José Travieso

José Travieso

Creative Commons-Musiker die mehr als ein Instrument spielen oder sogar alleine die Rolle einer ganzen Band übernehmen gibt es einige. Ein ganz besonderes Element dieser Spezies ist der 1977 geborene Spanier José Travieso. Er spielt nicht nur diverse Instrumente, er setzt sie sogar stilübergreifend ein. Was er selber nicht spielen kann, programmiert er mit Hilfe von VST-Plugins. 2010 war er auf dem Free! Music! Sampler “Freeloaded” mit dem Thrash-Metal-Song “Human” seines Projekts “Cautiva” vertreten. Von einem anderen Projekt steuerte er ein Flötenkonzert bei, das die Jury aber nicht mehrheitlich überzeugte. 2011 schaffte es der Instrumental-Hip-Hop-Track “Zombie Nation” auf den Free! Music! Sampler “FreeMixter”. Kurze Zeit später überraschte Travieso mit der Veröffentlichung eines Piano-Live-Albums, aufgenommen auf dem Annual Congress of New Composers and Modern Artists in New York City. Höchste Zeit also, ihm ein paar Fragen zu stellen.

Christian: Hallo José, was machst du, wenn du keine Musik erstellst? Wie verdienst du dein Geld?

José: Mein Studium an der Universität habe ich als Lehrer abgeschlossen, spezialisiert auf Musik. Ich arbeite zur Zeit als Sekretär an einer Schule in Granada und unterrichte Kinder im Alter von 11-12 Jahren in Spanisch, Mathematik, Sozial- und Naturwissenschaft. Ich liebe es! Schon vorher meinen Studium habe ich viel musiziert, hatte dabei aber keinerlei theoretisches Grundlagenwissen! An der Universität habe ich dann so viele Kurse über theoretische und formale Grundlagen besucht wie möglich. Dies half mit sehr dabei, meine musikalische Kreativität zu verstehen und zu kontrollieren. Nach dem Studium habe ich mich auf das Selbststudium beschränkt – mit allen Vor- und Nachteilen. Ich bin so unabhängig und kann alles für mich selbst entdecken.

Christian: Und jetzt hast du auf dem Annual Congress of New Composers and Modern Artists in New York City gespielt. Wie war das für dich?

José: Oh, es war eine sehr bereichernde Erfahrung. Ich wurde gerade ob ich dort auftreten wollte, und ich tat es. Das war eine total verrückte Sache. Ich bin niemand der live spielt und auch kein Profimusiker, es war für mich, als müsste ich einen Berg ersteigen um dort alles zu erreichen, was ich wollte. Ich nahm meine ganze Courage zusammen und habe mich über Monate vorbereitet. Mein einwöchiger Besuch in New York und auch die Veranstaltung waren großartig! Es war die beste Erfahrung, die ich mir als Musiker wünschen könnte. Offen gesagt, es war wie ein Traum. Über 300 Personen haben mir zugehört.

The reality is that being here has been an illusion

Christian: Wer nach dem Kongress im Internet sucht, wird ihn übrigens nicht finden – er fand rein in Josés Kopf statt, wie er hier erklärt.
Kurz nach der Veröffentlichung von “The Illusionist” hast du erklärt, in nächster Zeit keine Musik mehr machen zu wollen.

José: Dafür gibt viele Gründe, ich will versuchen, sie alle zu erklären. Als ich 1995 angefangen habe, Musik zu machen, war das nur zum Vergnügen und sehr formlos. Ich konnte einen ganzen Tag damit verbringen, an einem einzelnen Stück zu arbeiten und dann zwei Wochen lang wieder gar nichts zu machen. Es war eine Aktivität völlig ohne Ambitionen und rein zum Vergnügen. So habe ich viele Jahre weitergemacht. Ich konnte ein Jahr lang überhaupt nicht ans Komponieren denken um dann in einem Monat mehrere Lieder aufzunehmen. Das war großartig!
Aber die Dinge haben sich verändert. Als ich nach Granada gezogen bin, nahm ich mein Projekt Cautiva und das Album Human sehr ernst. Ich war mir gegenüber sehr fordernd und habe ein Jahr lang fast jede freie Stunde damit verbracht. Ich war extrem motiviert und ich war sehr glücklich an den Songs zu arbeiten und das Album zu beenden. Aber so konnte ich auch erkennen, was heutzutage alles möglich ist, wenn man alleine Musik macht – ich hatte neue Ideen, neue Projekte, viel schwirrte durch meinen Kopf. Ich begann die EP „Tunguska“ aufzunehmen und setzte später die Arbeit an „No More Faith“ fort. Monat für Monat veränderte sich Musik von einem Hobby zu einer Verpflichtung, es war fast wie ein Job für mich. Sommer 2010 beschloss ich dann, langsamer zu machen, nicht mehr über immer neue Alben nachzudenken und Musik wieder nur zum Vergnügen zu machen. Ich fing also verschiedene Projekte parallel an, aber das war ein Disaster: Statt weniger zu machen, verstärkte ich meine Aktivitäten so! 2011 nahm ich „La Boîte“, „Don't Kill the Vinyl“ und „The Illusionist“ auf, ich verlange mehr und mehr von mir, es war förmlich eine Besessenheit und das Vergnügen nahm mehr und mehr ab. Wenn ich meine freie Zeit nicht damit verbracht habe Musik zu machen, fühlte ich mich schlecht. Das war nicht normal und brachte mich in eine Zwickmühle zwischen meinem Verstand und meinen Gefühlen. Ich wusste, dass ich ein Problem hatte.

