Was würde Trent Reznor machen, wenn ihn niemand kennen würde?

Kurz-URL: http://mkzä.de/190

NIN LogoAls bekannter Akt hat man es leicht, seine Musik zu verschenken - man verdient ja genug an seinen Fans. So lautet zumindest der Grundtenor im Internet. Auch bei denen, die ihre Werke eher unfreiwillig zum kostenlosen Download "anbieten", wurde bisher selten Armut festgestellt. Madonna, Brittney Spears, Paul McCartney oder Robbie Williams, bei keinem wäre bekannt, dass er am Bettelstab gehen würde, und das obwohl so ziemlich alles was sie produziert haben auch ohne zu zahlen erhältlich ist.

Robbie Williams z.B. forderte seine Fans dann irgendwann sogar direkt auf, sein Album "Escapology" nach über fünf Millionen Verkäufen runterzuladen. (Ob er das immer noch so entspannt sieht ist fraglich, gründete er doch mit einigen anderen Musikern einen Interessenverband um sich mehr Rechte an seinen Werken zu sichern...). Mit in diesem Verband sind auch Radiohead, die 2007 ein Album als Pay as much as you want-Variante veröffentlichten.

Ein weiterer Act, der sich dem Internet-Zeitalter durchaus geschmeidig angepasst hat sind Nine Inch Nails. Letztes Jahr wurden sie gleich für zwei Grammies nominiert. Nachdem Frontman Trenz Reznor per Twitter die Beastie Boys lobte, die zusammen mit TopSpin Media Onlineverkäuft so regeln würden, wie das jetzt im Netz halt sein müsse, hagelte es Kritik von den Fans:

Yeah, wenn du ein bekannter Künstler bist - aber was, wenn du einfach erstmal gehört werden willst?

Wie es der Zufall wollte, hatte er genau diese Frage kurze Zeit vorher auch in einem Interview beantwortet und hat sein Erfolgsrezept im NIN-Forum nochmal kurz neu aufgearbeitet.

Wenn du ein unbekannter/weniger bekannter Künstler bist und bemerkt/etabliert werden möchtest, musst du wie folgt vorgehen:

Ziele feststecken

Steck deine Ziele fest. Was willst du machen bzw erreichen? Willst du ein Mainstream-Superstar wie Lady GaGa, Coldplay, U2 oder Justin Timberlake werden, dann solltest du versuchen, bei einem Major Label unterzukommen und dich darauf vorzubereiten, alles zu teilen. Das Geld, die Kontrolle über deine Kreativität und die Kontrolle über deine Musik. Um im Mainstream erfolgreich zu werden braucht man Old-school-Marketing-Macht, und die haben nur die Major Labels.

Sein "Good Luck" darunter lässt vermuten, dass er diesen Weg nicht für den optimalen hält. Selber ist er ihn auch nicht gegangen sondern hatte von vornherein das Ziel sich selber zu verwirklichen. Wie das geht, erklärt er im folgenden Teil.

Mach dein eigenes Ding

Vergiss den Gedanken daran, mit dem Verkauf von Platten jemals Geld zu verdienen. Nimm deine Platte billig auf - aber großartig und verschenke sie. Als Künstler willst du schlieslich, dass so viele Leute wie möglich deine Werke hören. Mundpropaganda ist das einige Marketing für dich, das zählt.
Um es klarzustellen:
Arbeit mit TopSpin oder ähnlichem zusammen und bau deine eigene Webseite auf, aber was du wirklich machen musst ist, deine Musik als high-quality DRM-freie MP3s veröffentlichen. Sammle im Gegenzug die E-Mail-Adressen von den Downloadern ein und bau dir so eine Datenbank von potentiellen Kunden auf. Dann biete eine Auswahl von Premium-Produkten als Limited Editions an. Preis und Anzahl müssen so sein, dass du denkst du bekommst alles verkauft. Mach die Pakete besonders - mach sie von Hand, signier sie, mach sie einzigartig, mach sie zu etwas, das du als Fan kaufen würdest. Biete Premium-Downloads mit noch höherwertigen Versionen deiner Stücke an (für einen vernünftigen Preis) und pack den Download-Link zu allem dazu, was du an physischer Ware verkaufst. Verkaufe T-Shirts, Buttons, Poster... Was auch immer.

Damit reich zu werden ist sicherlich schwierig, auch davon leben zu können wird eine ganze Weile dauern. Andererseits behält man als Künstler so die volle Kontrolle über seine Kunst und ist nur sicher selber gegenüber Rechenschaft schuldig.

Musik ist frei

Weiter schreibt er:

Hab eine realistische Idee davon, was du so verdienen kannst und budgetiere deine Aufnahmekosten dementsprechend.
Der Punkt ist: Musik ist frei, egal ob du es glaubst oder nicht. Jedes Musikstück dass du dir vorstellen kannst ist kostenlos verfügbar - nur einen Klick entfernt. Dies ist ein Fakt - das stinkt einem als Musiker, ABER SO IST ES (zur Zeit). Also gibt der Öffentlichkeit was sie will - aber von dir statt von einer Torrent-Seite und sammel so guten Willen (und natürlich die E-Mail-Adressen).
[...]
Mit der Datenbank solltest du die Leute darüber informieren was du machst - also wo du auftrittst, wann du auf Tour bist, dass es eine neue Aufnahme gibt, einen Webcast, was auch immer.

Auch eine MySpace-Seite sollte man habe - aber vor allem auch eine Seite ausserhalb. MySpace stirbt seiner Meinung nach aus und wirke billig und generisch. Ebenso sollte man seine Startseite Flash-frei halten und auch keine Intros verwenden. Die Nutzer sollten schnell zu dem kommen, was sie interessiert: Musik, Bilder, Videos und Blogeinträge. Ebenfalls sollte man einen Twitter-Account nutzen und einfach alles, was wenig kostet und viel genutzt wird wie Flickr, YouTube, Vimeo, SoundCloud und so weiter. Aber dabei sollte man nie Trends hinterherjagen.

