Georgien gewinnt den Eurovision Song Contest 2013

Letztes Jahr habe ich den Sieg Schwedens richtig vorhergesehen, dieses Jahr tippe ich auf Georgien. Wieso Georgien?

1. Der diesjährige Eurovisionsbeitrag aus Georgien hat mit Georgien nichts zu tun. Diese Logik folgt gängigen Eurovisionsstrategien und dürfte beim Voting entsprechend honoriert werden, wie 2011 bei Aserbaidschan.

Genau wie das aserbaidschanische Siegerlied aus 2011 ist auch das Lied für Georgien aus Schweden, und zwar von Erik Bernholm und Thomas G:son (Thomas Gustafsson). G:son wiederum ist der Komponist des Siegerliedes aus dem Vorjahr (Euphoria). G:son kann man als eine verschärfte Mischung von Ralph Siegel und Stefan Raab betrachten. Er tritt seine Titelverteidigung raffiniert unter georgischer Flagge an.

2. G:son komponiert nach den Prinzipien eines Lottospielers. Er hat bereits 64 mal mit ähnlich klingenden Songs versucht, am ESC teilzunehmen, und zwar für Schweden, Spanien, Norwegen, Finnland, Dänemark, Polen, Rumänien, Belgien und Malta. Aus diesen Versuchen hat er 8 mal die Vorentscheidung und 1 mal den ESC gewonnen. Da sind rein zahlenmäßig noch mehr Gewinne möglich.

Dieses Jahr hat G:son 8 Versuche gestartet, und zwar 5 für Schweden, 1 für Dänemark, 1 für Malta und 1 für Georgien. Durchsetzen konnte er sich nur in Georgien, weil konkurrenzlos wegen Nominierung. Bedauerlicherweise ist nicht bekannt, wie viele Lieder er wiederum den Georgiern wirklich vorgelegt hat, es ist nämlich schön, wenn man die Wahl hat (Anke Engelke). Unter G.sons Produkten haben wir die Wahl dieses Jahr nicht mehr, denn G:son ist dieses Jahr tatsächlich mit nur einem einzigen Beitrag beim ESC vertreten. Spannend?

3. Dass er auf schwedische Backgroundsänger zurückgreift, ist aus schwedischer Sicht für eine schwedische Show verständlich. Um überhaupt noch einen Bezug zur Eurovision und zu Georgien aufrecht zu erhalten, hat man ihm als Alibi zwei Georgier als ein Traumduo zugeführt: Nodi Tatishvili und Sophie Gelovani.

4. Genauso wenig muss verwundern, dass Georgiens Lied "Waterfall" dem russischen Lied "What If" sehr ähnelt, schließlich sind beide Lieder aus schwedischer Produktion. In beiden Fällen handelt es sich um eine eingängige Powerballade mit anrührenden Streichern und verzögerter Rückung für das vorweg einkalkulierte Standing Ovation. Kann man schon mal bei (02:10) einüben. In diesem Zusammenhang dumm, dass man den Fans dieses Jahr die Sitzplätze weggenommen hat.

5. G:son's schwedische Kollegen haben auch noch mal an den Abstimmungsmodalitäten herumgedoktert, so dass die Publikumslieblinge (meist die weniger affirmativen Songs) noch weniger Chancen bekommen. Ohne Transparenz und Kontrollen ist es allerdings müßig, sich darüber Gedanken zu machen. Die Abstimmungsmodalitäten dienen nur zur späteren Rechtfertigung bei Auswertung der Ergebnisse.

6. Schweden gegen Schweden in Schweden... mit den immer gleichen Liedern. Das soll dem europäischen Publikum einen Wettbewerb mit viel Abwechslung und Dramatik garantieren. Um diese Dramatik noch zu steigern, hat Showproduzent Christer Björkmann die Auslosung der Startreihenfolge abgeschafft, um sie nach schwedischem Gutdünken zu gestalten. Nun folgen G:sons stärkste Konkurrenzballaden aus Mazedonien, San Marino, Aserbaidschan, den Niederlanden, der Ukraine und Russland ziemlich zu Anfang der Shows und geballt nacheinander. Folge ist, dass der TV-Zuschauer sie wahrscheinlich verwechseln und leicht wieder vergessen wird. Von der ermüdenden Wirkung der Balladenfluten auf die stehenden Fans in der Halle ganz zu schweigen... Nur G:sons Georgien-Ballade hat eine sehr vorteilhafte Stellung im Starterfeld bekommen: Im 2. Semifinale Startnummer 15, vor ihr albanische Rockmusik und nach ihr die Schweizer Heilsarmee.

Nicht-Eurovisionsfans dürften sich fragen, wieso die eingefleischten ESC-Fans eigentlich nicht gegen so eine offensichtliche Demontage des Eurovision Song Contest protestieren.

1. G:son ist kein Einzelfall. Vor allem schwedische Komponisten, Autoren und Produzenten haben sich voll und ganz auf den ESC spezialisiert. Wie es scheint, NUR auf den ESC.

2. Indem die Schweden mit Vorentscheidungsmarathone und „Melodifestivalen“ auch national das ganze Jahr über „Melodi Grand Prix“ feiern, binden sie eine homogene, international straff organisierte Fangemeinde an sich. Die Gruppen haben mittlerweile mit der ursprünglichen Fankultur „von unten“ nicht mehr viel zu tun. Sie funktionieren eher wie gelenkte Konsumentenvereine (siehe auch Video zum russischen Beitrag), und sind als solche auch bei Sponsoren und der übrigen Werbewirtschaft umworben.

3. Fazit: Der vorbildliche Hardcore-Fan ist Schweden-Fan, der nicht auf Musikvielfalt, sondern auf Länderwettstreit indoktriniert ist.

Der NDR hat „seinen Fans“ schon im kumpelhaften Dienstleistungsjargon anvertraut, dass das schwedische Konzept auch in Deutschland eingeführt wird. Unschwer zu erraten, wer dann in Deutschland den G:son und Björkmann in Personalunion machen wird.

Georgien:
Über georgische Musik erfährt man bedauerlicherweise natürlich genauso wenig wie zuvor über aserbaidschanische Musik. Auch Georgien wird für uns zu einem musik- und soziokulturellen Entwicklungsland, zu einem weißen Fleck auf der Landkarte. Dass dies nicht ganz richtig ist, beweist mir schon ein Konzertbesuch von The Shins.

http://www.youtube.com/watch?v=Ml-1evO-EP0

Was für eine Diskrepanz zum ESC-Beitrag! Nur ein Bruchteil dieser georgischen Musik beim ESC, und ich wäre glücklich. Aber immerhin kann ich mich schon mal auf das nächste Jahr freuen, denn dann geht es wieder in den Kaukasus, weil nämlich G:orgien gewinnt.

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Kommentare (2)

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Ich war mal so frei, die Beleidigung zu löschen.

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