Anne Alter zum Urheberrecht

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Anne Alter
Heute hat die Autorin und "strickende Anarchistin" Anne Alter per Twitter ein persönliches Statement zum Thema Urheberrecht angekündigt. Sie äussert sich darin kritisch zum aktuellen Umgang der Rechteinhaber gegenüber potentiellen Kunden, aber auch den Urhebern. Grund genug, mit ihr ein paar Worte zu wechseln...

Christian: Hi Anne, du schreibst, dass du von deiner Tätigkeit als Autorin nicht leben kannst. Wie sorgst du dafür, dass dir Brötchen und Butter nicht ausgehen?

Anne: Ich gehe einer anderen Tätigkeit nach und bin Korrektorin und Verlagsredakteurin.

Christian: Wie heisst dein Erstlingswerk?

Anne: Es ist das Kinderbuch "Die geheimnisvolle Miss Winter".

Christian: Hat der Verlag dir gegenüber begründet, warum es nicht neu aufgelegt wird? Die Tatsache, dass es ausverkauft ist scheint doch dafür zu sprechen, dass es sich gut hat verkaufen lassen.

Anne: Das Buch erlebte eine Neuauflage, war also alles andere als erfolglos, vor allem wenn man bedenkt, dass es ein nicht beworbenes Erstlingswerk war. Begründet wurde die Entscheidung nicht; ich denke jedoch, es hängt mit einer Veränderung im Bereich der Programmgestaltung zusammen.

Christian: Hast du mal beim Verlag nachgefragt, ob er dir erlauben würde, es unter einer freien Lizenz zu veröffentlichen? Er scheint ja kein Interesse mehr daran zu haben, es zu vermarkten?

Anne: Das würde ich tun; jedoch ist das ein schwieriges Thema. Ich habe einen seriösen, branchenüblichen Vertrag für dieses Buch erhalten (das möchte ich ausdrücklich betonen). Der enthält jedoch, dass die Zweitverwertungsrechte beim Verlag liegen (an Umsätzen wäre ich natürlich beteiligt). Ich werde mich kundig machen, in wie weit eine solche Anfrage überhaupt sinnvoll ist und Aussichten auf Erfolg hat.

Christian: Wieso bist du Mitglied der Piratenpartei geworden? Zumindest was die großen Medien angeht, scheinen die Kreativen die Piraten als natürlichen Feind anzusehen, der ihnen als Leder will?

Die Medienlandschaft verändert sich

Anne: Ich denke, dass eine Veränderung der Medienlandschaft und im Umgang mit Medien, wie wir sie momentan erleben, eine Neubewertung des damit zusammenhängenden geltenden Rechts bedarf, denn solche Entwicklungen lassen sich nicht rückgängig machen, selbst wenn es für manche unbequem sein mag.
Ich sehe dies auch nicht so sehr als Bedrohung, sondern durchaus als Bereicherung, falls man bereit ist, gedanklich neue Wege zu beschreiten und mit der Situation kreativ umzugehen. Technikfeindlichkeit und die daraus resultierende Fehlbewertung, wie wir sie zur Zeit erleben, ist keinesfalls das Mittel der Wahl.

Natürlich sehe ich auch die Interessen der Kulturschaffenden, deren Wahrung (in welcher Form auch immer) ich für berechtigt halte. Man darf jedoch die Frage des Urheberrechts nicht mit der Problematik der Vermarktung vermischen, wie wir es momentan erleben, ob aus Unkenntnis oder um bestehende Besitzverhältnisse zu zementieren. Hinzu kommt, dass ich Kultur als etwas Universelles ansehe, das möglichst vielen Menschen zugänglich gemacht werden sollte. Hier muss man natürlich genau nachdenken, wie dies zu geschehen hat. Ich halte jedoch die gängige Praxis, sich über das bildungsferne "Prekariat" zu beschweren und diesen Menschen gleichzeitig den Zugang zu Bildungsmöglichkeiten (wörtlich genommen) unbezahlbar zu machen, für verhängnisvoll.

Christian: Siehst du die Gefahr, dass durch die immer schärfer werdenden Schranken des Urheberrechts, Teile der Gesellschaft vom Zugriff auf Kultur ausgeschlossen werden?

Privatkopien schaden niemandem

Anne: Auf jeden Fall. Wem schadet es, vergriffene Werke, deren Neuauflage nicht mehr geplant wird, der Allgemeinheit zugänglich zu machen? Und wem entsteht ein konkreter Verlust, wenn jemand privat eine Kopie von etwas anfertigt, was er sich niemals kaufen wird, sei es aus finanziellen Gründen oder aus anderen?

Problematisch ist m. E. auch der hierzulande herrschende Kulturbegriff: Der umfasst in den Augen Vieler vor allem das, was als intellektuell und ernsthaft angesehen wird, und das bestimmt wieder der sogenannte "Kulturbetrieb". Der Bereich der populären Kultur, der ebeso Hochwertiges enthält wie die "etablierte, ernsthafte" Kultur Banales, wird eher in die kommerzielle Ecke gestellt, mit der Medienkonzerne Geld verdienen. Doch Kultur ist auch dies. Und in Bezug auf Bücher ist unbestritten, dass Lesekompetenz durch das Lesen an sich erworben wird; was genau gelesen wird, ist erst mal zweitrangig.

Christian: Wenn du die Wahl hättest, eine reiche Schriftstellerin zu sein oder eine, deren Werk bei einer breiten Schicht beliebt sind, wofür würdest du dich entscheiden?

Anne:
Am liebsten für beides. ;)
Ernsthaft: Mir ist die Verbreitung von Wissen durchaus ein Anliegen, daher sind in meinem Blog Anleitungen und ein Online-Workshop völlig frei und für jeden zugänglich erhältlich. Ich würde sagen, ich strebe den gesunden Mittelweg an.

Christian: Hehe. Ich formuliere meine Frage nochmal anders: Wenn ein Buch von dir als eBook verkauft würde, würdest du gegen diejenigen vorgehen, die es in einer Tauschbörse oder bei einem Hoster wie Rapidshare einstellen?

Anne: Nein, das würde ich nicht, da ich weiß und auch darauf baue, dass diejenigen, denen es gefällt und die es sich leisten können, auch kaufen würden, weil man Bücher eben gern besitzt. Außerdem wäre auch das eine Form der Werbung. Man darf auch nicht vergessen, dass zur Zeit zumindest eBooks in den Bereich der Zweitverwertung gehören und dass davor immer noch gedruckte Buch steht. Aber ich denke nicht, dass ich meine Meinung ändern würde, sollte mein Buch ausschließlich als eBook herauskommen.
Auf eine eventuelle Klage des Verlages hätte ich jedoch keinen Einfluss.

Christian: Ich verstehe. Ich denke das ist ein Punkt, der vielen nicht klar ist: Wie vielschichtig die Rechte rund um ein Wert mittlerweile sind. Danke für deine schnellen Antworten!

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Ein Kommentar

[...] Anne Alter schreibt über ihre Gedanken zum Urheberrecht aus der Sicht einer Autorin und wird von den Musikpiraten dazu befragt. [...]

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