Donor Projects

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Eine theoretische Betrachtung einer neuen Variante eines alten Vermarktungsmodells

Wozu braucht man das Urheberrecht? Oder anders gefragt, was bewirkt das Urheberrecht eigentlich? Es soll einen Ausweg aus dem Grunddilemma des Schaffenden sein. Menschen die Kultur und Wissen schaffen, haben das Problem, dass sie mit knappen Produktionsfaktoren (hauptsächlich ihrer Arbeit) ein "Produkt" erzeugen, das aus Informationen besteht. Informationen sind aber im heutigen Zeitalter keine knappen Güter mehr, da sie beliebig kopierbar und problemlos zu verbreiten sind. Folglich, so sagt die Marktwirtschaft, haben diese Werke einen Preis von Null und lassen sich nicht verkaufen. Hier kommt das Urheberrecht oder genauer gesagt das "Copyright", also das Vervielfältigungsrecht, ins Spiel. Es gibt dem Schaffenden ein künstliches Monopol auf sein Werk und verknappt dieses damit künstlich, damit man es am Markt einen Preis erzielen kann. Aus reinem Eigennutz der Gesellschaft, man will schließlich auch weiterhin neue Werke sehen und hören und nicht alle Kulturschaffenden gehen ihrer Arbeit ohne wirtschaftliche Interessen nach.

Was man am Urheberrecht kritisieren kann ist hinreichend bekannt und soll an dieser Stelle nicht vertieft werden, nur soviel: Es gibt einen Grund sich die Frage nach einer Alternative zu stellen. Und es gibt eine große Gruppe von Leuten, welche diese aufzeigen: Dienstleister. Sie stehen vor dem selben Problem wie die Kulturschaffenden, aber kein Friseur schneidet einem die Haare, nur um danach vom Kunden zu fordern, doch bitte die eigene Frisur zu kaufen. Auch die Schaffenden (nehmen wir als Beispiel einfach Musiker) müssen also weg von der Idee, sich in einer Industrie zu organisieren, die einst nur aus dem Bedarf entstand die Musik (in Form eines Tonträgers) von A nach B zu bringen. Sie müssen wieder dahin sich selbst als Dienstleister zu verstehen.

Konzerte statt Konserve

Westbam auf der Mayday 2006
Konzerte im Aufwind: DJ Westbam - statt mit Platten mit Liveband auf der Mayday 2006.

Es gibt viele die diesen Schritt schon gemacht haben. Musiker verdienen gutes Geld durch Konzerte, selbst Madonna hat ihr Plattenlabel zu Gunsten eines Konzertveranstalters verlassen (Spiegel.de). Die Vermarktung der Musik selbst in Form von realen oder virtuellen Tonträgern wirft, gerade für unbekannte Künstler, nicht immer viel Einkommen ab. Meist ist man an den Spendenwillen der Konsumenten gebunden. Ist es heute also unmöglich Musik noch zu "verkaufen"? Nein, denn man kann das Prinzip des Dienstleisters noch auf die Spitze treiben. Das Zauberwort heißt "Donor Projects" (Spendenbasierte Projekte), entgegen der Bezeichnung sind diese aber nicht vom reinen Spendenwillen der Konsumenten abhängig.

Die Idee ist nicht neu, ganz im Gegenteil sie ist einige hundert Jahre alt. Zur Zeit der großen, klassischen Komponisten gab es noch kein Urheberrecht. Der Bedarf war nicht wirklich da, es gab ja keine nennenswerte Möglichkeit die Musik zu kopieren, aber dafür gab es auch keinen Markt für Musik. Wie kamen also die Schaffenden damals an ihr Geld? Die Werke dieser Künstler entstanden nicht mit dem Ziel sie zu verkaufen, sondern als Auftragsarbeiten für Fürsten, Kirchen, sowie reiche Bürger und Gemeinden. Auch hier trat der Schaffende also als Dienstleister auf. Natürlich ist dies nicht mehr eins zu eins auf unsere heutige Zeit übertragbar. Reiche Fürsten sind schon längst den Konzernen gewichen, deren Ausgaben für Auftragskompositionen vielleicht als Zeile im Werbeetat auftauchen und Musik ist schon längst ein Produkt für die Masse geworden. Der Verkauf von Tonträgern hatte den Vorteil, dass man keinen geldigen Auftraggeber mehr brauchte. Die Kosten wurden sozialisiert und jeder zahlte mit dem Kauf seines Exemplars ein bisschen was von den Kosten (und dem Gewinn) ab.

Kunst als Dienstleistung

Beethoven
Ludwig van Beethoven (1770-1827) auf einem Gemälde von Joseph Karl Stieler von 1820 - erfolgreich ohne Urheberrecht.

Der einleuchtende Schritt ist nun beide Konzepte zusammen zu führen. Der Schaffende ist Dienstleister, der Auftragswerke schafft, aber nicht für einen einzelnen Auftraggeber, sondern viele. Wie es geht hat der berühmte Roman-Autor Stephen King gezeigt und es wurde schon von viele kleineren Internet-Projekten übernommen: Man nutzt das Web. Ein Künstler der seine eigenen Musikstücke produziert würde zum Beispiel einfach ein paar davon produzieren und auf seine Webseite stellen. Und schließlich würde er die Konsumenten auffordern in einen Topf einzuzahlen und wenn ein gewisser Betrag zusammen ist produziert er das nächste. Den Rest übernimmt das Netz von selbst, mit Tauschbörsen, Fanseiten und Webradios.

Diese Form der Vermarktung der Leistung (und nicht des Werkes) des Künstlers hat weder die Nachteile der Kriminalisierung von Kunden durch das Urheberrecht, noch die der Verteilungsfrage und des Zwangscharakters bei Pauschalabgaben wie Leermedienaufschlägen und Kulturflatrate. Der Schaffende spart sich die Organisation des Vertriebs und bekommt durch frei durch das Netz schwirrende Lieder auch noch Aufmerksamkeit und gewinnt neue Fans. Die Konsumenten profitieren von Musik, die sie ohne Einschränkung nutzen und weitergeben können und haben die Möglichkeit, durch das Spendenaufkommen für das nächste Werk dem Künstler ein direktes Feedback für das letzte zu geben, was den Künstler wiederum motiviert bei jedem Werk alles zu geben. Filler die nur produziert werden um möglichst viele Tracks auf eine CD zu bekommen gehören der Vergangenheit an.

Die Idee mag nicht neu sein und auch nur eine von vielen, vielleicht ist sie auch noch nicht ganz ausgereift, aber sie bietet Potential zur Weiterentwicklung. Sie zeigt, dass das Informationszeitalter durch etwas Kreativität auch für die Kulturschaffenden Chancen statt Risiken birgt. Und so möchte ich abschließend nach guter Piratenart Rick Falkvinge zitieren, der wiederum ein chinesisches Sprichwort zitiert:

When the winds of change are blowing, some people are building shelters, but some are building wind mills.

Autor: Andreas Popp

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