Eurovision Song Contest - Mazedonien vor der Morgendämmerung

Esma und Lozano

Mazedonien lässt sich dieses Jahr von der Grande Dame des Roma-Gesangs vertreten: Esma Redzepova. Gemeinsam mit dem jungen mazedonischen Sänger Vlatko „Lozano“ Lozanoski wird sie das Lied „Pre da se razdeni“ (Vor der Morgendämmerung) singen. Ich mag dieses Lied sehr, obwohl die Produktion nicht gerade wohlgeraten ist. Was hätte dagegen gesprochen, das Lied mit mehr akustischen Instrumenten einzuspielen? So klingt es stellenweise lieblos und Störgeräusche und Comic-artige Sounds lassen den Einsatz von Esmas Gesangspart komisch wirken.

ESMA and LOZANO - Pred da se razdeni / MACEDONIA (Eurovision 2013)

Esma Redzhepovas bekannteste Lied „Čaje šukarije“ kennt jeder, und sei es auch nur durch den Borat-Film „Kulturelle Lernung von Amerika um Benefiz für glorreiche Nation von Kasachstan zu machen“. Sacha Baron Cohen hatte das Lied zum Verdruss der Interpretin Esma Redzhepova im Film „verwurstelt“. Das Lied ist aus dem Jahr 1961 und gilt als der erste kommerzielle, erfolgreiche Roma-Hit.

Die 1943 in Skopje (Mazedonien) geborene Esma Redzepova kann seit diesem Hit heute auf eine erfolgreiche Karriere zurückblicken: 15000 Konzerte in ca. 30 Ländern, 108 Singles, 20 Alben (2x Platin, 1x Gold) und 6 Filme. Für ihr humanitäres Werk wurde sie sogar 2x für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Als Vermittlerin zwischen Roma und Nicht-Roma wurde sie zur „Queen of Gypsy“, zum „Millenium Singer“ und zur „Primadonna of the European Singing“ gekürt und bekam schließlich den UNICEF Award.

Während also im kommunistischen Bulgarien Minderheiten verfolgt wurden, beweist Esmas Karriere, dass die Roma im ehemaligen Jugoslawien viele Freiheiten genossen. Indem man ihnen z. B. Zugang zur Bildung gewährte, entwickelte sich nur hier eine akademische Roma-Elite. Leider hat sich die Lebenssituation der Roma durch die politischen und sozioökonomischen Auflösungsprozesse der 90er Jahre wieder extrem verschlechtert. Nur Mazedonien stellt noch eine Ausnahme dar, hier sind ihre Rechte Teil der Verfassung. Sie haben politisches Mitspracherecht und ihre Kultur wird wie ein eigenständiger Wirtschaftszweig vermarktet.

Bei der Recherche stieß ich auf den Film-Trailor „Gypsy Caravan“ (When The Road Bends) mit u. a. Esma, wie sie durch Amerika tourt, und plötzlich erinnerte mich die paradoxe Situation der Roma an die der Schwarzen: Je machtloser sie politisch und gesellschaftlich waren, desto mehr wuchs ihr Einfluss im kulturellen und musikalischen Bereich, je mehr sie sich integrierten, desto mehr vewässerte der kulturelle Einfluss. Unterdrückte und an den Rand gedrängte Gruppen scheinen eine sehr ausdrucksstarke Musik zu entwickeln, die sich vor allem in Improvisation und im emotionalen Ausdruck der Stimme äußert. Man achte im folgenden (fantastischen!) Song Hajri Ma Te Dike auf Stimme und Bläser.

Der Roma-Stil wird beim nächsten ESC (wenn auch in sehr abgeschwächter Form) sein Debüt feiern, denn Esma Redzepova wird einige Parts in Romani singen. Es gibt viele gute Interpreten dieses Jahr, dazu zählt gewiss auch ihr junger Duettpartner Vlatko,
aber Esmas kurzer Auftritt ist der ausdrucksstärkste und emotionalste. Akustisch wie auch optisch wirkt sie auf mich wie eine Bluessängerin.