Das ganze wird aber nur funktionieren, wenn man sich mit neuen Medien auskennt und weiss, wie man zu kommunizieren hat. Wer dies nicht kann, müsse darauf warten, dass die Marketingleute zu ihm kommen.

Das zahl-was-du-willst-Modell

Radiohead dürfen die bekanntesten Künstler sein, die so ihre Musik unters Volk gebracht haben, aber es gibt auch Projekte wie Jamendo, die quasi als Label Musik zu einem frei gewählten Preis anbieten. Trent hasst diese Konzept:

Manche behaupten, Musik kostenlos wegzugeben würde sie entwerten. Dies glaube ich nicht. Leute zu fragen was sie denken dass Musik wert wäre, entwertet sie. Glaubst du nicht? Schreib und nimm etwas auf von dem du denkst, es wäre großartig und veröffentliche es als zahl-was-du-denkst-dass-es-wert-ist und lass uns dann nochmal darüber reden. Les einen Eintrag in deinem Forum, in dem ein "Fan" erklärt, dass dein Album nur 50 Cent wert ist, weil es nur fünf Songs umfasst. Glaub mir, du wirst enttäuscht sein.

Wenn man dagegen seine Musik verschenkt, umgehe man dieses Problem und gibt dem Fan nicht die Macht, einen beleidigend niedrigen Wert anzusetzen.

iTunes und Co.

Wieso sollte jemand Musik bei iTunes kaufen, wenn er sie auf der Webseite des Künstlers umsonst bekommen kann? Auch hier hat Reznor eine Antwort:

Viele Leute kaufen nur bei iTunes ein und beziehen ihre Musik nur von dort. Das sind im allgemeinen nicht die Leute, die verrückt werden nur weil sie herausfinden, dass sie die gleiche Musik irgendwoanders in besser Qualität umsonst bekommen hätten. Wir haben "The Slip" auf nin.com kostenlos angeboten und verkaufen trotzdem eine recht große Anzahl bei iTunes für $9,99. Zumindest als der Preis bei iTunes noch fix war. Ich habe keine Ahnung, wie der Deal jetzt aussieht.

Manager, Booking Agenten, Kleine Labels - all das kann laut Reznor funktionieren - muss aber nicht. Zur Zeit stehe das Musikgeschäft auf dem Kopf und jeder dort müsse seine Position neu definieren. Wenn jemandem ein Geschäft angeboten würde, solle er nach jedem Detail frage. Wer aber jung ist und der Internet kennt, solle sein Glück einfach mal so probieren.
Am wichtigsten aber ist das selbstverständliche: Man müsse an sich glauben, das Beste geben, hart arbeiten, üben, und noch mehr üben, live auftreten, noch mehr üben, an sich selber glauben und sich auf einen sehr langen Weg einstellen.

P.S. Dieser Artikel wurde inspiriert von 11k2's Trent Reznor: Was ich als unbekannter Musiker tun würde.

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Kommentare (6)

Herrlich, das hier zu lesen.
Herr Reznor ist wirklich ein absoluter Vorreiter der leider erst einmal
eine Pause eingelegt hat.

kleine fehlerkorrektur: trent hat all dies nicht in einem interview, sondern dem forum seiner website gesagt/geschrieben, als essay für alle interessierten nachwuchsmusiker dort.
http://forum.nin.com/bb/read.php?30,767183

und jamendo bietet kein "bezahl was du willst" modell an - jamendo hat nur freie, cc-lizensierte musik im angebot. man hat allerdings die möglichkeit, unabhängig vom download den künstlern einen beliebigen betrag als spende zukommen zu lassen. was ausdrücklich beim download NICHT gefordert wird.

ansonsten: schicker artikel!

Danke für die Blumen. :)

Im Forum schreibt Reznor:
| Shortly thereafter, I got some responses from people stating the usual "yeah, if
| you're an established artist - what if you're just trying to get heard?" argument.
| In an interview I did recently this topic came up and I'll reiterate what I said
| here.

Also haben wir beide ein wenig Recht. :)

Jamendo hat schon irgendwie ein "zahl was du willst"-Modell. Standardmässig musst du nichts zahlen, aber du kannst den Künstlern Geld spenden. Klar wird das nicht gefordert, aber es ist möglich. Andere große Anbieter von cc-Musik bieten da entweder nur Downloads an ohne die Möglichkeit, einen frei gewählten Betrag zu zahlen (z.B. ccmixter), rechnen pro Download über Werbung ab (openpot) oder arbeiten rein als Label mit lediglich kostenlosen Preview-Streams (magnatune). Also ich möchte gerne bei der Aussage bleiben. :)

du zitierst in deinem artikel aus einem essay, den reznor in seinem forum gepostet hat, und dieser essay enthält ein vielfaches der information, die er vorab in einem interview gegeben hatte. dort wurde das thema nur gestreift. die quelle der obigen zitate korrekt anzugeben gehört zum guten ton dazu, meinst du nicht? auch, damit interessierte leser von dort ausgehend weiterlesen können. der gute mann hat ja nicht nur einen beitrag in seinem forum ;)

wegen jamendo diskutier ich besser nicht, ich seh da nach wie vor kein "pay what you want". aber darüber zu diskutieren würde flusen an den fingern geben *g*

Moin moin. Den Link zum Forum hast du ja beigesteuert. Aber ich hab ihn der Ordnung halbe auch in der Einleitung nochmal untergebracht.

die quelle kannte ich noch gar nicht, schicker artikel, gleich mal hierher verlinkt :D
danke!

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