Interview mit den Machern hinter den darkerradio Free Music Charts

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Kurz-URL: http://mkzä.de/46

Logo Free Music Charts
Die Free Music Charts sind eine monatliche Chartssendung auf dem Webradio Darkerradio.com mit ausschließlich freier - in der Praxis fast immer CC-lizenzierter - Musik.
Wir haben mit den Machern hinter dem Projekt gesprochen.

Christian: Hi Sven, wie seid ihr dazu gekommen, neben eurem regulären Programm dieses Projekt aufzuziehen?

Sven: Was meinen Teil angeht: ich wurde irgendwann einmal von Falk gefragt, ob ich die Sendung übernehmen möchte. Das habe ich sehr gern getan, denn meine wöchentliche Sendung "Greensleeves" befasst sich hauptsächlich mit Themen aus dem Bereich "Technik und Gesellschaft". Vorratsdatenspeicherung, freie Software, IT-Security, Bürgerrechte... da war der Sprung zu freier Musik nicht sonderlich groß. Es gab sogar einmal eine Sondersendung zum Thema. Die haben wir dann als Podcast veröffentlicht.

Was Falks ursprüngliche Motivation angeht...
*durch den Cyberspace ruf*
FAAAAAAAAAALK?

Falk: Ja, hier *g* - na dann werd ich mal, obwohl die detaillierte Aufzählung der Gründe, sich so intensiv mit freier Kultur zu beschäftigen,
mittlerweile ein ganzes Buch füllen würde. Für mich waren es zwei Hauptaspekte:
einerseits die rechtliche Stellung von Webradios in Deutschland und die Diskussion um deren Vergütungen und andererseits meine Arbeit als Management und (recht neu) als (Download-)Label.

GVL erschwert freie Ausstrahlung von Musik

Zum rechtlichen Aspekt: Die Beschäftigung mit freier Musik im Sinne von verwertungsfreier Musik lag in den geänderten Bedingungen der GVL - der Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten - welche die urheberrechtliche Vertretung der ausübenden Künstler und der Tonträgerhersteller in Deutschland übernimmt. Diese hat im Jahr 2005 eine Anpassung ihrer Nutzungsbedingungen vorgenommen, die eine freie und unabhängige Ausstrahlung von Inhalten (fast) unmöglich macht. Aufgrund dessen entstand bei uns ein Plan B, der vorsah, ein Webradio ausschließlich mit freien Inhalten zu betreiben. Dies war dann auch der Auslöser dafür, sich Plattformen wie bspw. Jamendo etwas genauer anzuschauen und Gefallen daran zu finden, daß es Künstler gibt, die ihre Werke unter einer freien Lizenz veröffentlichen.

Falk
Falk
Quelle: darkerradio.com

Und das wiederum brachte mich dann Anfang 2006 dazu, mit der Band all:my:faults ein Album auf diese Art zu veröffentlichen. Auch, um zu testen, wie diese Art eines Albums aus dem Rock-/Darkwave-Bereich angenommen wird. Und wir waren und sind überwältigt von dem Feedback, was wir zu dem frühen Zeitpunkt bekamen. Und fast zwangsläufig habe ich mich dann auch etwas intensiver mit den rechtlichen und kommerziellen Aspekten befasst und stellte dabei fest, daß zum einen düstere Rockmusik völlig unterrepräsentiert ist und es scheinbar viele Bands gab und gibt, die sich dieser Möglichkeiten gar nicht bewußt sind.

Außerdem fehlte mir eine Bewertungsmöglichkeit für die von darkerradio präsentierten Musikstile für freie Musik. Also ging am 01.01.2007 der erste Beitrag eines Songs zu den Free Music Charts, damals noch in meinem privaten Musikblog, online und konnte bewertet werden. In dem Jahr hab ich dann insgesamt 365 Songs vorgestellt und einmal monatlich gab es eine Bestenliste - die Free Music Charts - zum Voten bei mir im Blog und dazu dann eben auch eine Radiosendung und den monatlichen Podcast.

