Eurovision Song Contest 2014 - Die deutsche Band Elaiza und Dilara Kazimova aus Aserbaidschan im Vergleich

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Dass mir die aserbaidschanische Herangehensweise an das Thema Eurovision Song Contest bislang besser gefällt als die deutsche, führe ich darauf zurück, dass in Aserbaidschan eine Frau die Oberhoheit über dieses Thema hat, und zwar ist dies Mehriban Aliyev, die Gattin des Präsidenten Illham Aliyev. Sie setzt bei ihrem Verständnis von Erfolg offensichtlich andere Schwerpunkte, die vor allem auch durch ein modernes Frauenbild zum Ausdruck gebracht werden. Dieses Jahr gibt die Frauenband ELAIZA nun endlich auch in Deutschland Anlass zur Hoffnung auf Besserung.

Nur sind für ein gutes Abschneiden tolle Interpretinnen nicht genug, die Verantwortung liegt in erster Linie bei der deutschen Delegation. Und bei der hat sich seit 16 Jahren nichts geändert. Wenn mein folgender Text von dem abweicht, was in Deutschland üblicherweise zum ESC veröffentlicht wird, hat das vor allem damit zu tun, dass ich in Deutschland die einzige Frau bin, die regelmäßig und vor allem unabhängig vom NDR schreibt. Die Einstimmigkeit der Männer überzeugt mich nicht, vielmehr bestätigt es mir, dass der NDR mit seinen bezahlten Bloggern (Feddersen, Wolther) und gelenkten Fanclubs den Musikjournalismus und die Pressefreiheit langsam untergräbt. Daher nun einen Vergleich mit Aserbaidschan.

Start a Fire
Ich finde den aserbaidschanischen Beitrag dieses Jahr wieder sehr schön. Mit Kopfhörern bei schlechter Witterung nachts in der Anonymität einer Großstadt eintauchen und dann Dilara Kazimovas „Start A Fire“ in Dauerschleife hören:

http://www.youtube.com/watch?v=ipQswujA5gw

Ein klassisches Chanson, bei dem nur der Einsatz des Holzblasinstruments Balaban (armenisch Duduk) auf die Herkunftsregion Kaukasus verweist. Mit seinem weichen Klang unterstreicht es die melancholische Stimmung. Wirkung und Erfolg des Liedes werden aber maßgeblich von der Live-Performance der Sängerin abhängen, sollte sie nicht mal von einem Backgroundchor unterstützt werden, dürfte das nicht einfach werden.

Nachvollziehbare Maßstäbe
Als ESC-Fan kannte man Dilara schon aus den vorangegangenen Jahren. Am 03.03.14 sagte sie: „When I decided to participate in the selections, I thought it would be the last time, because it is required to pass very complicated stages.”

Der Auswahl der Eurovisionsteilnehmer geht in Aserbaidschan nämlich eine langwierige Vorentscheidung voraus. Natürlich kann ich nicht hinter die Fassaden dieses Vorentscheidungsmarathons schauen, für mich ist wichtig, dass hier der Maßstab von Leistung, Erfolg und Ergebnis stimmig und ausbaufähig ist und meinen Wertvorstellungen entspricht.

Uns sind die Maßstäbe abhanden gekommen
Die ganze Promotion um unseren erfolgreichsten ESC-Star Lena redete dem Publikum ein, dass es wünschenswert ist, wenn eine Frau nichts kann und stattdessen ihre Unerfahrenheit mit Anmut, Charme und Natürlichkeit zu verbergen weiss. Seitdem ich den Live-Auftritt der Deutschen bei der PK in Oslo 2010 gesehen hatte, habe ich die Fronten gewechselt: Zwei ältere Männer (Stefan Raab und Thomas Schreiber) lassen ein hemmungsloses Mädchen quasi vortragen „Ich bin blöd, und das ist gut so.“

Hinter vorgetäuschter Ironie musste das Unvermögen verborgen werden. Warum nicht jemanden nehmen, die was kann? Oder warum nicht frech die ganze Wettbewerbssimulation auffliegen lassen? Stefan Raab– eigentlich als Unglücks-Raabe seiner eigenen Sendung USFO völlig überflüssig in Oslo - hängte sich als Abgreifer wie eine Klette an Lena. Und jetzt müssen sich nach 2010 in Deutschland nachweislich bessere MusikerInnen hinter diesem Fake geschlagen geben, denn diese „Sieger“ wird man doch immer wieder als Vergleich heranziehen.