Und jetzt kommt die ESC-Groteske: Das mazedonische Publikum musste die weltberühmte Esma erst an ihre Rolle als „Gypsy-Queen“ erinnern und sie auffordern Roma-Musik zu singen, ansonsten hätte sie „verwässerten“ Ethno-Pop gesungen. Der Wahl dieses Liedes ging nämlich ein politischer Skandal voraus, der kurz rekapituliert werden soll:

Am 28.12.2012 gab der mazedonische Fernsehsender MRT die Nominierung von Esma und Vlatko bekannt. Am 19.02.2013 präsentierten beide ihren ESC-Videoclip „Imperija“ (Imperium). 24 Stunden später musste dieses Video auf Grund von Beschwerden aus dem In- und Ausland wieder zurückgezogen werden.

Kritiker sahen darin nur plumpe Werbung für das von der konservativen Regierung forcierte und politisch umstrittene Projekt „Skopje 2014“, das eine Verschönerung von Skopje ausschließlich mittels Bau von Repräsentationsobjekten und nationalen Denkmälern vorsieht. Das Video präsentierte in der Tat ein „mazedonisches Disneyland“. Ganz zu Anfang wurde ein Reiterdenkmal von Alexander dem Großen eingeblendet, was in Anbetracht des Titels „Imperija“ vor allem von Bulgaren und Griechen als eine provozierende Geschichtsverfälschung betrachtet wurde. Nicht von ungefähr heißt Mazedonien beim ESC immer noch „FYROM“ (Former Yugoslav Republic of Macedonia).

Das Lied war ein einfaches Ethno-Popstück in mazedonischer Sprache, in dem Esma nach Meinung der Mazedonier überhaupt nicht ihrer Rolle als „Queen of Gypsy“ gerecht werde. Esma selber schien sich lieber als eine Mazedonierin präsentieren zu wollen. Grundsätzlich setzt sie sich sehr für den EU-Beitritt Mazedoniens ein und wollte in dieser Mission beim ESC auftreten. Vielleicht wollte sie mit Video, Liedtitel sowie auch dem Projekt Skopje 2014 diese Botschaft unterstreichen...?

Kurzfristig über das negative Feedback erschüttert, steckte sie es aber dann professionell weg. Musiker und TV-Anstalt zeigten sofort Einsicht und waren bereit, ein anderes Lied zu wählen. Der jetziger Beitrag „Pre da se razdeni“ wurde von Darko Dimitrov und Lazar Cvetkovski in Zusammenarbeit mit ihrem Sohn Simeon Atanasov geschrieben. Ich halte es durchaus für denkbar, dass die sonderbare Hintergrundmusik und der stellenweise komische Text ein bisschen Restwut wegen des Liedtausches zum Ausdruck bringen soll.

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Kommentare (2)

Guter Artikel und interessante Musik.

Ein Paar Anmerkungen zu Mazedonien.

"Nicht von ungefähr heißt Mazedonien beim ESC immer noch „FYROM“ (Former Yugoslav Republic of Macedonia)." Das ist nicht nur beim ESC so, sondern z.B. überall im offiziellen EU Kontext. Der Name ist das Hauptproblem bei den Beitrittsverhandlungen zur EU. Mazedonien ist gleichzeitig der Name eines griechischen Gebiets. Die Griechen befürchten zukünftige Ansprüche von FYROM darauf. Daher heißt z.B. das Reiterstandbild auch nur "Reiterstandbild" ohne Alexander der Große ;-)

"Skopje 2014" ist auch ein inner-mazedonisch sehr umstrittenes Projekt. Skopje ist eine einzige Baustelle, wo man sich schnell die Frage stellt, wo das Geld dazu herkommt. Der Stadtkern ist voller Statuen mazedonischer Persönlichkeiten, u.a. von Churchill ;-)

Imperija war der bessere Song. Eingängiger Refrain, schöne Melodien. Schade.

PS: Griechen und Bulgaren sollen sich in Zukunft um ihre eigene Angelegenheiten kümmern und nicht Inhalte irgendwelcher mazedonischen Videos kommentieren.

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