Da ich allerdings aufgrund des Labelstarts Anfang 2008 wiederum dies in der Form nicht mehr fortsetzen wollte, fragte ich den Sven, ob er nicht dieses Sendekonzept in etwas anderer Form fortführen möchte, was er ja nun auf grandiose Art und Weise auch tut.

Christian: Wer stellt jetzt die Vorschläge für die Charts zusammen? Macht Falk das immer noch alleine?

Sven: Letztenendes entscheide ich darüber, wie die fünf Neuvorstellungen jeden Monat aussehen. Da bin ich aber auch auf Vorschläge angewiesen. Und eben hier ist Falk immernoch am fleißigsten. Aber von Monat zu Monat kommen auch mehr Ideen von Hörern. The Wind Whistles, Louis Lingg and The Bombs und EndZeit-Effekt haben es zum Beispiel dank Hörervorschlägen in die Neuvorstellungen geschafft, wenn auch mit mäßigem Erfolg.

Es gibt auch einige Netlabels, die sehr regelmäßig -nach meinem Geschmack- gute Platten veröffentlichen. AF-Music (das Label von Falk), Primordial Music und Zorch Factory Records fallen mir da spontan ein. Von denen höre ich inzwischen jedes neue Release und dementsprechend gut sind sie in den Charts vertreten.

Christian: Ihr habt einiges an Presse bekommen, als das Projekt gestartet wurde. Wie viele Zuhörer stimmen bei euch mittlerweile für die Charts ab? Und wie viele hören euer Programm durchschnittlich?

Hörer- und Wählerzahlen steigen

Sven: Die Zahl der Wähler steigt derzeit von Monat zu Monat tendenziell an.

Juli: 112
August: 133
September: 55
Oktober: 129
November: 142

Im Dezember stehen wir gerade bei 239 Wählern und sind noch weit vom Ende der Abstimmung entfernt.
Fast schon interessanter als die Zahl der Wähler finde ich die Zahl der Stimmen pro Wähler. Viele Fans kommen ja auf die Seite, weil sie im Newsletter oder im MySpace-Profil ihrer Lieblingsband aufgefordert wurden eine Stimme abzugeben. Das merkt man deutlich, wenn man die Zwischenergebnisse täglich betrachtet. Normalerweise kann aber jeder Wähler bis zu fünf Stimmen abgeben.

Im November waren wir jetzt bei durchschnittlich 2,5 Stimmen pro Wähler, im Vergleich zu nahezu 1,0 im Juli, woraus ich schließe, dass immer mehr Hörer Gefallen an freier Musik finden. Das Konzept wird also immer deutlicher wahrgenommen, entsprechende Interpreten populärer.

Sven
Sven
Quelle: darkerradio.com

Hörerzahlen... die wiederum sind stark vom Programm des Radios als ganzes abhängig. Wenn gerade viele Kollegen krank sind wird zwar unmoderiert gestreamt, doch die Zahlen gehen zurück. Wenn der Sendeplan ein paar Wochen lang voll ist und nicht gerade halb Deutschland sich die Sonne auf den Bauch bruzzeln lässt können sie auch mal dreistellig werden.

Was die FMC angeht sind diese Zahlen aber nicht ganz so wichtig, denn es gibt ja einen Podcast der Sendung. Und von dem findet man konkrete Downloadzahlen bei archive.org:

http://www.archive.org/details/freemusiccharts2008.11
http://www.archive.org/details/freemusiccharts2008.10
http://www.archive.org/details/freemusiccharts2008.09
usw.

Interessant und unerklärlich finde ich bis heute den September: über 15.000 Podcastdownloads, absoluter Rekord, aber nur 55 Wähler, absoluter Negativrekord.

Christian: Ein Dauerbrenner scheint gerade Nine Inch Nails zu sein. Das aktuelle Album hatte er recht überraschend unter einer CC-Lizenz veröffentlicht.
Denkst du, das hat sich für ihn gelohnt?

