Eurovision Song Contest - Israel: Harel Skaat

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Talia

Der Eurovision Song Contest tritt in seine heiße Phase und mit ihm die Spekulationen und Diskussionen. Was im Spaß beginnt, endet mitunter in verbitterten Wortgefechten, an der sogar schon Freundschaften zerbrachen und langjährige Clubmitgliedschaften aufgekündigt wurden. Ein Kleinkrieg zum Schmunzeln. Aber wie erleben Fans, deren Alltag sporadisch vom realen Krieg heimgesucht wird, den Contest? Talia aus Haifa/Israel ist ein langjähriger Fan des ESC und Kennerin der israelischen Musikszene über den Contest und den israelischen Star Harel Skaat.

Edda: Expertin für den ESC bist du ja bestimmt wegen deiner Mehrsprachigkeit. Solche Contest-Fans sind im Vorteil. Wie viele Sprachen sprichst du und wo hast du dein perfektes Deutsch gelernt?

Talia: Neben meiner Muttersprache Hebräisch spreche ich noch Deutsch, Englisch und ein bisschen Arabisch. Jetzt versuche ich, selbstständig Türkisch zu lernen. Mein Deutsch habe ich von meinen Großeltern gelernt, die mit ihren Nachbarn immer Deutsch sprachen. Meine Großmutter stammte aus Galizien (heute Ukraine), sprach aber perfektes Deutsch, weil die Region bis 1918 zu Österreich-Ungarn gehört hat.

Edda: Unsere Medien berichten oft über Israel, aber Infos zum Eurovision-Song-Contest in Israel würden eher irritierend wirken. Wie ist das bei euch? Ist das ein Thema, was die ganze Gesellschaft bewegt oder interessiert sich in Israel nur eine kleine Gruppe für den Wettbewerb?

Talia: Einerseits wird der ESC bei uns als eine altbackene Veranstaltung empfunden, die außer Schwulen und alten Frauen niemanden interessiert, andererseits wird er auch wieder zu ernst genommen, als würde es sich dabei um eine nationale Mission handeln. Wegen seines schlechten Rufes wollen nur wenige populäre Musiker teilnehmen. Die IBA, die Sänger und Songwriter und vor allem das Volk glauben immer, beim ESC sollte man etwas ESC-Typisches singen, mit netter Botschaft, hymnenhaften Melodien und möglichst mehrsprachigem Text. Dies scheint sich aber erfreulicherweise langsam zu ändern. Dieses Jahr geht für uns Har'el Skaat, einer der beliebtesten Sänger Israels, an den Start, und einige namhafte Sänger (darunter Idan Raichel!) zeigen schon Interesse, Israel nächstes Jahr beim ESC zu vertreten.

Israel setzt statt auf Retortenstars auf erfahrene Künstler

Edda: Harel Skaat, der diesjährige Kandidat, sieht sehr jung aus. Ist er einer der jungen Casting-Stars, die innerhalb von zwei Monaten von 0 auf 100 hochgefahren werden?

Talia: Harel Skaat ist schon 28 Jahre alt und seit fast sechs Jahren im Musikgeschäft. Er wurde zwar in der populären Castingshow "Kochav Nolad" entdeckt (aus der Shiri und Boaz auch hervorgingen), bei der er den 2. Platz belegte, es hat aber einige Zeit gedauert, bis er sich in der israelischen Musikszene etabliert hat. Sein erstes Album hat er erst 2006 herausgebracht, zwei Jahre nach seiner Teilnahme bei "Kochav nolad". Das ist nämlich bei den meisten israelischen Castingstars der Fall. Man sagt zwar, man sollte das Eisen schmieden, solange es heiß ist, dabei soll die Qualität nicht zu kurz kommen! Selbst Castingstars sind sich dessen bewusst und nehmen sich lieber Zeit, bevor sie ihre ersten eigenen Songs auf den Markt bringen. Die israelische Musikszene ist da eigenständiger als die in Deutschland oder sonst wo in Nord- und Mitteleuropa: sie ist überwiegend in hebräischer Sprache, es wird ein hoher Wert auf den Text gelegt und auch die Kompositionen sind anspruchsvoller. Man muss sich also größere Mühe geben, um die Herzen der Israelis zu berühren!

Edda: Welche Bedingungen stellt Israel grundsätzlich an die Kandidaten?

Talia: Wie in den vergangenen Jahren durften auch dieses Jahr nur Sänger teilnehmen, die ihren Armeedienst geleistet haben. Eine andere Bedingung dieses Jahr war, dass sie Erfahrung im Musikbereich vorweisen mussten.

Edda: Bist du zufrieden mit eurem Kandidaten? Welchen Ruf genießt er im Allgemeinen?

Talia: Ich bin überglücklich über die israelische Wahl! Harel Skaat ist charismatisch, sieht blendend aus und hat eine tolle Stimme, zudem singt er ein Lied, das ihm wie auf den Leib geschrieben wurde! Ebenfalls freut mich, dass weder "Milim" noch seine anderen KDAM-Titel von Israels ESC-Lieblingsthemen (Frieden, Hoffnung, Völkerverständigung usw.) handeln! Endlich schickt Israel ein neutrales Lied über Liebe und Gefühle ins Rennen, das sich nicht auf unsere verzwickte politische Situation bezieht!

Edda: Ist Harel nominiert worden oder gab es eine Vorentscheidung? Darf er über das Lied und die Performance selber bestimmen? Wer berät ihn?

