Russland parodiert den Eurovision Song Contest

Die Russen haben dieses Jahr ein Musikvideo produziert, in dem sie ihren eigenen Eurovisionsbeitrag parodieren. Mit einem amüsant gecasteten Publikum nehmen sie im Clip ihren Eurovisonserfolg vorweg, nur dieser hat einen hohen Preis: Was man zum Schluss sieht, ist Spaß-Faschismus.
Dina Garipova - What If (Russia) 2013 Eurovision Song Contest Official Video
Eigentlich klingt das Lied ja viel zu nett, um einen kritischen Text daraus abzuleiten, aber ist so viel Appell an die Mitmenschlichkeit nicht schon fast zu viel? Und wäre es nicht schade, wenn man die Diskrepanz zwischen Ton- und Bildsprache einfach übersähe? Also lege ich mal los:

Genauso unscheinbar wie seinerzeit Nicole träumt also auch die junge Sängerin Dina Garipova von der schönen heilen Welt; diesem Wunsch verleiht sie mit starker Stimme und eingängiger Powerballade Nachdruck. Man wird allerdings ausschließlich mit viel Konjunktiv und rhetorischen Fragen überhäuft, die die Zustimmungsbereitschaft schon voraussetzen.

Im Video wird diese Zustimmung auf die Spitze getrieben. Aber im Gegensatz zu Dinas weit geöffnetem Herzen wirkt das Film-Setting beengend wie ein hermetisch abgeschirmter Raum. Die altmodische Guckkastenbühne sorgt für eine klare Rollenverteilung zwischen Sender und Empfänger, wodurch die ständige Wiederholung von Wörtern wie „together“ und „we“ widersprüchlich wird. Mit der Verszeile „What if we came together as one“ wird schließlich auf den diesjährigen Eurovisions-Slogan der Schweden angespielt:

„We Are One“
Und damit verlassen wir den Musikwettbewerb und wären bei der nicht zu verhandelnden Organisation. Es ist ein normierender, repressiver Slogan, der Harmonie nur vortäuscht, aber unterschiedliche Meinungen und Kritik negiert und Toleranz ausschließt. Eine Parole also, die zu einem Kirchen- oder Parteitag gepasst hätte, aber nicht zu einem Popmusikwettbewerb mit 39 Ländern.

Und so beobachtet man im Video ein emotionalisiertes Publikum, das die kritische Distanz zum Geschehen verloren hat. Es zeigt sich berührt, betroffen, begeistert, verblendet und verblödet. Ist das nun Spaßverderberei? Ein wenig schon, aber das ist gut so. Denn für mich ist die Bestimmung eines solchen Slogans genauso wenig Zufall oder Unwissenheit, wie z. B. die Nominierung einer rechten Band für den Echo. Die Wahl dieses Slogans bekommt vor allem noch durch die zum ersten Mal in der Geschichte des ESC geplanten politischen Veranstaltungen einen perfiden Beigeschmack, da hier wahrscheinlich auch wieder die mögliche Ausgrenzung einiger Länder thematisiert werden soll: "[...] it is also relevant to ask about the significance of the places at which the ESC is performed."

Das Lied „What If“ stammt mit Gabriel Alares und Joakim Björnberg zu 2/3 aus schwedischer Produktion in Kooperation mit dem russischen Musiker Leonid Gutkin. Aus Schweden, von Schweden, für Schweden, mit Schweden, in Schweden. Muss noch erwähnt werden, dass Dina Garipova bei Universal Music unter Vertrag ist? Damit ist der russische Beitrag wohl keine Alternative zu den vereinfachten Erfolgsstrategien beim ESC, aber ihr Video gibt zumindest einen Anstoß, mal über die Rahmenbedingungen des Erfolges nachzudenken.

Dina Garipova, eine gebürtige Tartarin, gewann am 29.12.2013 das Voice of Russia, wo sie u. a. mit einer Coverversion von Edith Piafs „Je ne regrette rien“ beeindruckte. Daraufhin wurde sie als ESC-Vertreterin nominiert. Am 14.05.2013 wird sie im 1. Semifinale mit der Startnummer 6 auftreten.

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