Eurovision Song Contest - Das Publikum hat keine Lobby

Eigentlich wollte ich über die ersten bekannten Beiträge zum ESC 2013 schreiben, aber bis auf wenige Ausnahmen überbieten sich die Länder in Einfallslosigkeit. In den Vorentscheidungen treten durchaus interessante Interpreten mit unterhaltsamer Performance auf, die Siegerlieder jedoch sind von einer aggressiven Schlichtheit.

Beispiel Finnland: Statt der jungen Metalband Arion bekommen wir in Malmö Krista Siegfrids geboten.

Estland: Wochenlang polarisierte die Punkband Winny Puhh das Publikum, am Schluss gewinnt nicht mal das nette Lied von Korsikud, sondern ein Schnarchlied, das dem finnischen in seinen leeren Akkorden und abgedroschenen Kadenzen verdammt ähnlich ist.

Norwegen bot mit Emil Solli-Tangen & Gromth eine Mischung aus Oper und Growling, entschied sich dann aber für eine weitere Euphoria-Kopie.

Diese Beispiele könnte ich mit
Serbien,
Island,
Spanien,
Schweiz,
Belgien etc. fortführen.

Im folgenden Text möchte ich die Abstimmungsmodalitäten zur Diskussion stellen mit der provozierenden Frage: Zu welchem Zweck wird das europäische Publikum jedes Jahr in eine Show eingebunden, in der es über Lieder und Interpreten abstimmt, die die Welt nicht braucht?

„Es kommt nicht darauf an, wer was wählt, sondern wer am Schluss die Stimmen auszählt.“ (Joseph Stalin) In fast 15 Jahren intensiver Beobachtung konnte und wollte mir niemand die folgende Frage beantworten: Wer kontrolliert eigentlich diese Auszählung? Was ist das für eine Mitbestimmung, wenn das Publikum keine Transparenz und Kontrolle hat, ja, es nicht einmal einfordert?

Fakt ist, dass die Ergebnisse einer Publikumsbefragung bei einem Musiktest bzw. Musikwettbewerb nur bedingt Ausdruck von musikalischen Präferenzen sind. Man misst damit in erster Linie menschliches Verhalten. Ohne Kontrolle und Transparenz sind dem Datenmissbrauch Tür und Tor geöffnet. Dass der ESC uns Deutschen als ein nicht ganz Ernst zu nehmender Tralala-Wettbewerb verkauft wird, erscheint mir Kalkül, damit keiner genauer hinschaut. Denn immerhin lässt man sich diesen Tralala-Wettbewerb jedes Jahr 2–3-stellige Millionensummen kosten. Um so bedenklicher auch die Tatsache, dass es dazu absolut keinen Musikjournalismus gibt. Man findet ausschließlich PR-Texte, die im Internet massenweise multipliziert werden.

Hierzu trugen in den letzten 2 Jahrzehnten auch die Fans bei. Mit der Einführung des Telefonvotings in den 90er Jahren hat man diesen Fans wertvolles Promo-Material geschenkt und ihnen Akkreditierungen und billige Sitzplätze in den ersten Reihen zur Verfügung gestellt. Die Fans haben diese kleinen Geschenke natürlich nicht mit kritischen Fragen aufs Spiel gesetzt.

- Deutsche, Hände weg vom Telefon! -
Seit 2008 heißt die Zielgruppe des NDR auf keinen Fall mehr Europa. Thomas Schreiber lässt keine Gelegenheit aus, einen Keil zwischen ost- und westeuropäische Staaten zu werfen. Bei den alten Fanclubs wurden Promo-Material und Akkreditierungen zusammengestrichen, dieses Jahr hat man ihnen sogar die Sitzplätze weggenommen. Als peile man eine Play-Back-Show unter Ausschluss der Öffentlichkeit an... Dafür wird im Internet eine andere Zielgruppe umworben, die weniger an Musik und schrille Shows interessiert ist, sondern sich mehr für politische Stimmungsmache begeistern lässt.

