Mittelmäßige Musik und mordsmäßige Texte - Deutschland, Russland und Norwegen beim ESC 2015

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„When there's nothing left to talk about, 'cause you know the flame is running out, two hearts are left to burn, do you know, we're only left with smoke.“ Deutschlands Lied „Black Smoke“ drückt Resignation aus, hervorgerufen durch eine vergiftete Beziehung. Es gönnt dem Hörer keine Wende zum Positiven, keine Silbe der Hoffnung. Makaber ist der Titel „Black Smoke“, denn er erinnert an den Roman von H. G. Wells „Krieg der Welten“. In dem Roman bezeichnet Black Smoke ein Vernichtungsgas.

Kapitulation, zerstörte Beziehungen und Vernichtungsgas sollten beim ESC nicht besungen werden
... und von Deutschen schon gar nicht. Die Ahnungslosigkeit bezüglich dieser unangemessenen Repräsentation wird von ESC-Experten wie Jens Maier noch unterstrichen, wenn er die Aufmerksamkeit im „Stern“ ausschließlich auf den russischen Beitrag lenkt. Wegen deren „Friedensbotschaft“ gerät er aus der Fassung und wirft jeden journalistischen Standard über Bord. Sein Text Russland als Weltverbesserer. Zum Kotzen ist kein Unfall, der deutsche Titel kein Zufall!

Politisch polarisierende Eurovisionstexte sog. ESC-Experten sind mir seit 2008 hinlänglich vertraut. Sie sind meist darauf ausgerichtet, regelkonformes Verhalten anderer Länder als Regelbruch umzudeuten, um die Leser gegen andere Länder aufzubringen. Maier darf sogar in Texte zur politischen Bildung diese Perspektive als repräsentativ verbreiten.

Bislang schmetterten meine Warnungen vor versteckter Kriegspropaganda mit dem Killerargument der Verschwörungstheorie an der Trivialität der Eurovisions-Veranstaltung ab, dieses Jahr gibt es zum ersten Mal Unterstützung:

Einfach zum Kotzen – wie der Stern den Eurovision Song Contest zur Russlandhetze instrumentalisiert

Ich weiss wo Putin war

Stern hetzt gegen ESC-Teilnehmerin Polina Gagarina

Russland und „A Million Voices“
Der russische Sender Channel One hat - wie schon 2013 - ein internationales Team aus Russland, Schweden und Deutschland mit der Anfertigung ihres Beitrags beauftragt und sich genau an die Vorgaben gehalten. Dabei herausgekommen ist ein eher banales Friede-Freude-Eierkuchen-Lied, gesungen von Polina Gagarina.

Die Vorgabe für die ESC-Songs wurde beim letzten europäischen Delegationstreffen befestigt: „It was noted at the meeting that the Eurovision Song Contest rejects all political motives and instead enhances the idea of peace, love and unity....“

Aufgrund dieser Vorgabe musste übrigens der Titel des armenischen „Gedenkliedes“ (s. Meine Kritik in Armenien liefert Gedenksong) nach einer Beschwerde aus Aserbaidschan geändert werden. Auch hier ist es kein Zufall, dass NDR und schwule ESC-Experten diese regelwidrige Aggression schleimig lobten.

Ich möchte ein weiteres Mal auf den heiklen Punkt der internationalen Telefonabstimmung und den zweifelhaften Rankings hinweisen:
Die gesamten europäischen Daten werden einem deutschen Unternehmen (Digame) anvertraut, gleichzeitig bricht Deutschland mit ständigem Shitstorm gegen andere Länder die Regeln. Die politische Stimmungsmache wird als populärer Mainstream dargestellt, dadurch wird aus einer vordergründig harmlosen Geschmacksabfrage eine versteckt politische Verhaltensmessung. Schließlich will man wissen, ob der Polit-Shit gefressen wird. Es gibt keine Kontrolle darüber, was mit den Daten und ihrer Auswertung geschieht.

Kaltblütige Monster aus Norwegen
Auch im norwegischen Beitrag geht es um Ratlosigkeit und zerstörte Beziehungen, aber im Gegensatz zum deutschen Beitrag wird das Stück nicht hirnlos performt, sondern die Darbietung ist gut durchdacht.

Als ich die Sieger der norwegischen Vorentscheidung Morland and Debrah Scarlett zum ersten Mal sah, konnte ich die Begeisterung nicht teilen. Der Sänger wirkte verstört, die Sängerin aufgedonnert und hexenhaft, das Lied langweilig. Vorteilhaft fand ich nur den Einsatz des Orchesters.

Wenn man aber den Text von „A Monster Like Me“ hinzunimmt, kommt der Musik eine andere Bedeutung zu und die Performance wird stimmig. „I did something terrible in my early youth.“ Statt Liebesgeständnis lauschen wir einem Mordgeständnis. Das hat man in diesem Musikgenre nicht oft.

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