weiß aber genau, dass nur die radikale Gebührenerhöhung der GEMA überhaupt dafür gesorgt hat, dass nach alternativen Modellen gesucht wurde.

Im einem Punkt hat er allerdings vollkommen Recht. Wenn durch den Einsatz von CC-Musik die Kosten nicht nur gehalten, sondern sogar reduziert würden, wird dies mit Sicherheit nicht zu einer Senkung des Rundfunkbeitrags führen. Eine mögliche Senkung der Ausgaben führt beim ÖR nicht zu einer Senkung der Einnahmen. Es wäre nur billig, wenn der BR gesparte Gelder an die Urheber der CC-Songs ausschüttete.

Im letzten Teil greift Weitzmann sowohl die GEMA als auch Creative-Commons-Werke an. Der GEMA wirft er – vollkommen zu Recht – vor, dass sie ein unflexibler Apparat ist, der durch die totale Verweigerung von Creative-Commons-Lizenzen dazu beiträgt, dass CC-Musiker lieber unorganisiert bleiben, statt alle Rechte an ihren Werken zu verlieren. Dies wäre aber eine gute Gelegenheit gewesen, auf die in Gründung befindliche C3S hinzuweisen, die genau diesen Weg gehen will:

* Schutz durch eine Verwertungsgesellschaft
* eine gleichberechtigte Struktur für alle Mitglieder
* und natürlich eine Nutzungsmöglichkeit für Creative-Commons-Lizenzen.

Wieso er dann aber Creative-Commons-Urheber zu Komponisten von »kostenlose[r] GEMA-freie[r] Musik« reduziert, ist mir erneut unbegreiflich.

Die Schlacht ist gewonnen, der Krieg noch lange nicht

Der Schritt des BR hin zu unter Creative-Commons-Lizenzen veröffentlichter Musik ist wichtig und richtungsweisend. Eigenproduktionen des ÖR wurden schon öfter unter CC veröffentlicht, eines der bekanntesten Beispiele dafür dürfte Extra3 sein. Durch die Verwendung von CC-Musik ist aber ein wichtiger Schritt dahin getan, dass mehr Sendungen unter einer CC-Lizenz veröffentlicht werden und so der Depublizierung entgehen können. Hier nur aufs Geld zu schauen, ist die falsche Einstellung und stempelt Creative-Commons-Urheber zu zweitklassigen Urhebern ab, die mit ihren Werken kein Geld verdienen können und deren B-Ware nur verwendet wird, weil sie kostenlos ist. Eine deutliche Klarstellung von Creative Commons Deutschland ist meiner Meinung nach dringend geboten.

Wie geht es mit der »Space Night« weiter

Auf BR-alpha werden die Weltraumbilder mit neu unterlegter Musik von Montag bis Donnerstag in der Regel von 3 bis 6 Uhr nachts ausgestrahlt. Ab dem Osterwochenende wird die »Space Night« zusätzlich im Bayerischen Fernsehen zu sehen sein. Die Bewertungen der Fans in den kommenden Wochen soll in das Konzept für den eigentlichen Relaunch im Herbst einfließen.

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Kommentare (4)

"Wieso er dann aber Creative-Commons-Urheber zu Komponisten von »kostenlose[r] GEMA-freie[r] Musik« reduziert, ist mir erneut unbegreiflich."

Japp, da gebe ich dir Recht - das ist in der Tat sehr unglücklich formuliert.

Lieber Christian, Deiner Bitte um Stellungnahme komme ich natürlich gerne nach:

Zu "GEMA-Vermutung schlägt ..." Punkt 1.:
Das wird ja durch das Wiki versucht. Und wenn die Kreativen sich direkt mit dem BR austauschen, ist der Aufwand im Zweifel sogar noch größer als er durch die Wiki-Sammlung selbst in dem Fall wäre, dass man sich haftungsmäßig auf sie verlassen könnte.

Zu Punkt 2.:
- Ich habe in meinem Text in der Tat nicht (wie in einigen anderen Kommentarspalten) Jamendo Pro und andere kostenpflichtige Hostinganbieter genannt. Ich sehe diese als verständliches Übel an, das auf Venture Capital gründet und daher nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann. Dafür mache ich nur ungern kostenlose Werbung. Wenn sich der BR dieser Angebote bedienen will, ist das eine Notlösung und eine zu bezahlende noch dazu. Ich wüsste gerne, was der BR in diesem Falle zu zahlen hätte und wie sich dies zum Aufwand der eigenen Rechteklärung verhält. Hingewiesen habe ich auf den Hintergrund des Aufwands - ob diesen nun Jamendo treibt oder der BR ist dazu einerlei.
- Und nach meinem Artikel zu schreiben, ich würde die fehlenden Garantien "stillschweigend" akzeptieren, kann ja wohl nicht Dein Ernst sein.