Bislang beispiellos in der Geschichte des ESC war die politische Hetzkampagne gegen den musikalischen Konkurrenten Aserbaidschan (gab es nur in Deutschland!). Wer so eine Kampagne mit politisch nicht-legitimierten Menschen aus der Unterhaltungsbranche (Schreiber, Engelke) - im Rahmen eines Tralala-Wettbewerbs - beauftragt und monatelang in überregionalen Medien verbreitet, will auch eine Erfolgsmessung. Da liegt es nahe, sich die Telefonabstimmung (und einschlägige Internetportale) genauer anzuschauen. Folgende Fragen könnte die Auswertung beantworten:

Wie viele Leute waren im Vergleich zu den Vorjahren noch bereit für Aserbaidschan anzurufen?
Für wie glaubwürdig hält man die deutsche Berichterstattung?
Wie erfolgreich lassen sich Dispositionen und Verhalten durch die Medien steuern?

Die Aserbaidschaner sind 2009 sogar noch einen Schritt weiter gegangen und haben Gebrauch gemacht von der Vorratsdatenspeicherung. Sie haben sich diejenigen vorgeladen, deren Abstimmungsverhalten ihnen nicht genehm war. Achtung: Solange es in keinem Land Transparenz gibt, ist moralische Empörung darüber nicht den Politikern, sondern nur dem Publikum vorbehalten.

Interessant ist für mich auch die Tatsache, dass die Türkei dieses Jahr nicht am Song Contest teilnimmt. Die deutschen Multiplikatoren deuten dies als einen „beleidigten“ Rückzug, da die Türkei mit der Wiedereinführung der Jury Punkteverluste hinzunehmen hatte. Ich halte dagegen, dass es die Türken genauso gut stören könnte, wenn die Deutschen Jahr für Jahr das Verhalten der türkischstämmigen Mitbürger studieren... Alles fängt unverbindlich und im Spaß an, aber nach jahrelanger Beobachtung wundert es mich offengestanden, dass diese Publikumskontrollen und Auswertungen auf internationaler Ebene überhaupt noch geduldet werden.

- Turkey 12 points -
Und jetzt die Begründung, warum man nur zum Teil musikalische Präferenzen misst und wie man mit den Abstimmungsmodalitäten bei einem Tralala-Wettbewerb politisch Stimmung machen kann:

Von 1956 bis 1997 wurde der Sieger intern durch Juroren ermittelt. Seit 1997 hat man schrittweise das Telefonvoting eingesetzt, dass dann einige Jahre später die Juroren vollständig ablöste. Dabei stellte sich heraus, dass Menschen mit Migrationshintergrund gerne und oft für ihre Heimatländer anriefen, wodurch das Ergebnis in manchen Ländern sehr vorhersehbar wurde: Turkey 12 points, Russia 12 points. Das Positive an diesem Phänomen war, dass die Beiträge der so begünstigten Länder immer besser wurden. Der Contest 2007 war zwar für ESC-Verhältnisse von beachtlicher Qualität, aber Westeuropa spielte darin keine Rolle mehr. Um hier gegen zu steuern, wurde - vor allem auf Drängen der Deutschen - die Jury wieder eingeführt.

Man hätte genauso gut den Rückschluss ziehen können, das musikalische Niveau westeuropäischer Beiträge zu erhöhen und mehr auf musikalisches Handwerk zu achten. In Deutschland hätte man sich der Aufgabe stellen können, Menschen mit Migrationshintergrund in die Welt des Boulevard, des Schlagers, der volkstümlichen Musik und in die Vorentscheidungen zu integrieren (in anderen Ländern üblich).

Aber das Ergebnis wird nicht musikalisch, sondern ausschließlich politisch interpretiert. Und statt Integration machen die Deutschen genau das Gegenteil: Sie schüren Vorurteile, indem sie den Migranten und ihren Heimatländern Betrug vorwerfen, der nur von autoritären Experten begrenzt werden könne. Aber sind die Mehrfachanrufe wirklich Betrug?