Talia: Harel wurde von einer Fachjury der IBA intern nominiert, hat aber später vier Lieder im Rahmen einer Vorentscheidung zur Auswahl präsentiert. Die Jury hat die Lieder ausgesucht, Harel war an der Wahl aber auch beteiligt. "Milim" war von vornherein sein Favorit, gefolgt von "Le'an".

Frage: Harel wirkt sehr jung und – wie ich in einem Videoclip gesehen habe – ist auch der Komponist des Liedes noch sehr jung. Mir fällt auf, dass das Lied „Milim“ als ein sehr zeitloses, stilsicheres zugleich auch ein sehr konservatives Chanson ist. Repräsentiert das die derzeitige israelische Musikszene oder sind die beiden eher Außenseiter?

Talia: Ja, "Milim" repräsentiert schon die Musikszene in Israel, die in den letzten 10 Jahren stark balladesk geworden ist. Die deutschen ESC-Fans haben mich schon öfters gefragt, warum Israel keine flotten Popsongs zum ESC schickt und immer nur auf melancholische Balladen setzt. Die derzeitige israelische Musikszene wird aber von Balladen dominiert. Flottere Klänge sind bei uns mittlerweile wieder angesagt, aber eher im "Mizrachi"-Bereich (orientalisch gefärbte Musik mit türkischen, arabischen oder griechischen Einflüssen). Flotte Popmusik von internationalem Format wird bei uns heute nur noch ansatzweise produziert. Es war nicht immer so. In den 70er, 80ern und 90ern hatten wir sogar eine sehr rege Popszene, das hat sich aber Anfang dieses Jahrzehnts geändert. Vielleicht liegt es an der Terrorwelle, die Israel in den Jahren 2001-2004 heimgesucht hat, die dazu geführt hat, dass den Israelis mehr nach schwermütigen Klängen zumute war, und vielleicht liegt es daran, dass die israelischen Medien heute von Leuten dominiert werden, die die "Rimon"-Musikhochschule besucht haben und einen sehr anspruchsvollen Geschmack zu haben scheinen. Sie geben den Ton nicht nur im Radio an sondern auch bei unserer Castingshow "Kochav nolad". Sie schätzen anspruchsvolle, gefühlvolle textlastige Balladen und empfinden flotte Popsongs als billig und oberflächlich.

Edda: Israel ist beim Contest schon relativ erfolgreich gewesen, platziert sich meist gut und hat insgesamt schon drei mal gewonnen, das letzte Mal 1998 mit einer transsexuellen Interpretin. Das israelische Bekenntnis zur transsexuellen Dana wirkte auf mich sympathisch und zugleich schwer nachvollziehbar. Du sagst, dass z. B. eine Grundausbildung bei der Armee Voraussetzung für eine Teilnahme ist. War denn Dana auch bei der Armee? Warst du bei der Armee?

Talia: Grundsätzlich ist eine Grundausbildung bei der Armee Voraussetzung für die Teilnahme, aber es gibt auch berühmte Ausnahmen von der Regel, z. B. Dana International war nicht in der Armee, sie nahm gerade weibliche Hormone und obwohl sie sich noch nicht umoperieren ließ, wirkte sie schon eher weiblich. Aus diesem Grunde wurde sie aus der Armee entlassen. Auch 2002 wurde Sarit Hadad nominiert, obwohl sie sich vor dem Armeedienst gedrückt hatte. Für Mira Awad als Araberin galt natürlich auch keine Wehrpflicht, sie durfte Israel 2009 mit ihrer Duettpartnerin Noa trotzdem vertreten.

Ich war zwei Jahre bei der Armee und habe dort als Lehrerin in einem militärischen Internat gedient. Im Großen und Ganzen hat mir dieser Job viel Spaß gemacht. Was mir weniger gefallen hat, waren die Wachschichten, die ich mindestens einmal in der Woche und alle 3 - 4 Wochenenden hatte. Ich bin der Meinung, dass jeder Israeli in der Armee dienen sollte, nicht nur, weil Israel aus allen Ecken bedroht wird und sich wehren muss, sondern auch weil es in Israel die Wehrpflicht gibt. Warum sollte der eine drei kostbare Jahre vergeuden, während der andere diese Zeit nutzen könnte, um einen Beruf zu erlernen oder Karriere zu machen? Ich finde es trotzdem doof, dass Sänger, die nicht in der Armee gedient haben, Israel beim ESC nicht vertreten dürfen, denn was hat dies überhaupt mit Musik zu tun?

Edda: Israel überzeugt mit Worten, mit Milim. In welcher Sprache wird Harel seine Worte vortragen?

Talia: Hoffentlich komplett auf Hebräisch! Das ist Harels Wunsch, seine stimmlichen Qualitäten kommen am besten zur Geltung, wenn er in seiner Muttersprache singt, und so kann er seine Gefühle auch am besten herüber bringen! Die IBA setzt ihn aber unter Druck, teilweise auf Englisch zu singen. Das finde ich ganz doof, wo die IBA heute fast die einzige Fernsehanstalt ist, in deren ESC-Regelwerk der Gesang in Landessprache (zumindest zu 50%) Pflicht ist! Wenn Israel so stolz auf seine Landessprache ist (was ich doch gut finde!), warum traut es sich nicht mehr, komplett auf Hebräisch zu singen? Ich hoffe sehr, dass Harel seinen Wunsch doch durchsetzt!

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Ein Kommentar

Meine Stimme per Televoting geht dieses Jahr - wie auch schon 2008 bei Boaz Mauda - nach Israel! :)

Allerdings: Gegen eine auch deutsche Version von Milim hätte ich nichts einzuwenden. Auch Anna-Marie David brachte 1973 ihren Grand Prix Hit mal auf deutsch heraus! :)

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