„Armenien liefert einen Gedenksong“

So lautete die (mittlerweile geänderte) News des NDR, wir werden bis zum Mai noch viele solcher Boulevard-Schlagzeilen achtlos hinnehmen. Ich erstelle selber solche Schlagzeilen, denn sie gehören zum Jargon der Eurovision. In diesem trivialen Jargon verstecken sich aber immer häufiger Boshaftigkeiten. Langsam stößt die Diskrepanz zwischen trivialem Jargon und Boshaftigkeit bei mir an die Grenzen des Zumutbaren, immerhin scheint es dem NDR-Blogger Feddersen ähnlich zu gehen. Ich möchte mal ganz mutig an diesem Beispiel darlegen, wie der Eurovisions-Jargon eine militärorientierte Ideologie fördert und geopolitische Strategien als populären Mainstream verbreitet.

Das „Armenische Gedenken“ soll an den Völkermord an die Armenier vor 100 Jahren erinnern. Armenien will also in einem kommerziellen Wettbewerb zwischen Wegwerfmusik, Punktetabellen, abgefahrenen Frisuren, eigenwilligem Make-Up, Hebebühnen, Feuerwerk, Windmaschinen, Transvestiten-Trash, Klatsch und Tratsch - einen „Gedenksong an Massenmord“ präsentieren. Beim Voten entscheiden Publikum und Jury, ob der „Massenmord-Gedenksong“ gefällt oder nicht. Das ist pietätlos. Abgedroschene Phrasen zu Einheit, Weltfrieden und Toleranz machen das Anliegen nicht ehrbarer. Zutreffender wäre:

Armenien missbraucht den Genozid und den ESC mit Gedenksong
Nächste Sprachverwirrung: Im Eurovisions-Jargon ist es üblich, die musikalischen Beiträge für das Land stehen zu lassen, das sie repräsentieren. Man sollte sich aber darüber im Klaren sein, dass mit dieser sprachlichen Ungenauigkeit eine militärorientierte Ideologie bedient wird, denn es treten nicht mehr Musiker, sondern Länder gegeneinander an.

Im Beispiel des armenischen Gedenksongs wird die gedankenlose Formulierung fast zur Lüge. Hinter dem Namen Armenien steht hier eine nicht näher bekannte Delegation mit einer Sprecherin namens Gohar Gasparyan. Die Armenier wurden weder beim Entwickeln des Konzeptes noch mit einer Vorabstimmung einbezogen. Mir ist nicht mal klar, ob diese Pläne überhaupt in Armenien und/oder von Armeniern entwickelt wurden...

Was sind das für Musiker, die glauben, dass ein Lied über Völkermord auf keiner Eurovisions-Party fehlen darf?
Keine. Die Idee ist offensichtlich nicht in künstlerischen Kreisen entstanden. Weder Komponist, Autor noch Interpreten werden in Gasparyans Ankündigung genannt. Es wird nur die Idee der künstlichen Zusammenstellung hervorgehoben: Darsteller aus 5 Kontinenten und ein Darsteller aus Armenien sollen als die Gruppe „Genealogy“ auftreten. Als würden die Musiker nach Gewissensprüfung und Abstammungsurkunde ausgewählt heisst es: „All our participants are of Armenian origin“. Ich wette, dass die häppchenweise Veröffentlichung von Namen Teil der Kommunikationsstrategie wird.

Gedenksong oder Stimmungsmache?
Was hat das alles noch mit Popmusik und einem Musikwettbewerb zu tun? Ich würde es begrüßen, wenn die EBU die rote Karte hochhält, um das Publikum vor einer aggressiven Kommunikationsstrategie zu schützen, aber sie schauen angeblich nur auf das Lied. Und das auch nur, weil die Aserbaidschaner sie dazu aufforderten. Und so werden nun ahnungslose Konsumenten einem explosiven Diskurs ausgeliefert, dem kaum jemand gewachsen sein wird. Darin sehe ich eine

Geopolitische Strategie
Nicht das Lied, sondern das Konzept schürt ein Freund-Feind-Schema. Es zielt darauf ab, den Zusammenhalt von Ländern und deren Partnerschaft untereinander zu zerstören. Die Aserbaidschaner fühlen sich vom Konzept jetzt schon provoziert. Mit dem Titel „Don't Deny“ dürften die Türken mit diesem „Gedenksong“ ihre politischen Bemühungen um eine Beilegung des historischen Streites um den Genozid als untergraben betrachten. Den Russen werden Konflikte ehemaliger Sowjetrepubliken an der eigenen Grenze nicht egal sein. Und was hält die in Armenien lebende Bevölkerung von diesem Konzept? Da diese Länder eine große Diaspora haben, könnten Streitigkeiten nicht auf die Kaukasus-Länder beschränkt bleiben.

Wer denkt sich solche Gedenksongs aus?
Ich behaupte Militärstrategen. Ihr Einfluss beim ESC ist nicht neu. Das ständige Schüren eines Ost-West-Konfliktes und die Verbalattacken gegenüber Nicht-Nato-Länder Russland, Weissrussland und Aserbaidschan auf Webseiten des NDR haben längst den Rahmen eines harmlosen Popmusikwettbewerbs gesprengt. Ein Artikel im Focus aus November 2013 erweckte gar den Eindruck, die „Eurovisions-Chefs“ der EBU müssten mit aus der Luft gegriffenen Szenarien, Dämonisierungen und Panikmache in Linie gebracht werden. Würde übrigens eines der eben genannten Länder so ein Diaspora-Konzept ankündigen, gäbe es einen Aufschrei wegen Voting-Betrug! Im Falle Armenien wird die Überschrift brav ans Pathetische angepasst – und damit auch das Diaspora-Projekt schön geredet.

