Eurovision Song Contest - Ein Kampf der Kulturen?

Kampf der Kulturen... Hinter dieser verschwörerischen Aussage verbirgt sich nicht viel mehr als ein Kampf um die Kohle, ein schnöder Verdrängungswettbewerb. Die Musikindustrie scheint mit dem Eurovision Song Contest auch den europäischen Chauvinismus als Verkaufsstrategie für sich entdeckt zu haben und findet auffallenderweise gerade bei Deutschen und Schweden willige Vollstrecker.

Die Jury wurde von Deutschen mit einer Begründung wieder eingefordert, die vor allem solche Länder diskreditiert, die oft mit namhaften Musikern antreten und auf eine eigene lebendige Musiktradition aufbauen. Dies sind die Türkei, die Balkanländer, Russland und die ehemaligen Sowjetrepubliken. Ihr Erfolg sei Betrug, hieß es, sie würden nur von ihrer Diaspora profitieren. Die Diskreditierungen gehen mittlerweile soweit, dass man auch als deutscher Fan schon zur Unperson werden kann, wenn einem die Lieder dieser Länder gefallen.

Dass diese „Zigeunermusik“ auch außerhalb des Contestes erfolgreich ist (Balkan Beat), wird verleugnet. Dass auch westeuropäische Länder sich beim Contest gegenseitig unterstützen, wird genauso unterschlagen. Stattdessen wurde es als Werbe-Gag hervor gestrichen, wenn deutsche Touristen aus Spanien, Polen, Österreich, Schweiz oder den Niederlanden für Guildo Horn anriefen. Fazit: Touristen haben beim Contest mehr Wahlrecht als Migranten.

Seit der Wiedereinführung der Jury putzt sich das amerikanische Universal Music (aber nicht nur sie) gerne hervor und zeigt sich für eine ganze Reihe von Ländern verantwortlich. Es kann auf diese Weise als Jurymitglied der verschiedenen Länder sogar seine eigenen Stücke bewerten. Den Rest dürfen die Schweden erledigen, die von der Unerfahrenheit und der finanziellen Misere einiger Länder profitieren. Von 26 Beiträgen wurden dieses Jahr ca. 10 von Schweden produziert. Von europäischer Musik und einem europäischen Wettbewerb kann also schon keine Rede mehr sein.

Jüngstes Beispiel die Frage im NDR-Blog", wie ein guter Siegertitel beschaffen sein muss. Was für ein Zufall, dass die Lösung für einen Siegertitel einen vordergründig zypriotischen Beitrag von Ivi Adamou hervorhebt: "Sie schliddert mit ihrem Titel "La La Love” durch die skandinavischen (vornehmlich schwedischen) Radiocharts". Diese schwedische Promotion muss nicht verwundern, da es ja eine dieser zahlreichen schwedischen ESC-Produkte ist. Andererseits: Die Länder haben schon für ihre Teilnahme einen recht hohen Obulus abzudrücken. Wenn ihnen dann nichts Besseres einfällt, als sich ausgerechnet von Schweden einen teuren Song zu kaufen, um ihn dann 2013 in Schweden zu präsentieren, ist ihnen ohnehin nicht zu helfen.

Aber sie kriegen den Hals nicht voll. Neuerdings setzen sich die Verantwortlichen aus Deutschland und Schweden dafür ein, alle Teilnehmerländer vorab zu einer Vorentscheidung zu verpflichten. "Im Lenkungsausschuss des ESC, in dem u.a. die ARD (mit Thomas Schreiber), aber auch Christer Björkman (als gewähltes Mitglied) vom schwedischen Fernsehen und Bruno Berberes vom französischen Fernsehen Mitglied sind, war im März beschlossen worden, dass ESC-Länder keinen Kandidaten mehr intern auswählen dürfen. Wer beim ESC performt, muss aus einer Vorentscheidung hervorgegangen sein", so ist es im NDR-Blog zu lesen. Noch scheitert diese Vorgabe am Protest der Franzosen.

Die Folge wären in allen europäischen Teilnehmer-Ländern eine Serie von Castingshows mit wahrscheinlich Straßenpassanten (aus Mangel an Musikern) ohne eigene Lieder, die dann gnädigerweise die anglo-amerikanischen Charts rauf und runter singen dürfen. Was für ein lukratives Geschäft. Für Deutsche hieße dies dann wohl eine Wiederaufnahme der Kooperation mit Pro7. Irgendwie muss der marode Privatfunk ja auch mitfinanziert werden.

Bei Thomas Schreiber vom NDR gewinnen grundsätzlich nicht Musiker, Komponisten und Autoren, sondern Länder. "Wichtig war auch die Wiedereinführung der Jurys. Das kann man daran sehen, dass Norwegen und Deutschland gewonnen haben", so Thomas Schreiber in einem Interview aus 2011. Die Aufgabe der Jury ist es also, nicht über Musik zu urteilen, sondern bestimmte Länder zu pushen... Im gleichen Interview auch noch mal eine Bestätigung für die Durchsetzung anglo-amerikanischen Einheitsbreis gegen musikalische Traditionen: "Wir haben schon das Ziel, aus der Ironisierung und dem rein folkloristischen Element herauszukommen." Ironie also auch verboten? Und überhaupt: Wer ist "wir"?

Aber Thomas Schreiber hat sich seit 2011 noch gesteigert. Mittlerweile ist für ihn der Contest kein Musikwettbewerb, sondern eine Chartliste der schönsten bis scheinheiligsten Demokratien. Nach seinem Verständnis muss es erlaubt werden, einige Länder auszuschließen. So hieß es am 12.05.2012 auf der Seite DigitalFernsehen: "Thomas Schreiber denkt darüber nach, wer künftig am Wettbewerb teilnimmt." Es sei denn, sie „demokratisieren“ (s. o.) und „verfreiheitlichen“ sich für den westlichen Markt.

Und gegen all dies regt sich 0 Widerstand?

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[...] meinem Text „ESC - Ein Kampf der Kulturen?“ habe ich darauf hingewiesen, dass auch das Major Label Universal Music von dieser Spielart [...]

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