Da ALLE Teilnehmerländer zum Einsatz einer Expertenjury verpflichtet wurden, wurden - zumindest auf der Ebene der Organisatoren – aus „Feinde“ wieder Komplizen. Diese sogenannten Jury-Experten sind nämlich nicht weniger Interessen geleitet als das Publikum. Die meisten Lieder werden mittlerweile von Schweden aus produziert und in vielen Fällen handelt es sich bei der Jury um Vertragspartner eines amerikanischen Major Labels. Diese „Experten“ scheinen den Contest als eine PR-Maschine aufzufassen, bei dem der Sieg Beliebtheit und Qualität vortäuscht. So kann man sich nun wunderbar im kleineren Kreis absprechen und politisch motiviert abstimmen und nebenbei auch noch Ladenhüter und Nichtskönner verramschen.

Bei so unterschiedlichen Interessen hätte man der Logik nach mindestens 2 Sieger, einen Publikums- und einen Jury-Sieger, benennen müssen. Stattdessen wird das Publikumsergebnis mit dem Jury-Ergebnis verrechnet. Die Abstimmungsprozedur ist wie folgt: Erst wird das Publikum zum Anrufen animiert, es zahlt – auch bei Mehrfachanrufen – jeden seiner Anrufe und kauft sich symbolisch seine Beiträge. Damit verdienen Telefonkonzerne und Rundfunkhäuser nicht schlecht. Danach wird das Ergebnis dann aber von der Jury gekippt. DAS ist meiner Meinung nach Betrug und als Feedback für Musiker und für die europäische Musikwirtschaft sinnlos. Um keine unnötigen Diskussionen heraufzubeschwören, hat man die Sieger der letzten Jahre immer Telefon- UND Juryvoting gewinnen lassen. Aber wozu das Ganze? Es bleibt eine Simulation von Mitbestimmung und Verhöhnung aller demokratischen Spielregeln.

Die Erfolge der so ermittelten Sieger wirken auf mich wie Hütchenspielertricks. Mag man bei den 3 Minuten Show im Finale noch vom Trickreichtum fasziniert sein, lässt sich diese Faszination nicht mit Titelverteidigung, Preisverleihungen, Downloadraten, Charterfolgen und Zwangspräsentationen in Dauerschleife wiederholen. Mir kommen die ESC-Helden wie Landplagen vor; sie profitieren ausschließlich von einem hermetisch abgeriegelten Medienindustriekomplex, der jede Frage, jede Kritik und jeden Zweifel an sich nieder walzt.

Das Publikum hat keine Lobby.

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Kommentare (4)

[...] auszählt.“ Dieser Ausspruch von Joseph Stalin war mein ironischer Aufhänger, als ich im Text „Das Publikum hat keine Lobby“ die fragwürdigen Abstimmungsmodalitäten beim Eurovision Song Contest beschrieb. Es scheint, dass [...]

[...] auszählt.“ Dieser Ausspruch von Joseph Stalin war mein ironischer Aufhänger, als ich im Text „Das Publikum hat keine Lobby“ die fragwürdigen Abstimmungsmodalitäten beim Eurovision Song Contest [...]

Danke. Das war nötig. Als eingefleischter ESC-Fan geht mir _alles_ was das deutsche Rahmenprogramm rund um den ESC ausmacht schon lange auf die Nerven. Das Genörgle, die Moderationen, die Interviews mit "Musikern" vergangener Tage.

Und die Juries. Ugh. Allerdings könnte man die vielleicht mit public outrage wieder wegbekommen. Wenn wir schon nicht sehen, wer die sind und was die machen, dann können wir das auch nutzen um ihnen Schindluder vorzuwerfen. So á la #juryfraud während des ESC.

Werden die Jury's nicht gezwungen, schon direkt nach der Generalprobe die eigenen Reihenfolgen festzulegen, die dann mit den Votings vermengt werden?

Ansonsten gute Kritikpunkte, da stimme ich voll zu.

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