Scomber

Kurz-URL: http://mkzä.de/384

ScomberKünstler des Monats ist der Australier Scomber. Er ist einer der aktivsten Kreativen bei CCMixter und Autor von Science-Fiction geschichten.
Wie immer, gibt es auch einen Hörtipp zu diesem Interview:
"I Know" (cc-by-nc)

Christian: Hi Gary, oder würdest du lieber mit "Scomber" angesprochen werden? Erzähl doch mal ein paar Worte zu dir.

Scomber: Hi Christian, Gary oder Scomber, ich höre auf beides. Die meiste Zeit bin ich Gary, aber wenn ich ins Studio gehe, bin ich defintiv Scomber. Ich habe das Musik machen schon immer dem passiven Hören vorgezigen. Ich bin der nervende Typ neben dir in der Bahn, der mir den Kopfhörern auf dem Kopf schief sing. Bei jedem Stück, das ich höre, habe ich diesen peinlichen Drang, einen anderen Refrain oder eine andere Melodie zu singen.
Ich lebe in der besten Stadt der Welt (Sydney, Australien). Sie ist ein Schmelztiegel der Kulturen, der Klänge und des Essens, gerade weit genug weg vom Rest der Welt, um sich nicht zu abgeschnitten zu fühlen und frisch zu bleiben.
Ich war schon immer faszinierent an dem Problem, was einen Pop-Song hörbar macht und habe die letzten 20 Jahre damit verbracht, nach der Lösung zu suchen. Ich kümmere mich nicht darum welches Genre ein Song hat, solange er Emotionen transportiert. Ich hatte Genre-Snobs, du weisst, was ich meine: "Oh, ich hasse Country-Musik". Das ist so als ob du sagst, dass du keine Leute mit roten Haren magst, weil dir mal ein Kind mit roten Haaren in der Schule dein Mittagessen geklaut hat. Leute und Klänge sind einzigartig, und wenn Musik ehrlich ist, dann ist sie gut.

Christian: Ok, dann nehme ich Scomber - schlieslich sind wir an dem Künstler in dir interessiert. :) Mit 210 Remixen bist du der zweit aktivste Künstler bei ccmixter.org. Du bist dem Portal Juni 2008 beigetreten und hast folglich fast drei Mixe pro Tag veröffentlicht. Aber du produzierst nicht nur viel, sondern auch gut - wenn man die Nummer an Empfehlungen und positiven Bewertungen als Messlatte nimmt. Woher hast du so viel Inspriation?

Scomber: Ich habe in meinem Home-Studio seit fast 20 Jahren rumgespielt und Musik gemacht, die kaum ausser Haus gekommen ist. Ich habe einen Hang zum Perfektionsmus und die meisten Stücke blieben "unfertig". Dann habe ich ccmixter entdeckt. Ich habe schnell entdeckt, dass Stücke, die ich für mies oder unfertig gehalten habe, in den Ohren von anderen ok waren. Es ist ein bischen wie Fisch zu kochen: Nimm ihn sehr früh aus dem Ofen uns servier ihn roh - einige werden es für Sashimi halten. Und selbst wenn das Stück noch ungeschliffen war, bin ich am nächsten Morgen aufgemacht und irgendjemand unglaublich talentiertes auf der anderen Seite der Welt hat daraus etwas wundervolles und absolut unerwartetes gemacht. Mein Perfektionsmus war plötzlich geschlagen und ich habe mich der Welt geöffnet. Die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern hat den kreativen Prozess reiner und viel schneller gemacht. Seitdem verwende ich nie wieder einen Monat für ein paar Zeilen Noten.
Ich habe mittlerweile über 400 Songs von ccmixter geremixt, aber die bleiben erst mal in der obersten Schublade bis ein regnerischer Tag kommt, an dem ich keine frische Inspiration habe - aber das ist noch nie passiert. Ich habe Dinge entdeckt, die mich online und offline inspirieren und ich habe einfach zu wenig Stunden Zeit am Tag. Höre auf zu schaffen, und du stirbst. So einfach ist das.