Und mit solchen „Erfolgen“ werden die Nachfolger auf die falsche Fährte geführt. In der diesjährigen Vorentscheidung zeigten sich ELAIZA über ihren Sieg noch verblüffter als das Publikum. Dürfen in Deutschland Frauen etwa nur wie kleine Kinder mit Selbstübertölpelung, Verblüffung und Glück erfolgreich sein?

Elzbieta Steinmetz (Gesang, Keyboard), Natalie Plöger (Kontrabass, Gesang) und Yvonne Grünwald (Akkordeon, Gesang) sind ausgebildete Musikerinnen. Man hätte sie genauso gut nominieren und dabei hervorheben können, dass sie selbstverständlich auf die ESC-Bühne gehören, weil sie ihrer Berufung folgen. Dass sich bei ihrer Promotion bislang keine Männer wie Kletten an sie hängen, führe ich weniger auf Zurückhaltung der Männer zurück, sondern bedeutet für mich, dass man ihren Sieg ausschließt. Sonderbar auch, dass der Entdecker dieses wunderbaren Trios, Adel Tawil, beim Echo als Newcomer degradiert wurde.

Da finde ich die aserbaidschanischen Erfolgskonzepte eindeutiger und das promotete Frauenbild folgerichtiger: Nachdem Dilara auf gleicher Augenhöhe mit ihren Musik-Kollegen durch Leistung erfolgreich war, wird sie beschrieben als eine gut ausgebildete, unabhängige aber auch nachdenkliche und verletzliche Frau mit Verantwortungsbewusstsein.

Is It Right? Is It Wrong?
Für den ESC macht Dilara Kazimova 10 Tage Promotion im Ausland, gleichzeitig nimmt sie am Wettbewerb „Voice of“ in der Ukraine teil. Für ihren ESC-Beitrag gab es wie jedes Jahr eine Ausschreibung. Bislang waren es meist die gleichen Komponisten und Autoren, aus deren Angebot der ESC-Beitrag intern ausgewählt wurde. Dieses Jahr sind es wieder Stefan Örn, Johan Kronlund und Alessandra Günthardt. Ich gehe mal davon aus, dass man bei ihren maßgeschneiderten Beiträgen darauf achtet, dass die jeweilige Message der Songs mit den Interessen der aserbaidschanischen Politik kompatibel ist:

“A soldier in the hands of a forgotten mess, Digging out the burning bullets in his chest, So eager, bold and noble - printing footsteps on this earth. Maybe nightfall darkens skies, Maybe teardrops stain our eyes, But may the slightest light start a fire.”

Wie sieht es mit Lied und Promo für ELAIZA aus? Auf Kampagnen, wie sie um Lena Meyer-Landrut losgetreten wurden, kann ich genauso verzichten wie auf deren Fake-Erfolge. Langweilig und demoralisierend ist es aber auch, wenn diese Kampagnen ausbleiben, denn damit ist der Ausgang ja klar: 0 Chancen auf einen Sieg.

ELAIZAS Werbung scheint viel auf Eigeninitiative zu beruhen. Mir gefällt es, wie sie sich präsentieren, ihre CD vorstellen und dabei auch ihren ESC-Beitrag in unterschiedlichen Variationenvortragen. Da fühle ich mich als Fan und Frau jedenfalls Ernst genommen.

Bewundernswert finde ich auch, dass Sängerin Ela ihren ESC-Beitrag (gemeinsam mit Frank Kretschmer) sogar selber geschrieben hat. Das alles wird viel zu wenig gewürdigt. Stattdessen wird Ela's polnisch-ukrainische Abstammung hervorgehoben. Abstammung ist für mich aber genauso wenig eine Wettbewerbskategorie wie sexuelle Orientierung. Das wirkt eher wie politisches Kalkül des NDR.

Angesichts dessen, dass bei einer noch stets chauvinistischen Ausrichtung gut ausgebildete Frauen keinen leichten Stand haben, wäre der Song "Fight against myself" für den ESC als repräsentativer gewesen.

"I fight against it all, ’cause I know who I am. I try to win the war, winning nothing in the end. Yeah I fight against myself becoming who I am. Getting closer to the end."

http://www.youtube.com/watch?v=b420HoVH7_o

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