Tax and Law-Talk: Haben wir vielleicht alle schon im Netz geklaut?

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Nachdem ich um 10:51 im Foyer der Frankfurt School of Finance sitzend gegooglet wurde - genau um die Zeit hielt das Google-Street-View-Auto an der Ampel vor dem Gebäude - begann 40 Minuten später die Diskussionsrunde zum Thema "Haben wir vielleicht alle schon im Netz geklaut?" mit einem Hinweis auf die aktuellen Sorgen der Urheber in Bezug auf Google Books. Welche wunderbare Ironie. Herr Professor Schalast nutzte dieses Beispiel um ein grundlegendes Dilemma aufzuzeigen: Universitäten haben einerseits ein Interesse daran, dass das gewonnene Wissen möglichst vielen zugängliche wäre, die Verleger wiederum wollten daraus möglichst viel Profit schlagen. Des weiteren glaubt er, dass ohne wirtschaftliche Verwertbarkeit keinerlei kreatives Schaffen existieren könne. Kreativität würde sich rein aus finanziellem Antrieb ergeben. Wären mehr Künstler anwesend gewesen, wäre dies sicher nicht ohne Widerspruch geblieben. Aber auch die der Diskussionsrunde anwesenden nahmen es relativ gelassen.

Wolf Urban von strategic marketing consultancy aus Hofheim, begrüßte dann als Initiator der Runde die Anwesenden und stellte einen kurzen Abriss über die Entwicklung des Urheberrechts dar. Während bei den Griechen es noch als Ehre angesehen worden sei, wenn andere die eigene Arbeit rezitiert bzw interpretiert hätten, da dies die eigene Bekanntheit steigerte, gab es im alten Rom das erste dokumentierte Aufbegehren gegen dieses Vorgehen. Martialias, Verfasser von Epigrammen, beschwerte sich darüber, dass ein anderer seine Werke nutzte und verglich dies mit Menschenraub. Als bleibendes Zeugnis dieses Zwischenspieles blieb uns bis heute der Begriff des "Plagiats" erhalten.

Während dann folgend die Germanen im Stammesrecht keinerlei Sonderstellung für Urheber gehabt hätten, beschwerte sich dann Luther darüber, dass durch die Erfindung des Buchdrucks ja nun jeder schreiben könne was er wolle, woraufhin dann das Buchdruckrecht erfunden und selektiv vergeben wurde. Es war also in erster Linie ein Mittel, um die Verbreitung von Informationen einzudämmen. Im Zuge der französischen Revolution wurde dann das Urheberrecht als Persönlichkeitsschutzrecht aufgefasst und trat seinen Siegeszug um die Welt an.

Diskussion

Die erste Frage, die den Diskutierenden gestellt wurde war, was denn die größten Sorgen der Urheber und Verwerter seien.
Edgar Berger, CEO von Sony Music Entertainment, erklärte als erstes die aktuelle Situation der Musikindustrie. Zwar habe sich der Umsatz in den letzten Jahren halbiert, wäre nun aber stabil. Die Musikindustrie wäre als erste Branche von der Digitalisierung ihrer Inhalte betroffen gewesen, sei jetzt aber auf dem richtigen Weg. Sie würde jetzt bereits von Vertretern anderer Mediengattungen um Rat gebeten. Erfreulicherweise differenzierte er zwischen Digitalisierung als solcher und dem Internet als Kommunikations- und Datenaustauschmedium. Laut seiner Aussage sei das Internet eine Chance, über die vor allem der direkte Kontakt zwischen einzelnen Künstlern, aber auch zwischen Künstlern und Fans leichter möglich sei.
Das Hauptproblem ist, seiner Meinung nach, dass das Urheberrechtsgesetz nicht im digitalen Zeitalter angekommen sei. Illegale, kostenlose Downloads würden nicht hinreichend verhindert und seien das Hauptproblem. Er äußerte dann auch einige Wünsche an einen 3. Urheberrechtskorb:

  1. Verbot intelligenter Aufnahmesoftware
  2. Three Strikes-Gesetze
  3. Eine Verpflichtung der ISPs zur Zusammenarbeit mit der Musikindustrie
  4. Eine saubere Definition der Privatkopie
  5. Ein eigenes Senderecht für die Musikindustrie

Hier gab es auch bereits die erste Zwischenfrage aus dem Publikum. Da vorher bereits der Begriff des geistigen Eigentums gefallen war, wollte Thorsten Wirth, Mitglied des Bundesvorstands der Piratenpartei, wissen, was genau nun "geistiges Eigentum" sei. Berger bot eine klassische Definition an: Geschaffene Werke mit einer Erfindungshöhe. Michael Herberger, Keyboarder, Musical Director und Produzent der "Söhne Mannheims", versucht es noch etwas allgemeiner: Etwas, das man selber geschaffen habe, z.B. eine Melodie die man am Klavier einspielt. Heftiger Widerspruch von Johannes Kreidler: Gerade das Klavier sei ein ambivalentes Beispiel. Niemand dürfe ein Recht auf einzelne Musikfolgen erwerben, dies sei deshalb absurd, da sich aus der Musiklehre ergebe, dass es nur eine begrenze Zahl möglicher Melodien gebe. Ausserdem würde Kultur immer auf Kopien und bereits vorhandenen Werken aufbauen.

