Grüße vom Eurovision Song Contest aus Baku

Kurzentschlossen bin ich nach Baku gereist, um mal wieder einen Song Contest live vor Ort zu erleben. Es ist einfach gigantisch, was die Aserbaidschaner aufbieten, um uns Fans den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Das dürfte wohl für lange Zeit nicht mehr zu toppen sein.

Die Bilder von der neuen Halle und von Baku werden ja regelmäßig eingeblendet, das gibt schon eine gute Vorstellung. Ansonsten ist es hier wie ein einem Kurort: Sauber, sicher, alten-, kinder- und familienfreundlich, leckeres Essen zu moderaten Preisen, eher etwas spießig, aber völlig ok. Fehlt nur noch der Strand und ein paar Animationsprogramme. Liter Benzin kostet übrigens läppische 60 Cent. Ob das aber für Deutsche ein Grund ist, in Baku Urlaub zu machen, sei dahin gestellt. Denn mag Aserbaidschan eine Diktatur sein (merke ich nichts von), ist die Straßenverkehrsordnung davon nicht betroffen, hier herrscht Anarchie. So etwas habe ich nicht für möglich gehalten. Heute abend will man davon allerdings eine Ausnahme machen.

Momentan ist in Baku alles auf Eurovision ausgerichtet. Leuchtreklame, Monitore, Riesenleinwände, Logos, TV-Programme... Schon fast ein Overkill. Obwohl hier die Shows erst um 00:00 Uhr beginnen (Zeitverschiebung), fängt die Party schon um 20:00 Uhr an. Dann nämlich geht der Run auf die Halle los. Hunderte von ESC-Taxis im London-Style rasen dann mit Fähnchen hupend durch die Stadt Richtung Halle, hinzu kommen zahlreiche Shuttle-Busse, die eine Ladung feiernder Zuschauer nach der anderen zur Halle fahren.

Man steigt am National Flag Square – dort steht unübersehbar der zweitgrößte Flaggenmast der Welt - aus und muss dann durch ein paar Kontrollen hindurch einen langen Marsch zur Baku Crystal Hall machen, die auf einer Halbinsel steht. Man läuft sozusagen an der Promenade entlang und genießt rechts das Panorama von Boomtown Baku und links die rundum und bis in den Himmel strahlende Halle, die wie ein Planetarium wirkt. Das hat schon was Erhebendes und versetzt in gute Stimmung.

Gestern fand die Generalprobe bzw. das Jury-Finale statt, und man kann mit Fug und Recht sagen, dass wir 2012 einen ausgesprochen guten und abwechslungsreichen ESC-Jahrgang geboten bekommen. Tanzende Omas aus Russland neben quirligen Mädchen aus Griechenland und Zypern und einem blendend aussehenden, tanzenden Norweger, quirlige Beach-Music aus Rumänien, solide Rocknummern aus Ungarn und Deutschland, Gänsehaut-Balladen aus Estland und Bosnien, exclusive Stimmperformance aus Albanien und Aserbaidschan, Akrobatik aus Litauen, mystischer Pop aus Schweden, der New-Age-Istanbul-Sound aus der Türkei, Singer-Songwriter aus UK und Dänemark, Balkanswing aus Moldawien, ESC-Pop aus Malta, Ethno-Balladen aus Serbien und Island sowie eine musikalische Einladung zur EM aus der Ukraine. Wobei wir beim nächsten Thema wären:

Einige europäische Länder machen diesen ESC zu einem Politikum, dieses allerdings in einer sehr schwer nachvollziehbaren Weise. Wen erreicht man diesem dauernden Schüren von Missstimmung, Vorurteilen und mit einem Freund-Feind-Schema? Zumal sich den Fans vor Ort ein ganz anderes Bild bietet. Menschen kommen auf uns zu, wollen sich mit uns fotografieren lassen, fragen uns stolz, wie uns Baku gefällt, sind hilfsbereit, gesprächig, witzig, kritisch und selbstkritisch. Gerade Deutschland scheint hier bei allen hoch im Kurs zu stehen, insbesondere deutscher Fußball, Rammstein, Kool Savas und Mercedes :-)

Nach meiner einwöchigen Erfahrung kann Aserbaidschan mit seiner musikalisch anspruchsvollen Jazz-Ballade, deren Titel wie eine Warnung wirkt, gerne noch einmal gewinnen. Hier die Ehtnoversion von "When The Music Dies".

Sabina Babayeva - Eurovision 2012, Azerbaijan - When the Music Dies - Ethnic Version

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Kommentare (2)

So ein totalitärer Staat ist schon klasse. Die kriegen wenigstens noch was gerissen. Keine ewigen Dauerdebatten in Parlamenten, ein Ansprechpartner, und wenn der was sagt kann man sich drauf verlassen, dass das auch gemacht wird. Supiedupie.

(Dieser Beitrag kann Spuren von Sarkasmus enthalten))

Naja, bei einem kurzen Besuch in einem fremden Land bekommt man von der Politik kaum etwas mit. Und Edda steht der täglichen Berichterstattung über das Land sehr kritisch gegenüber. Dubai ist auch ein anderes sehr schönes Beispiel für einen alles andere als demokratischen Staat, in dem es der Bevölkerung (also der einheimischen) durchaus sehr gut geht. Blöd ist halt nur, wenn man zu der Minderheit gehört, die ausgepeitscht oder gesteinigt wird. Solche Szenen werden aber vor Besuchern sehr gründlich ferngehalten.

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