Zu "Preisverfall ...":
- Es ist absolut richtig, was ich schrieb, dass es für kommerzielle Nutzer des Kalibers einer Rundfunkanstalt früher keine echte Alternative zum GEMA-Repertoire gab. Ob schon immer irgendwer seine Werke parallel dazu angeboten hat oder nicht, spielt so lange keine Rolle, wie ich als Nutzer dennoch mit der GEMA rechnen muss. Das weißt Du besser als die meisten. Und dieses Problem war schon immer im Zweifel nur so "lösbar", wie ich es dann auch beschrieben habe, nämlich im Wege der Einzelklärung. Die ist aber das Gegenteil von dem, was Standardlizenzen wie die CCPL erreichen sollen.
- Im Übrigen hatte der BR ausdrücklich gesagt, dass es die (zukünftigen) Kosten seien, die zur Absetzung der Space Night führen sollten. Ob man gegenwärtige oder zukünftige Kosten drücken will, ändert nichts an der Stichhaltigkeit des Arguments, genauso wenig wie der Umstand, dass die GEMA den Tarif anhebt. Letzteres zu thematisieren führt in eine ganz andere Diskussion, zu der beizutragen ich mich nicht berufen fühle.
- Die Gründungsinitiative zur C3S habe ich im Text angedeutet. Gelegenheit hin oder her, es ging ums Prinzip und nicht um eine bestimmte Initiative, die in die richtige Richtung weist.
- Ich reduziere die Schaffenden von CC-Musik zu gar nichts, sondern zitiere die zu befürchtende Sichtweise derer, die vor allem Geld sparen wollen.

Und dann noch:
- Die Space Night ist überhaupt nicht die erste ö-r Sendung, die CC-Musik einsetzt, ich nenne nur mal Trackback bei Fritz und Breitband beim Deutschlandradio.
- Die Assoziation von Kostendruck und CC-Verwendung bei der Space Night stammt nicht von mir, sondern kollaborativ vom BR und den Space-Night-Fans.
- Das zur Ausschlachtung Sven Regener, Alexander Wolf & Co. zu überlassen, sehe ich gar nicht ein. Falls die Community - wie geschehen - die problematischen Aspekte dann im Taumel historischer Fortschritte beiseite lässt, ist es daher meine Pflicht als CC Lead, das nötige Wasser in den Wein zu gießen. Wie ich schon bei Marco ins Blog schrieb: Weinschorle ist ja auch was gutes, wenn es einem auch nicht ganz so in den Kopf steigt.

In diesem Sinne: Die aufgegschlossene Nutzung von CC-Musik bei DRadio und anderen lobe ich wo ich kann. Bei einer Nutzung, die unmittelbar in Verbindung mit Kostendruck gebracht wird, tue ich das nicht. Und wenn sonst alle nur toll finden, bleibt mir dann eben nur die Rolle des Spielverderbers. Ich kann damit leben.

Viele Grüße
John

"Es gibt schon seit Ewigkeiten die Gruppe um Neppstar. Die haben schon freie und GEMA-freie Musik gemacht, lange bevor es CC gab."

CC-Lizenzen gab es schon 2002, also schon vor Neppstar.

Der Artikel von CC zur SpaceNight ist übrigens verschwunden. Ich hoffe, ihr habt eine lokale Kopie…

Ich denke mal, der Preis ist natürlich auch ein Argument. Warum auch nicht? Er ist aber nicht das einzige.

Wenn nun aber erstmal viele Leute auf CC-Musik umstellen, weil sie billiger ist, gibt es vor allem viel mehr Leute, die CC-Musik nutzen - und damit einen viel größeren Markt, der nur von CC-Musikern bedient werden kann.

Und was den nicht nennenswerten Anteil Musik unter nicht GEMA-verkrüppelter Musik angeht: Es gibt schon seit Ewigkeiten die Gruppe um Neppstar. Die haben schon freie und GEMA-freie Musik gemacht, lange bevor es CC gab.

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