Der Junior Eurovision Song Contest 2012

Am 01.12.2012 fand in Amsterdam der Junior Eurovision Song Contest statt. Dies mit einer überschaubaren Anzahl von nur 12 Teilnehmerländern. Ermüdungstendenzen gegenüber Castings und Conteste und zunehmend eingeschränkte Budgets machen selbst dem erwachsenen Eurovision Song Contest derzeit zu schaffen. Beim Kindercontest kommt noch die generelle Infragestellung des pädagogischen Wertes hinzu: „Darf man den Kleinen so etwas überhaupt zumuten?“

Die vorsichtige Zurückhaltung gilt in Deutschland nur für die U-Musik, in der E-Musik können die Pianisten und Violonisten gar nicht jung, die Ansprüche nicht hoch und die Wettbewerbe nicht hart genug sein. In Deutschland neigt man ohnehin zum Schubladendenken, Popmusik, TV-Conteste und -Castings werden gerne als „Unterschichtskultur“ eingestuft. Deren Qualität wird bestenfalls am jeweiligen Gelaber der Juroren gemessen.

Beim Junior Song Contest wird Leistung und Kreativität der Kinder zwischen 10 und 15 Jahren vorgeführt, was ja auch in den Schulen bewertet wird. Interessant finde ich auch, dass Kinder sich hier länderübergreifend austauschen. Die Herangehensweise der Niederländer beim JESC finde ich nicht uninteressant. Wer genauer hinschaut bekommt auch einen Eindruck von den jeweiligen musik- und medienpädagogischen Konzepten einzelner Länder, die – und jetzt kommt es - nicht ausschließlich vom Verkaufsinteresse der Medienindustrie geleitet sein sollte.

Meiner bösen Vermutung nach ist der Zuspruch in Deutschland u. a. deswegen so gering, weil der Medien- und Musikindustrie der ungehemmte Zugriff auf Kinder (noch) verwehrt wird bzw. scheint das TV keinen Kompromis zu finden. Dass RTL mit Bohlens DSDS-Kids diese Lücke nach Jahrzehnten der Untätigkeit ausnutzt, muss nicht verwundern. Noch weniger verwundert mich der "alarmierende Aufschrei" ausgerechnet von Kirchen, Ärtzeverbänden und Politikern. Aufmachung und Sprache des Stern-Beitrags bestätigen mal wieder das Bohlen-Image und wirken hinsichtlich ihrer Aussage kontraproduktiv. Aufrichtiges Interesse an der medienpädagogischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist mir ohnehin nur in den Nischen der Offenen Kanäle begegnet, aber ich lasse mich da auch gerne eines Besseren belehren.

Zum anderen hat die musische Grundausbildung von Kindern in unserem Land keine große Lobby. Musik verschwindet zunehmend vom Lehrplan und wenn der Musik-Industriekomplex z. B. das Singen im Kindergarten zu verhindern versucht und finanziell ausbeutet, schlagen nicht Kirchen, Ärzteverbände oder Politiker, sondern nur die Musikpiraten Alarm.

In Osteuropa hingegen scheint man, wie der JESC andeutet, anders aufgestellt zu sein. Dank einiger der diesjährigen Beiträge habe ich als ESC-Fan wieder belustigt feststellen müssen, dass die TV-Conteste mit ihren zusammengewürfelten Bands, den schlichten 3-Minuten-Popstücken, schrillen Outfits und Performances wesentlich besser in die Kinderwelt als in die Erwachsenenwelt hineinpassen. Deswegen stellt sich für mich die Frage nach dem moralischen Wert anders herum: Darf man uns den millionenschweren, regressiven TV-Kitsch mit erwachsenen Teilnehmern bedenkenlos zumuten?

Beispiel Georgien. „Eigentlich“ meistern die Georgier das musikalische Handwerk meisterhaft, den JESC haben sie schon 2 mal gewonnen. Dieses Jahr machten die georgischen Funkids mit Funky Lemonade den 2. Platz, die Kinder-Jury hatte sie sogar wieder auf Platz 1. Ihr Spaß an der Show übertrug sich schnell auf das Publikum:

Was sie an Verrücktheit auf die Bühne bringen, sieht man auch häufig beim erwachsenen Eurovision Song Contest. Was aber bei den Funkids frech und schmissig rüber kommt, erzeugt beim ESC eher ein Fremdschämen. Beispiel der diesjährige Vertreter aus Georgien, Anri Jokhadze:

Anri Jokhadze - I'm A Joker - Live - 2012 Eurovision Song Contest Semi Final 2

Mein Fremdschämen gilt NICHT dem Musiker Jokhadze. Er kann singen, er kann Klavier spielen und weist mit seinem Rückbezug auf den georgischen Komponisten Revaz Lagidze auf eine solide Musikausbildung hin. Offensichtlich ist Anri mit diesem 3-Minuten-Auftritt unterfordert und haut alles rein, was geht. Motto: Du hast keine Chance, aber nutze sie. So reagieren also Musiker wenn sie feststellen, dass sie in diesem zum PR-Anlass missbrauchten Wettbewerb nur als Füllstoff dienen, damit die (amerikanische) Musikindustrie ihre Castingsternchen mit Platz 1 vermarkten kann... Der Witz ist, dass man bei Jokhadzes Musikstück sogar von einem Plagiat sprechen könnte, was die westeuropäischen Klugscheißer nicht mal bemerkt haben. In diesem Zusammenhang noch mal die Frage: Darf man uns einen auf industriell vermarktete Nichtskönner ausgerichteten, millionenschweren TV-Kitsch zumuten?

Zurück zum JESC: Der Knaller ist die ukrainische Siegerin Anastasia Petryk. Bei der Kinderjury auf Platz 2, wurde sie mit Hilfe der TV-Zuschauer auf den ersten Platz gesetzt. „Wie viel junior ist das noch?“ fragte der niederländische Kommentator verunsichert.

Als ich ihr selbst geschriebenes Lied "Nebo" (Himmel) zum ersten Mal hörte, befürchtete ich auch, dass es für einen TV-Contest zu anspruchsvoll und für Kinder zu erwachsen sein könnte. Andererseits: Warum sollen Kinder mit Kindertümelei klein und doof gehalten werden? Schlimmer finde ich es, wenn erwachsene Frauen mit Kinderstimme plärren (Lykke Li). Die 10-jährige Anastasia, die aussieht wie 6, strotzte mit imitierten Gesten der Erwachsenen vor Selbstsicherheit und schmetterte ihr Lied so atemberaubend leicht und locker, dass sie so manchen erwachsenen Musiker beschämen dürfte.

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