Hier wird mit Stimmungsmache der Politik vorgegriffen. Der verharmlosende Rahmen und Jargon des ESC und die Rundfunkanstalten, Fan-Vereine, Promis und Medien werden als Sprachrohr missbraucht. Unpolitischen Laien werden geopolitische Spiele als populärer Mainstream untergejubelt. Am Ende kann mittels einer internationalen Telefonabfrage auch noch der Erfolg dieser Einflussnahme gemessen werden.

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Kommentare (3)

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Einige Fakten sollten hier mal klargestellt werden:

"Die Aserbaidschaner fühlen sich vom Konzept jetzt schon provoziert."

Vielleicht sollten sie sich mal die Frage stellen warum sich Aserbaidschan überhaupt provoziert fühlt?
Da es eigentlich nichts mit dem Völkermord an den Armeniern am Hut hat.

Aserbaidschan geht es rein um die Diskreditierung Armeniens, nicht gerade die "Message" welche zum ESC passt.
Und Sie machen da gleich mit...

Dabei sollte man auch beachten, dass in Aserbaidschan, 2009, jene 43 aserbaidschanischen Mitbürger, welche für Armenien gestimmt hatten, Besuch vom aserbaidschanischen Geheimdienst bekommen haben:
http://en.wikipedia.org/wiki/Armenia%E2%80%93Azerbaijan_relations_in_the...

2012 wurde sogar DJ´s in Baku verboten Armenische Lieder bei der ESC Afterparty zu spielen:
http://blog.prinz.de/grand-prix/verbot-keine-armenische-musik-im-euroclub/

"Mit dem Titel „Don't Deny“ dürften die Türken mit diesem „Gedenksong“ ihre politischen Bemühungen um eine Beilegung des historischen Streites um den Genozid als untergraben betrachten."

Welche Politischen Bemühungen von seitens der Türkei meinen Sie?

Die Bemühung das Gedenken zu verhindern?
http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/4642895/Gedenkjahr-des-A...

Die Bemühungen diesen Völkermord, unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit, weiterhin europaweit leugnen zu dürfen und dieses als Erfolg zu verbuchen?
http://www.nzz.ch/schweiz/anhoerung-zur-armenien-frage-1.18470774

Oder die Bemühungen Länder politisch und wirtschaftlich erpressen zu versuchen welche es wagen den Völkermord offen auszusprechen?
http://www.blick.ch/news/politik/sie-wollen-armenier-mahnmal-verhindern-...

Sie stellen Vermutungen von Weltverschwörungstheorien und nicht nachweisbare Behauptungen auf...,

"Armenien missbraucht den Genozid"
"Mir ist nicht mal klar, ob diese Pläne überhaupt in Armenien und/oder von Armeniern entwickelt wurden"
"militärorientierte Ideologie"
"einer aggressiven Kommunikationsstrategie"
"Wer denkt sich solche Gedenksongs aus? Ich behaupte Militärstrategen"
"die Verbalattacken gegenüber Nicht-Nato-Länder" (wobei Armenien ja auch kein Nato Mitglied ist)
"Und was hält die in Armenien lebende Bevölkerung von diesem Konzept?"

...und haben (anscheinend?) kein Hintergrundwissen über Armenien.

Sie übersehen dass, dieses Thema, alle Armenier weltweit und in Armenien betrifft da der Völkermord so gut wie jede Armenische Familie betroffen hat und diese sich sehr wohl damit identifizieren, warum sollten sie dann nicht auch darüber singen?

"Und so werden nun ahnungslose Konsumenten einem explosiven Diskurs ausgeliefert,..."

Also ich betrachte es eher positiv wenn die "ahnungslosen" Zuschauer des ESC etwas über den Völkermord erfahren.
Oder ist ihnen die Leugnungspolitik der Türkei lieber?

PS:
Der ESC war und wird immer politisch bleiben, alles andere ist eine Realitätsverweigerung.
Und sich darüber aufzuregen ist relativ sinnlos.

Ich habe selten so einen Schwachsinn gelesen!
Das Gedenken an den Genozid an den Armeniern und anderen Minderheiten im osmanischen Reich vor 100 Jahren ist sehr wichtig.
Er war schließlich Vorbild für den Holocaust Hitler an den Juden.
Nur weil der Autor den ECS nicht leiden kann, heißt das nicht das er schlecht ist.
Nicole hat für Deutschland schließlich auch mit einem Antikriegschanson gewonnen.
Ich als alevitischer Kurde, der das Leid der Armenier aus eigener Familiengeschichte heraus sehr gut nachempfinden kann, wünsche Armenien viel Glück. Ich hoffe die Welt wird endlich sensibler für das Verbrechen, das diesem freundlichen und friedlichem Volk wiederfahren ist. Die Thematisierung beim ESC halte ich für legitim.
Der Autor scheint den ESC meint seiner Stammkneipe auf Mallorca am Ballermann zu verwechseln.
Musik bildet Gesellschaft ab und darf folglich auch das Thema Völkermord ansprechen!
Like für Armenien, fettes Dislike für diesen unsinnigen und polemischen Artikel!

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