Interview mit Kai Richter im Lifestyle-Magazin "blond"

Abgelegt unter:
Kurz-URL: http://mkzä.de/27

Rebellion heute


Das folgende Interview mit Kai Richter, Pirat und Frontman der Band pornophonique, wurde am 5.2.08 vom Lifestyle-Magazin "blond" in einer verkürzten Version veröffentlicht.
pornophoniques Album "8-bit lagerfeuer" wurde unter einer Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht und steht dadurch kostenlos und legal im Internet zum Download bereit. Drei Fragen und Antworten zu einem alternativen Geschäftsmodell für junge Musiker, die jenseits der etablierten Mainstream-Musikindustrie ihr Glück versuchen wollen .

blond: Was ist so schlimm an Strafen für Filesharer und Raubkopierer?
Kai: Zunächst muss man unterscheiden: Zum einen gibt es kommerzielle Raubkopierer. Diese duplizieren und vertreiben urheberrechtlich geschütztes Material, bereichern sich also auf Kosten der Arbeit von anderen. That's evil! Finden wir auch nicht gut!
Dann gibt es Leute, die im privaten Rahmen Dateien kopieren und austauschen. Dafür zahlt man bisher sowieso beim Kauf von Rohlingen oder Computern eine Urheberrechtsabgabe. Dieses Recht auf die Privatkopie muss erhalten bleiben und es muss auch wieder möglich sein, dieses Recht gegen Kopierschutzmaßnahmen durchzusetzen.

blond: Wenn den Musikkonzernen da Millionen entgehen, müssen sie die CD-Preise erhöhen.
Sollten Musikkonzerne die Preise erhöhen, werden sich noch weniger Leute den Kauf einer CD leisten können. Diese Preise sind außerdem unserer Ansicht nach schon jetzt zu hoch. Ein Kartellverfahren der EU-Kommission wegen illegaler Preisabsprachen wurde 2001 erst eingestellt, nachdem die Konzerne ihre Praxis änderten. Seither sind die Preise für CDs jedoch weiter massiv gestiegen.
Sehen wir uns doch mal die gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland an: Immer mehr Leute haben trotz Arbeit ein kümmerliches Gehalt und werden somit von der wirtschaftlichen Entwicklung abgehängt. Wer aber kaum Geld für Miete und Nahrungsmittel aufbringen kann, der wird wohl kaum was für Bücher, CDs, Kinobesuche oder ähnliche Kulturgüter aufbringen können. Das hat zur Folge, dass auch ein Ausschluss vom kulturellen Leben stattfindet. So bastelt man sich soziale Brennpunkte.
Natürlich kann man die Musikindustrie nicht für die problematische Sozialstruktur Deutschlands verantwortlich machen. Das zeigt aber, dass ein Umdenken in vielerlei Hinsicht notwendig ist, um den Bedürfnissen eines friedlichen Zusammenlebens gerecht zu werden. Und ein Umdenken bezüglich des Urheberrechts, das zur Zeit hauptsächlich großen Konzernen zu Gute kommt, gehört da eben auch dazu.
Es geht den Piraten ja nicht nur um Musik, sondern auch um Softwarepatente. Oder um Patente auf Gene. Kultur und Wissenschaft sind freie Güter, die aus der Gesellschaft heraus entstehen und dieser auch wieder zu Gute kommen sollen. Das soll nicht heißen, dass diese Güter keinen Wert haben und die Künstler nicht angemessen entlohnt werden müssen. Aber es sollten sich auch nicht einige wenige große Konzerne daran bereichern.

blond: Und junge Bands können ohne Geld gar nicht erst anfangen. Oder?
Kai: Jungen Bands - ich spreche hier aus eigener Erfahrung - stehen die klassischen restriktiven Lizenzen meiner Auffassung nach eher im Wege: Man braucht zwingend ein Label, das mit den etablierten Radiofirmen zusammenarbeitet und entsprechendes Marketing betreibt. Ansonsten kennt einen kein Mensch. Und niemand kauft gerne die Katze im Sack oder eine völlig unbekannte Band. Musikkonzerne züchten sich ihre Bands aber lieber selbst heran und richten sie gleich an potentiellen Zielgruppen und Trends aus.
Meine Band "pornophonique" hat sich für einen anderen Weg entschieden: Alle unsere Songs stehen unter der Creative Commons-Lizenz. Das bedeutet in diesem Fall, dass man sie kostenlos weiterverbreiten darf. Nur kommerzielle Nutzung oder Weiterverarbeitung (Remixe etc.) bedürfen unserer Zustimmung.
Alle Songs gibt es auf unserer Homepage zum kostenlosen Download. Das gewährleistet uns eine schnelle, unkomplizierte und vor allem weite Verbreitung unserer Lieder. Zusätzlich gibt es das Album aber auch als CD in aufwändiger, hübscher Verpackung direkt in unserem Online-Shop zu kaufen. Durch den Direktvertrieb können wir sogar trotz kleiner Auflage einen günstigen Preis für den Verbraucher halten.
Seit September 2007 haben wir das Album draußen und hatten die Produktionskosten bereits nach knapp vier Wochen drin. Natürlich sind die Downloadzahlen viel höher als die CD-Verkäufe. Aber das macht erst mal nichts. Wenn unsere Musik ständig weitergegeben wird und nur jeder zehnte oder zwanzigste ein T-Shirt oder eine CD kauft, dann rechnet sich das früher oder später für uns auch finanziell allemal. Und hauptsächlich wollen wir uns durch Auftritte finanzieren - die sind ja auch zeitaufwändiger und anstrengender als die Albumproduktion.

Das Interview im BLOND Magazin

Deine Bewertung: Keine Durchschnitt: 5 (4 votes)

Ein Kommentar

[...] einem Interview mit Kai Richter, Pirat und Frontman der Band [...]

Artikel

Projekte

Interviews

Informationen