Christian: Wow, das ist eine Menge Zeug. Aber du bist nur "nur" ein CC-Musiker, du hast gerade auch angefangen, eine CC-lizenzierte Science-Fiction-Geschichte zu veröffentlichen. Worum geht es bei dieser Geschichte, und wieso veröffentlichst du deine Arbeit kostenlos?

Scomber: Ich versuche immer sehr projektorientiert zu arbeiten, also versuche ich etwas kreatives parallel zu meiner Musik zu machen. Das hält sie frisch und versorgt mich mit anderen Inspirationsquellen für meine Musik. Mein letztes Seiten-Projekt ist "Mirror Mirror", ein freies cc-by-nc-Science-Fiction-Buch, das als Serie erscheint. Ich habe schon seit einer ganzen Weile mit der Idee rumgespielt. Ich mixe kurze Teile Fiktion mit CC-Musik. Ich denke, sowas wurde vorher noch nie versucht.
Im Grunde ist es eine Geschichte um Erlösung und den Willen der Menschheit, ihr Schicksal und ihr Überleben in die Hände einer höheren Macht zu legen (in diesem Fall ist es eine wohlwollende Alien-Macht). Ich habe versucht, die Geschichte stark von den Charakter treiben zu lassen, weil ich SF nicht mag, der nur trocken und technisch ist.
Ich veröffentliche meine Werke kostenlos, weil ich an die Verteilungsmacht des CC-Modells glaube. Das gleiche gilt auch für meine Musik. Ich will, dass so viele Leute wie möglich sieh hören. Vielleicht werde ich irgendwann versuchen, sie zu Geld zu machen, aber zur Zeit habe ich einen Ausbruch an Kreativität, der einfach raus muss.

Ich habe noch ein zweites Buch geschrieben von dem ich denke, dass es viel besser ist, das vielleicht kommerziell veröffentlicht wird; zur Zeit bin ich sozusagen auf einer "Lehrstelle"; mein einziges Ziel ist es, ein besser Musiker, Schreiber und ein ultimativ besserer und glücklicherer Mensch zu werden. Ich glaube nicht, dass ein Star zu sein für mich richtig wäre, aber Musik für Menschen zu schreiben wäre genau das richtige.
"Frei" hat mich hat mich von den Fessel kommerzieller Zwänge befreit und mir erlaubt, mich voll zu entfalten. Organisches Wachstum, das nicht von irgendwelchen Plänen von Firmen angetrieben wurde, mit mir Geld zu verdienen. Ende des leeren Geredes. Hey, ich akzeptiere Spenden. LOL.

Christian: Ok, also hast du zur Zeit noch einen "Brot und Butter"-Job, um deine kreative Arbeit zu finanzieren?

Scomber: Ich habe das Glück eine Familie zu haben, die mich sehr stark unterstützt, auch wenn ich eine Vielzahl von geschäftlichen Interessen habe, die mich ernähren. Ich bin zur Zeit in einem Projekt, das Wohnungen mit wenig Platz mit Bio-Gemäse versorgt. Es heisst Gardens2eat

Christian: Gardens2eat sieht interessant aus. Definitiv eine nette Idee für Leute, die in der Stadt oder in kleinen Wohnungen leben. Zurück zur Musik: Wieso denkst du ist es wichtig, Musik frei mit anderen zu tauschen? Viele kommerzielle Künstler nennen das Tauschen von Musik "stehlen".

