Bundesvision Song Contest 2013 – Bosse gewinnt und unser Star für Kopenhagen könnte MC Fitti sein

MC Fitti beim BuViSoCo 2013

Der Auftritt von MC Fitti beim Bundesvision Song Contest war eine Eurovisions-reife Überraschung. Bis gestern habe ich ihn nur als einen Spaßvogel wahrgenommen, der Konzerte in Trams und Sightseeing-Busse gibt und in stundenlangen Radiointerviews immer wieder sein eigenes Lied hören möchte - „Bitte spiel es doch noch mal, oh, das ist so schön, nicht wahr?“ - und damit das Formatradio ad absurdum führt.

Bei seinem gestrigen Auftritt waren Lied, Lightshow und Performance stimmig. In seinem Outfit erinnerte er mich an Sébastian Tellier, der 2008 für Frankreich angetreten war. Sympathisch auch, wenn er zu seiner Konkurrenz auf die Bühne sprang und für sie warb.

„MC Fitti, was wirst du machen, wenn du gewinnst?“
„Ich werde mit Bosse tauschen.“

Der (zufällige?) Witz dieser Antwort erschloss sich mir erst, als Bosse tatsächlich gewann. Den ganzen Abend hatte MC Fitti den Wettbewerb auf angenehme Weise untergraben. Den Rest erledigte die Technik, denn man konnte beobachten, wie die Punkte visuell schneller zum jeweiligen Kandidaten huschten, als die Moderatoren der Radiostationen sprechen konnten. Warum auch nicht? Oder nimmt irgendjemand diese Wettbewerbe noch ernst?

Dumm ist das für den Zweitplatzierten Johannes Oerding für Hamburg, denn der war genauso gut wie der Erstplatzierte Bosse für Niedersachsen. Vielleicht war es ja die außergewöhnliche Tanzeinlage, der Bosse seinen Sieg zu verdanken hat, sein Outfit kann es jedenfalls nicht gewesen sein.

Ich hatte bei diesem BuViSoCo den Eindruck, einer Big-Brother-Show in einer Riesen-WG zu folgen. Die Teilnehmer präsentierten statt Wettkampf brüderliche Geschlossenheit, und sie unterschieden sich lediglich im Ausmaß ihrer Schruddeligkeit. Das Gute daran war, dass man so nicht Äpfel mit Birnen vergleichen musste. Und es war vorher schon klar, dass die routinierteren Stars auf der linken und die unerfahreneren Stars auf der rechten Seite der Tabelle landen würden. Was aber Professionalität und Unterhaltungswert der Show betrifft, ist Raab damit weit unter das Niveau der diesjährigen Vorentscheidung der ARD gefallen, die er ursprünglich toppen wollte. Die war abwechslungsreicher. Wenn er immer noch damit wirbt, dass junge deutsche Musiker nur bei ihm die Chance eines TV-Auftritts bekommen, möchte ich da ein großes Fragezeichen setzen.

Stattdessen frage ich mal provokativ, ob es in Deutschland immer noch keine Behinderte oder keine Menschen mit Migrationshintergrund beispielsweise aus der Türkei oder dem Iran gibt, die Musik machen. Die einzige dunkelhäutige Sängerin Luna Simao, die für Schleswig-Holstein einen guten 6. Platz holte, war durch ihr Alter (17 Jahre) leicht „gehandicapt“. Sie durfte nämlich nach 23:00 Uhr nicht mehr auf die Bühne. Diese Artigkeit wurde peinlich, als zum Schluss alle auf der Bühne standen, und nur sie im Zuschauerraum bleiben musste. Was sollen Menschen denken, die ohne deutsche Sprachkenntnisse diese Show verfolgen?

Als Eurovisions-Fan verfolgt man nämlich gerne Vorentscheidungen anderer Länder, und da werden die eben genannten Gruppen durchaus integriert. Der einzige Deutsche, der bislang Behinderte und Migranten einen internationalen ESC-Auftritt ermöglicht hat, war übrigens Ralph Siegel – und das liegt viele Jahre zurück. Weder Raab noch Guildo Horn (Musiktherapeut für Behinderte) noch der NDR haben daran etwas geändert. Im Gegenteil. (Falls das nicht stimmt, lasse ich mich gerne korrigieren.)

Genau wie beim Bundesvision Song Contest werden auch bei der Deutschen Vorentscheidung wie beim ESC Musik und Musiker immer mehr zur Nebensache, stattdessen rücken sich zunehmend die Organisatoren in den Mittelpunkt, die nur noch auf den Wettbewerb und seinen Abstimmungsmodalitäten und -ergebnissen herumreiten.

Und genau deswegen wünsche ich mir zur allgemeinen Entkrampfung endlich mal wieder einen Spaß-Act aus Deutschland beim ESC, und der könnte MC Fitti heißen.

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