Das 51. Festivali i Kenges in Albanien

Das unbekannteste Land in Europa ist Albanien, deswegen trieb mich meine Neugier diesen Sommer dort hin. In Architektur und Lebensart sind die kulturellen Einflüsse aus dem Balkan, aus Italien, Griechenland (Byzanz) und der Türkei (Osmanisches Reich) unverkennbar, genauso unverkennbar aber auch der albanische Eigensinn und der Drang nach Selbstständigkeit.

Ein für jeden Reisenden sichtbares Vermächtnis der jahrzehntelangen Hoxha-Diktatur sind vor allem die 700.000 im ganzen Land verstreuten Betonbunker und Schießscharten. Nach der Wende hat wohl die fleißige Betonfabrik sich auf Ferienwohnungen und Einfamilienhäuser spezialisiert und das Land mit zahlreichen Rohbauten (einige schon wieder zerstört, einige bewohnt) übersät, die nun teilweise ohne Infrastruktur der Umwelt und Agrarwirtschaft Schaden zufügen.

Wie ein Zeitreisender stößt man auf Ortschaften, in denen die Zeit vor 500 Jahren stehen geblieben ist. Die Menschen leben dort in geheimnisvollen Kulturdenkmälern, allerdings beschwerlich, weil es auch hier keine Infrastruktur gibt. Um diese Paradiese zu bestaunen, muss man rasante Wege in Kauf nehmen, die keinem westeuropäischen PKW-Fahrer anzuraten sind. Einen Kontrast zu den als Autobahnen deklarierten Schotterpisten und waghalsigen Gebirgspässen bieten die vielen Mercedesse.

Den krassen Gegensatz zwischen Isolation und Öffnung vermittelte schon 2003 der Musiker Bojken Lako mit seiner Collage „Take It Easy“, die uns Westlern eine Ahnung vom Land Albanien hinterm Eisernen Vorhang vermittelte. Der renommierte Musiker Bojken Lako hat auch dieses Jahr wieder mit gutem Erfolg am Festivali i Kenges teilgenommen, natürlich nicht mit diesem Beitrag.

Man bekommt den Eindruck, dass Albanien nach der Diktatur ins Gegenteil verfallen ist, alle machen was sie wollen. In diesem Sinne übernehmen dann auch einmal im Jahr die Musiker das Regiment, und zwar beim legendären Festivali i Kenges das alljährlich entweder zu Weihnachten oder Silvester stattfindet.

Das Festival wurde 1962 ins Leben gerufen. Trotz bewegender Geschichte hat dieses Festival seinen ursprünglichen Charakter beibehalten. Für ESC-Fans aus mehrfachen Gründen ein Highlight, denn mit seinem Live-Orchester, seinem Backgroundchor, den wechselnden Dirigenten, den steifen Moderatoren und strengen Fach-Juroren gleicht es dem früheren Grand Prix d'Eurovision de la Chanson. Für Liebhaber des musikalischen Handwerkes ein Hochgenuss und immerhin ein sehenswerter Kontrast zum heutigen Eurovision Song Contest, der immer billiger und künstlicher wird und nur noch der Logik amerikanischer Vermarktungsstrategien folgt. Auch hier zwingt sich die „albanische“ Frage auf: Sind sie 30 Jahre zurück oder uns gar 30 Jahre voraus? Sind sie gar die letzte europäische Bastion in Europa?

Seit 2004 ermittelt dieser Musikwettbewerb zugleich den albanischen Vertreter für den ESC. Die bereits beschriebene Eigensinnigkeit schlägt sich natürlich auch in den Siegertiteln nieder. 2012 erreichten sie mit der Kosovanerin Rona Nishliu und deren außergewöhnlicher Stimmperformance „Suus“ einen erfolgreichen 5. Platz. Rona bot am Samstag dem 22.12.12 beim 51. Festival in der Pause ihr Lied noch mal in englischer Sprache.

Die diesjährige Ausgabe gedachte anlässlich des 40. Jahrestages noch einmal dem Festival von 1972. Damals fielen einige der Beiträge der Zensur zum Opfer; Teilnehmer und Organisatoren wurden wegen zu offensichtlicher Anlehnung an westliche Musikstile als Staatsfeinde zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Zudem feierte Albanien 2012 zum 100. Mal seine Unabhängigkeit, unter diesem Aspekt ist wohl der diesjährige Siegertitel zu sehen.

Nach 2 Semifinalen am 20.12 und 21.12. und einem Finale am 22.12.12 mit fantastischen Balladen-Sängerinnen, mit männlichen Drama-Diven und skuril gekleideten Ladies mit schwungvollen Popsongs durfte man nach der Wertung mal wieder staunen, denn abgefahrenen albanischen Folk-Metal hatte man bei dieser feierlichen Gala-Veranstaltung nicht auf der Rechnung. Wenn man aber sah, wie sich das Orchester mit Pauken, Trompeten und Backgroundchor gerade bei diesem Stück ins Zeug legte, wie vor allem der Einsatz der E-Gitarre noch mal an die 70er Jahre erinnert, macht dieser Beitrag mit dem Titel „Identitet“ von Adrian Lulgjuraj & Bledar Sejko Laune.

Den Auftritt im Finale hat man für Deutsche leider gesperrt, aber im folgenden Zusammenschnitt des Abends ist er natürlich kurz enthalten. Bedauerlicherweise haben die Albaner versäumt, das Video mit Untertiteln zu versehen, aber man bekommt immerhin eine Vorstellung von der Atmosphäre dieses Gala-Abends:

Festivali i Kenges 51 - Nata Finale

Aber damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Mittlerweile Kult beim ESC: Einige Stunden nach der Siegerehrung wurden im Internet Plagiatsvorwürfe laut. Der Siegertitel ähnelt verblüffend dem Song „Plavi Safir“ aus dem Jahr 1988 von der aus Serbien sehr bekannten Band Bajaga & Instruktori. In albanischen Zeitungen wurde am Tag darauf zu Recht die Frage gestellt, ob Albanien damit nun gar seine „serbische Identität“ feiern wolle.

Und jetzt kann ich spekulieren ;-) Adrian Lulgjuraj ist gebürtig aus Montenegro, Montenegro gehörte bis 2006 zu Serbien, insofern wird er den Song gekannt haben. Bledar Sejko weist die Plagiatsvorwürfe mit der Begründung zurück, dass beide Lieder lediglich auf typisch traditionell albanische Musik zurückgreifen. Da die Band Bajaga & Instruktori aufgrund ihres sozialkritischen Engagements auf dem Balkan sehr bekannt ist, kann ich mir nicht vorstellen, dass die vielen gut ausgebildeten Musiker im RTSH-Orchester diesen serbischen Bezug nicht bemerkt haben wollen. Der ausgerastete Auftritt im Finale sah für mich auch nicht nach einer plumpen Kopie, sondern eher nach Huldigung aus. Es wäre nicht der erste Mal, dass Künstler auf dem Balkan eine Haltung zeigen, die der westlichen Perspektive und Berichterstattung über zerstrittene Volksgruppen zuwider läuft. Wie dem auch sei...

Lassen wir uns überraschen, was die Albaner uns im Mai 2013 beim ESC präsentieren. Ich werde den Albanern jedenfalls die Daumen drücken und hoffe, dass sie sich weiterhin selber treu bleiben und uns noch viele Ausgaben vom Festivali i Kenges miterleben lassen.

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Ein Kommentar

der festival war richtig schön, albanien wird langsam langsam :)

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