Die nächste Frage aus dem Publikum war, wie weit der Schutz von Melodien gehen solle. Auch hier konnte vom Panel keine klare Definition gegeben werden.

Professor Wandjo, Leiter der Popakademie Baden-Württemberg, eröffnete mit einem Einblick in die Welt seiner Studenten. Diese seien mehrheitlich nach 1983 geboren und digital sozialisiert - mehrheitlich sogar potentielle Wähler der Piratenpartei. Die meisten von ihnen würden akzeptieren, dass über den Verkauf von Kopien kein Geld mehr zu verdienen sei und würden auf Live-Auftritte und Merchandising setzen sowie das Herausbilden einer Marke anstreben. Dies habe aber bisher in keinem Fall funktioniert. Aus seiner Sicht heraus drohe im Bereich der Musik eine Amateurisierung und es wäre höchste Zeit, hier neue Einkommensmodelle zu finden, um dies zu verhindern.

Kreidlers größte Sorge ist, dass bei der Suche nach diesen Modelle eine zunehme Entmündigung der Menschen und eine Beschneidung digitaler Möglichkeiten drohe. Er sieht aus Ausweg aus der potentiellen Bedrohung das Stiftungswesen als Einnahmequelle. Nur so sei es möglich zu "machen, was sinnlos ist" und rein für die Kunst zu leben. Er selber finanziert sich über Stipendien, ein paar Groschen der GEMA sowie Lehrstellen an der Hochschule für Musik und Theater Rostock und am Hochbegabtenzentrum der Musikhochschule Detmold. Hier gab es einige Zwischenrufe. Die Gefahr von "Staatskünstlern" wurde an die Wand gemalt.

Herberger berichtet aus seinen persönlichen Erfahrungen. Während früher bei 1.000-2.000 Konzertbesuchern 450.000 Singles verkauft worden sind, würden die Söhne Mannheims heute vor 15.000-20.000 Menschen spielen - dafür aber nur noch 70.000 Singles plus 100.000 Downloads verkaufen. Auch wenn die Zahl der Konzertbesucher deutlich gestiegen sei, würde dies aber nicht ausreichen, um die Verluste beim Tonträgerverkauf auszugleichen. Er sieht dies als einen Generationenkonflikt an, der technisch und rechtlich nicht mehr aufzuhalten sein. Eine Gewöhnung an andere Vergütungen wäre für die Kreativen nun notwendig.

Sehr gespalten war auch die Akzeptanz von Pauschalabgaben auf Internetzugänge (aka Kulturflatrate). Der Sony-CEO bezeichnete sie als Katastrophe. Mit ihr würde sich eine nicht zu lösende Verteilungsproblematik ergeben. Anderseits gestand er der GEMA aber zu, die bereits eingenommenen Gelder fair zu verteilen. Eine Aussage, der sich Herberger und Kreidler anschlossen. Auf die Möglichkeit von Flatrates angesprochen, sah Berger hier eine mögliche Zukunft, Professor Wandja dagegen gab ihnen im Vergleich zu "umsonst" keine Chance, also müsse die Kulturflatrate her. Im Anschluss folgte eine kurze Diskussion über iTunes, das sich zur Zeit auf dem digitalen Musikmarkt doch sehr stark positioniert hat. Spannend dürfte auch sein, was Sony noch plant. Berger stellte hier innovative Ideen Mehrwerte zu bieten in Aussicht, die noch dieses Jahr auf den Markt kommen würden.

Schutz der Verbraucher

Die nächste Fragerunde von Professor Schalast widmete sich dem Schutz der Verbraucher. Wie könnten diese davor bewahrt werden, sich falsch zu verhalten? Ein Three-Strikes-Modell lehnt er strikt ab, aber das kopieren digitaler Inhalte solle deutlich stärker als Stehlen im Bewusstsein der Menschen verankert werden. Kreidler sah hier vor allem das Problem, dass es für den Konsumenten kaum noch überschaubar sei, was nun wo legal wäre. Professor Wandjo bestätigte eine These, die immer wieder genannt wird: Der Nicht-Kauf von Musik würde vor allem unbekannten Künstler schaden. Für sie würde immer weniger Budget zur Verfügung stehen. Auch die Popakademie sei kein Garant für Erfolg, dies würde den Studenten von Anfang an deutlich kommuniziert werden. Wieder wurde vom Publikum betont, dass es an der Wirtschaft sein, neue Geschäftsmodelle zu finden.