Ich war von meiner Musik besessen

Ich lebe nicht von der Musik, ich habe einen Beruf und mache nur in meiner Freizeit Musik. Du kannst dir sicher vorstellen, wie müde ich nach „Human“ irgendwann war. Meine Musik verlangt sehr viel von mir und ich brauche sehr viel Zeit um sie so zu erstellen, wie ich das möchte. In der Zeit nach „Human“ hatte ich ein ernsthaftes Problem mit meiner Zeit: In meinem Job arbeiten, zu Hause an meiner Musik arbeiten, der Versuch, mit meiner Frau ein normales Leben zu führen…
Ich musste damit aufhören und ich beschloss, dies nach der Veröffentlichung von „The Illusionist“ zu machen. Ende September habe ich das Album veröffentlicht und ich kann sagen, seitdem ich nur sehr wenig Zeit damit verbringe, Musik zu machen, bin ich glücklicher. Ich habe mehr Zeit, ich höre mehr Musik, ich kann meinen Verpflichtungen zu Hause besser nachkommen :-P, auch mein Verhältnis zu meiner Frau ist besser geworden. Ich möchte nicht vollkommen ausschließen, in Zukunft wieder Musik zu machen, aber ich will nicht wieder ein Sklave meiner Leidenschaft und meiner Ambitionen werden. Wäre ich ein Profimusiker, würde ich ein Album pro Jahr produzieren, aber das ist nicht der Fall. Es ist ein Hobby und ich habe beschlossen, einem anderen Rhythmus zu folgen. Ich werde nur noch Musik aufnehmen, um daran Freude zu haben, und ohne andere Aktivitäten in meinem Leben einzuschränken. Wenn ich so zwei oder drei Jahre für ein Album brauche, dann ist das in Ordnung. Sollte ich nie wieder ein Album beenden, dann habe ich meine alten Aufnahmen, mit denen ich zufrieden bin. Warten wir ab, was die Zukunft bringt, aber ich bin mit meiner neuen Einstellung sehr zufrieden. Ich denke, in ein paar Monaten werde ich für „Cautiva“ ein paar neue Sachen aufnehmen, denn ich habe ein paar Ideen von denen ich denke, dass sie gut sind. Aber wir werden sehen...

Christian: Wissen deine Schüler eigentlich, dass du auch Thrash Metal machst?

José: Hahaha! Ja, die Schüler die ich zur Zeit haben wissen es, aber wissen nicht, das Thrash Metal ist. Was ich nicht mag ist, meine Arbeit und meine „andere Seite“ als Musiker zu vermischen. Ich stelle mich also nicht vor meine Kollegen oder meine Schüler und sage „hey, hört meine Musik!“. Ich verliere kein Wort darüber! Ich gehe damit sehr reserviert um. Letztes Jahr kannte ein Kind meine Musik über seine Eltern oder so, nach einer Woche war ich bei den Schülern berühmt. Sie mochten mein Geschrei bei „Cautiva“. Ich habe normalerweise eine sehr gute Beziehung zu meinen Schülern.

Christian: War eines deiner Alben kommerziell erfolgreich?

José: Oh nein, absolut nicht. Ich bin nicht berühmt und meine Musik wird auch sehr wenig beworben, ich habe also nur eine kleine Zuhörerschaft, aber ich bin damit zufrieden. Alle meine Alben sind kostenlos verfügbar, aber ich erhalte ab und an Lizenzzahlungen für Dokumentationen und andere Kleinigkeiten, aber das ist sekundär.

Creative Commons is very good for culture and to create more new culture and art

Christian: Wieso gibst du deine Musik denn kostenlos her?

José: Es ist halt meine Einstellung. Vielleicht hätte ich eine andere, wäre ich ein Profimusiker. Aber ich habe bis jetzt immer Musik um ihrer selbst willen gemacht. Wenn ich meine Musik verkaufe, kann ich nicht mehr von ihr als reiner Kunst sprechen, sie ist dann eher ein Produkt, oder? Es wäre eine komplett andere Sache. Nicht unbedingt schlecht, aber anders. Musik machen ist hart und es ist eine Art der Aufopferung, der Leidenschaft und wunderschön. Reine Kunst ist, um ihrer selbst willen zu schaffen. Ich interessierte mich für Kunst, also ist das der richtige Weg für mich.

Christian: Und wieso hast du die Creative Commons-Lizenzen gewählt?

José: Creative Commons-Lizenzen sind gut, denn du gewährst mit ihnen Freiheit: Die Leute haben Freiheit, denn sie wissen, was sie mit deiner Kunst machen dürfen, und du hast trotzdem Kontrolle darüber, was erlaubt ist.
Die Idee der Creative Commons ist, meiner Meinung nach, sehr gut für Kultur und dafür, neue Kultur und Kunst zu erzeugen.

Christian: José, vielen Dank für deine Antworten. Ich wünsche dir für die Zukunft alles Gute!

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