Scomber: In unserer vernetzten Welt wird Musik getauscht, egal ob es den Künstlern gefällt oder nicht. Ich denke, das ist eine Gelegenheit für aufstrebende Künstler und keine Bedrohung. Die meisten Downloader würden eh nicht für die Musik zahlen, also wo ist der Verlust? In der neuen Welt geht es um Beziehungen und das Aufbauen von Vertrauen zwischen Künstler und Zuhörer. Fans kaufen Musik, weil sie eine Band mögen. Wenn die Band mit der Voraussetzung anfängt "Ich weiss, dass du nur ein Dieb bist, also mache ich es dir mit DRM möglichst schwer die Musik zu kopieren, und wenn du sie doch kopierst, verklage ich dich auf deinen letzten Cent", dann haben sie das Vertrauen sofort verspielt. Wenn ich mich jemals entscheiden werde, meine Musik zu Geld zu machen, dann werde ich ein "zahl soviel du willst"-Modell verwenden. Oder ich bieten T-Shirts oder Scomber-Pelz-Hausschuhe an.
Die traditionellen Spielarten des Copyrights beschützen die Einkommen von Künstlern in keinster Weise, aber sie beschränken das Wachstum von Musik als Kunst, die konsumiert werden sollte. Plattenfirmen sind nur noch am Profit interessiert und nicht mehr daran, ob Musik gut ist, oder nicht. Niemand geht mehr Risiken ein und am Ende klingt alles gleich. Ich denke, es dreht sich alles um Karma: Sei großzügig, und es wird dir zehnfach zurückgezahlt. Jagt ein Straßenmusiker jemanden, der stehenbleibt und zuhört, ohne zu zahlen? Die meisten Leute laufen einfach so weiter.

Christian: Ich denke, Straßenmusiker sind ein ganz spezieller Fall. Niemand erzählt einem Straßenmusiker, dass er in den Charts landen wird und keiner gibt viel Geld aus, um einen Straßenmusiker zu bwerben. Aber im Endeffekt ist das vor allem ein Problem der Labels. Niemand hat ihnen jemals garantiert, das ihre Art Geld zu verdienen für immer funktionieren wird. Seit Napster gehen die Verkaufszahlen von Musik zurück - und die Ticketverkäufe für Konzerte steigen.
Ah, ich hab total vergessen zu fragen, welche Instrumente du spielen kannst. CCMixter zufolge müssen das ja einige sein?

Scomber: Ich bin hauptsächlich Gitarrist und unglücklicherweise mit virtuellen DAW-basierten Instrumenten verdorben. Ich arbeite auch Melodien am Klavier aus, aber das Tempo kommt normalerweise von der Gitarre. In letzter Zeit habe ich auch angefangen, Refrains und Harmonien aufzunehmen.

Christian: Gibt es irgendeinen Track, den du "Den Scomber-Track" nennen würdest?

Scomber: Das ist schwierig. Am ehesten würde ich sagen: den letzten. Denn ich finde es sehr schwer, nochmal meine Stücke zu hören ohne zu sagen "Was ein Dreck, den mach ich nochmal besser". Wie ich schon vorher gesagt habe, versuche ich den Perfektionist wegzusperren, oder ich werde für immer an einem Stück hängen bleiben. Vielleicht sind meine letzten beiden Ed Picks bei Ccmixter passend. ""I know", oder etwas persönlicher "Since I've been loving you". Am meisten Spaß hatte ich mit der Serie von "live"-Stücken, die ich für eine fiktive CC-Mixter-Versammlung gemacht habe.

Christian: Yeah, die CCM-Convention war in der Tat lustig. Also gibt es irgendwas, was du nicht kannst? Du bist Sänger, Komponist, Remixer, Produzent, Autor, Vater, sogar deine Kinder machen schon selber Musik .. Was bist du nicht?

Scomber: Ich denke, die Liste ist lang genug. Wenn ich aufhöre zu schaffen, werde ich zu atmen aufhören. Es ist großartig, dass meine Kinder mitmachen, weil es meine beiden größten Leidenschaften vereint - meine Musik und meine Familie. Aber wenn ich wählen müsste, eine davon richtig zu machen, würde ich die Familie wählen. Glücklich zu sein ist das wichtigste überhaupt, und für mich funktionieren diese Dinge, also werde ich damit weitermachen und versuchen, in allem besser zu werden.
Meine Musik dort draussen hinzustellen ist ein wenig, wie nackt in der Nachbarschaft rumzurennen; es ist furchteinflössend, erfüllen und befreiend zur gleichen Zeit.

Christian: Scomber, vielen Dank für deine Antworten!

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