Konsens

Ziel der Diskussion war es, einen gemeinsamen Konsens zu finden. Dieser besteht nun darin, dass Kreative irgendwie entlohnt werden müssen. Ebenso müssen aber die Konsumenten über ihre Rechte und mögliche Gefahren aufgeklärt werden. Wichtig sei es hier auch, die Transparenz des Marktes zu erhöhen und eben den Konsumenten zu erklären wieso es wichtig ist, Musik zu kaufen. Insgesamt müsse die Beziehung Künstler-Verbraucher wieder gestärkt werden.

Wie kann dies nun erreicht werden?

Berger bot hier drei Wege an:

  1. Es müssen interessante, leicht zu bedienende Angebote geschaffen werden,
  2. Der Respekt für Kunst müsse gestärkt werden,
  3. Das Urheberrecht muss an das digitales Zeitalter angepasst werden.

Herberger betonte, dass es umsonst immer geben werde und es müssen neue Einkünftsmöglichkeiten gefunden werden. Einwurf von Wolf Urban: Zensur im Internet könnte mein Ausweg sein. Kreidler schloss sich dem weitgehend an. Er hält die überwachungsfreie Kulturflatrate für einen Ausweg und die Finanzierung von Künstlern über Stipendien.
3. Prozess irreversibel. Glaubt an KF + Stipendien. KF ohne Überwachung. Betont das Kultur in KF. Professor Wandjo betonte, dass der gesellschaftspolitische Diskurs weitergeführt werden muss. Es sei gut, dass dieser auch durch die Wahlerfolge der Piratenpartei zur Zeit an Dynamik gewinne. Auch müssten Künstler ihre Interessen stärker einbringen und einfordern. Wichtig sei es, den Respekt für Kultur wieder zu stärken und neue Modelle zu suchen. Er sah hier die Kulturflatrate als etwas an, über das zu diskutieren sein. Ebenso müsse das Gespräch mit der Lobby der "Kostenloskultur" gesucht werden. Hier sei vor allem die Hardwareindustrie zu nennen, die ein starkes Interesse daran habe, kostenloses Kopieren nicht zu unterbinden. Professor Schalast schloss sich dem weitgehend an. Ihm sei es unbegreiflich, dass für einen iPod gezahlt würde, nicht aber für die Musik, die darauf läuft. Urban wies nochmal auf das BGH-Urteil von 1964 der GEMA gegen Grundig an: Die Einführung von Abgaben auf Hardware.

Zusammenfassung

Die beiden Kreativen Teilnehmer haben akzeptiert, dass Digitalisierung etwas ist, das nicht nehr aufgehalten werden kann. Während Herberger als Vertreter der Pop-Kultur auch weiterhin vom Verkauf seiner Werke leben möchte, wäre für Kreidler eine Finanzierung über Stipendien und Stiftungen durchaus ein Ausweg. Hier zeigt sich auch ganz klar der unterschiedliche künstlerische Anspruch der beiden. Kreidler ist um der Kunst selber willen kreativ, während bei Herberger durchaus die finanzielle Eigenständigkeit eine Rolle spielt. Beide glauben aber daran, dass es einen verträglichen Ausgleich geben kann.

Professor Wandjo könnte eine Kulturflatrate akzeptieren, lehnt aber eine werkgenaue Erfassung ab, diese sei zu leicht umgehen. Die von der GEMA bereits genutzen Zuteilungsmöglichkeiten seien durchaus ausreichend und von der Mehrheit der Kreativen akzeptiert. Lediglich der CEO von Sony Berger brach aus dem pessimistisch entspannten Konsens aus. Gesetzverschärfungen und Verfolgung von illegalen Kopien seien dringend nötig. Nur so könnte man Nicht-Kunden bestrafen und den Kunden ein reichhaltigen Angebot bieten.

Eine Frage wurde aber nicht geklärt: Wieso die School of Finance diese Diskussionsrunde anbot. :)

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Kommentare (6)

[...] stehende. Und Jan ist bisher der einzige, dem das auffällt. 2009-10-26: Urheberrecht Tax and Law-Talk: Haben wir vielleicht alle schon im Netz geklaut? | musik.klarmachen-zum-aendern.de In der Frankfurter School of Finance gab es bereits am 21.10. eine Interessante Diskussion über [...]

[...] http://musik.klarmachen-zum-aendern.de/content/tax_and_law-talk a few seconds ago from mbpidgin [...]

[...] im Netz geklaut? “, Version vom Sa, 2009-100-24 – 14:40, voller Text abrufbar unter musik.klarmachen-zum-aendern.de Autor: Christian Hufgard cc-by [...]

[...] Tax and Law-Talk: Haben wir vielleicht alle schon im Netz geklaut? | musik.klarmachen-zum-aendern.de musik.klarmachen-zum-aendern.de/content/tax_and_law-talk – view page – cached Klarmachen zum Aendern! Das Informationsportal der Musikpiraten. — From the page [...]

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