Das europäische Publikum hat endlich eine Lobby

„Es kommt nicht darauf an, wer was wählt, sondern wer am Schluss die Stimmen auszählt.“ Dieser Ausspruch von Joseph Stalin war mein ironischer Aufhänger, als ich im Text „Das Publikum hat keine Lobby“ die fragwürdigen Abstimmungsmodalitäten beim Eurovision Song Contest beschrieb. Es scheint, dass sich dieses Zitat beim ESC 2013 bewahrheitet hat und es sind ausgerechnet die ehemaligen Sowjet-Republiken Aserbaidschan und Russland, die sich auf die Seite des Publikums und der Musiker schlagen und Kontrollen und Transparenz fordern.

Hierzu Polad Bulbuloglu, Aserbaidschanischer Diplomat in Russland: „I want to stress that every call is money. Why should one call cost nearly 1,5 dollars? Azerbaijan gave Dina more than 2000 votes. Where is this money and these votes? Let the European Broadcasting Union respond!“ und „It is said that there are some professional jury. Why do you have to hide who the jury in Belarus and Russia are? Who are they hiding, the KGB, or what? Let them say how many people have voted. Let them explain to people what constitutes scores that are broadcast.“

Das Video der BBC zu diesem Vorfall muss man auf sich wirken lassen: Zwei ranghohe Politiker, und zwar die Außenminister Sergei Lawrow von Russland und Elmar Məmmədyarov von Aserbaidschan, beklagen eine Unstimmigkeit bei einem Musikwettbewerb, die, selbst wenn sie geklärt wird, am Gesamtergebnis nichts ändern würde. Das lässt den Rückschluss zu, dass es hier nicht um das Ergebnis, sondern mindestens ums Prinzip, wenn nicht sogar um mehr geht.

Pikant wird dieses Thema, wenn man das Video der BBC mit der Berichterstattung in deutschen Medien vergleicht. Das Gefälle in Rangordnung und intellektuellem Niveau zwischen etablierten Politikern in Russland und Aserbaidschan einerseits und verpeilten Medienleuten und Promis andererseits wirkt makaber. Deutscher Journalismus liefert weder Fakten noch Informationen zum Thema. Stattdessen erfreut man sich auf niedrigem journalistischen Niveau am eigenen Spott und einer vermeintlichen Überlegenheit. Die EBU verteidigt die Geheimhaltung der Ergebnisse, wirkt dabei aber wenig überzeugend.

Infos muss man sich auf Fan-Blogs zusammenfegen: Die europäischen Daten von Telefonvoter und Jury laufen alle in einem einzigen Privatunternehmen auf, und zwar digame mobile GmbH in Köln. Unter Beobachtung der PWC werden sie gesammelt und wieder distribuiert und dann im TV vorgetragen. Diese Daten, die angeblich ungefiltert zum TV-Zuschauer durchgereicht wurden, müssten jedes Jahr spätestens am nächsten Tag problemlos veröffentlicht werden können. Wenn das nicht geht, gibt es etwas zu verbergen. Und was, kann sich jeder jetzt denken.

„Es ist schön, wenn man die Wahl hat“
Mit diesem Spruch durfte die politisch nicht mal legitimierte Comedy-Frau Anke Engelke 2012 den Gastgeber Aserbaidschan vor der Weltöffentlichkeit politisch brüskieren und diskreditieren. Und dies ausgerechnet im Rahmen eines Spaßwettbewerbs, bei dem das Publikum offensichtlich NICHT die Wahl hat. Die Abstimmungsmodalitäten sind schlicht Verhöhnung und werden auch als solche kommuniziert. Man zieht dem Publikum mit Telefonvoting das Geld aus der Tasche und macht das Ergebnis vor seinen Augen mit Hilfe einer „Jury“ wieder zunichte. Die Geheimniskrämerei um diese Zahlen und um die Jury-Mitglieder sind nur der Gipfel der Provokation. Und was mit den Riesenmengen an alljährlich gesammelten Daten aus Europa geschieht, hat noch nie jemand hinterfragt. Zur Erinnerung: Man misst nicht nur musikalische Präferenzen, sondern in erster Linie Verhalten!

Es wäre der absolute Gau(di), wenn sich die Grundlage all der konzertierten Aktionen um Wahnsinns-Erfolge, traumhafte Siegesstatistiken und Negativ-Schlagzeilen zur Türken- und Ostblockmafia als ein großangelegter Betrug entpuppte. Und damit genau das nicht geschieht, werden die Ergebnisse auch dieses Jahr nicht veröffentlicht mit den Folgen einer zunehmenden Entsolidarisierung Europas und wachsenden Erpressbarkeiten, die sich der demokratischen Kontrolle entziehen.

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Ein Kommentar

Danke!

Der Fan-Blog Link hat übrigens eine überflüssige Klammer am Ende.

Vielen Dank. Habe es korrigiert. Als Dank gleich noch den nächsten Fan-Blog-Text mit konkreter Forderung:

http://wiwibloggs.com/2013/05/22/editorial-ebu-must-release-raw-votes-fo...

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