Schlechte Zeiten für Eurovisions-Stars und Homosexuelle in der Ukraine – und der Westen guckt weg

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Kaum ein Land kann eine solche Erfolgsbilanz beim ESC vorweisen wie die Ukraine. Sie nimmt erst seit 2003 am ESC teil und hat bereits 2004 gewonnen, danach 2 mal Platz 2 und einmal Platz 3. Der Sieg ist einigen westeuropäischen Ländern nicht mal nach 60 Jahren gelungen.

Im Jahr der Ausrichtung 2004, als der Focus der internationalen Boulevardpresse durch die ESC-Austragung auf Kiew gerichtet war, brach auch die Orangene Revolution aus. Der damalige Präsident saß während des Finales im Publikum, der ukrainische Beitrag für 2004 war maßgeschneidert auf „Revolution“ konzipiert. Spätestens seit diesem Beitrag sind mir designte bunte Revolutionen suspekt.

Eurovisions-Siegerin Ruslana feuerte auch 2013 wieder zum Umsturz an, diesmal vor dem Hintergrund des Junior Eurovision Song Contest. Für ihr singendes Engagement überreichte ihr M. Obama nach dem Umsturz sogar einen Preis. Die Teilnehmerin aus 2013, Zlata Ognevich, die sich vom größten Amerikaner auf die Bühne tragen ließ, verdingt sich nach dem Umsturz als Aushängeschild der Radikalen Partei Oleh Ljaschkos.

Andere ESC-Musiker, die der pro-westlichen Politik nicht offen dienen bzw. noch nicht begriffen haben, woher der neue Wind weht, bekommen Probleme. Das Konzert von Ani Lorak(ESC 2008 Platz 2) wurde von mit Knüppeln bewaffneten Faschisten des Rechten Sektors und der Swoboda-Partei gestürmt. Auch bei einem Konzert in Kiew kam es zu Ausschreitungen. Grund war, dass Lorak noch stets in Russland auftritt, auf dem einzigen Markt also, wo die ukrainischen Musiker überhaupt Geld verdienen können.

In Kiew lebe ich wie in einem Gefängnis
Bestürzend ist auch die Mitteilung zum Transvestiten Verka Serduchka alias Andrej Danilko, der 2007 (Platz 2) für die Ukraine antrat. „Nationalisten in Kiew lehnen Danilkos Travestie und Trash-Kunst als «unukrainisch» ab“ heisst es auf einem Medienportal, dem Verka auch gestand: «In Kiew lebe ich wie in einem Gefängnis».

Es ist nicht nur das Schicksal bestürzend, sondern vor allem die Tatsache, wie im Westen diese Musiker-Schicksale unter den Teppich gekehrt werden. Warum? Verka Serduchka präsentierte mit unvergesslichem Outfit und Performance den Song „Dancing Lasha tumbai“. Schwule ESC-Fans wollten daraus die Worte „Dancing Russia Goodbye“ heraus hören, was sie über alle Maßen erfreute und bestätigte. Am Schicksal Verkas ist nun klar, dass diese Freude weniger den Interessen der Homosexuellen in der Ukraine, sondern mehr den Interessen der Militärstrategen bedient haben dürfte: Russia Goodbye eben.

In der Ukraine ist Schluss mit lustig
Nach rund 1 Jahrzehnt erfolgreicher Teilnahme am ESC ist die Ukraine 2015 nicht mehr dabei. Haben in der Ukraine der ESC und die Schwulen ihre Schuldigkeit getan?

Verka Serduchka muss wegen der neuen Situation in der Ukraine nach Berlin fliehen. Es sieht wohl so aus, dass die pro-westliche Regierung nicht für die Sicherheit garantieren kann oder will. Aber: Wo bleiben die Betroffenheits- und Solidaritätsbekundungen der EU, der EBU, des NDR, der schwulen Eurovisionsfans, der Grünen? Wo bleibt die Forderung nach Toleranz von Conchita Wurst? Eine solche offensichtliche Rückwärtsentwicklung in Sachen Menschenrechte darf nicht einfach ignoriert werden.

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