1,6 Millionen Dollar mit einem freien Album

Sven: NIN haben ja bereits vorher eine Platte unter den CC veröffentlicht: "Ghosts I-IV". Das war ein instrumentales Experimentalalbum auf vier CDs. Zusätzlich zum CC-lizenzierten Download gab es Kaufangebote. Ergebnis: 1,6 Millionen Dollar Einnahmen. In der ersten Verkaufswoche! Mir gefällt die bis heute nicht sonderlich...

Genaue Infos zur aktuellen Platte "The Slip" habe ich nicht, bin mir aber sicher, dass es da mindestens ebenso gut gelaufen sein muss, schließlich ist das ein richtiges Studioalbum. Am Releasetag wurde der Link in einer Unmenge an Foren veröffentlicht, im IRC gepostet, die Nachrichtenseiten haben darüber berichtet. Das hat der Band mit Sicherheit eine Menge Publicity gebracht. Und Sympathien.

Denn, sehen wir einfach mal den Tatsachen ins Auge: nahezu jede Platte ist kostenlos verfügbar. Zwar nicht legal, aber das ist vielen Leuten offenbar leider egal. Jetzt hat eine Band die Wahl: stellt sie sich den Realitäten und nutzt diese für sich, oder fange ich an gegen Windmühlen zu kämpfen?

NIN haben sich der Realität gestellt und sind nun wohl so populär wie niemals zuvor.

Christian: Wie passen eigentlich Pornophonique in die Charts? Die beiden sind ja eigentlich alles andere als schwarz.

Sven: Pornophonique sind einfach gut!

Sie wurden schon 2007 von Falk vorgestellt, haben es aber nicht in die Auswahl für 2008 geschafft. Ich musste es einfach nochmal mit einem anderen Song probieren. Und so ist "1/2 Player Game" Im September direkt auf Platz eins eingestiegen.

Pornophonique ist im Umfeld von freier Software und Geeks sehr populär. In der schwarzen Szene sind sie unterrepräsentiert. Aber die FMC sind ja eher "alternativ" als einfach nur "schwarz". Das sind man schon am Elektro-Anteil. Der müsste deutlich höher sein, wenn er die schwarzen Clubs wiederspiegeln sollte. Doch derzeit werden alle Elektrosongs von den Hörern gnadenlos rausgevotet.
Ist mir auch recht so. ;-)

Aber auch in der schwarzen Szene gibt es populäre Bands mit 8-Bit Elementen. Welle:Erdball sind da auf jeden Fall zu nennen, wenn sie auch keine Musik frei releasen. Und die im Januar 2009 erscheinende neue Single von All:My:Faults hat auch Anleihen in der Richtung. Ich durfte das Stück "Vergiftet" von der B-Seite schon hören. Absolut genial. Das hatte übrigens seine Weltpremiere nach den letzten FMC als "Bonus". :-) Durfte aber leider nicht mit in den Podcast.

Generell glaube ich, dass 8-Bit-Musik im kommen ist.

Freie Musik ist eine logische Entwicklung

Christian: Was genau fasziniert dich an freier Musik? Ist es einfach nur die Tatsache, dass sie kostenlos genutzt werden darf?

Sven: Freie Musik (eigentlich ja eher offene Musik, denn meist gibt es ja die "non commercial" Einschränkung) ergänzt sich ideal mit dem Medium Internet. Jetzt haben unbekanntere Interpreten die Chance sich einem breiten Publikum vorzustellen. Vereinfacht gesagt: Man stellt den Song ins Netz, verteilt ein paar Links, und wenn er gut ist kennen bald tausende Leute die Band.

Der Industrie gefällt das natürlich nicht. Es wird an den großen Labels, eventuell auch am Vertrieb, vorbei gearbeitet. Und immer individuellere Musikgeschmäcker können passende Interpreten finden. Darauf sind die bisherigen Geschäftsmodelle mit ihren Vorzeigesuperstars oft nicht ausgelegt.

Aber dem Kunden gegenüber ist das sehr fair. Er kann das Produkt, also die Musik, anhören, bevor er sie kauft.

Das Schwierige aber ist die Auswahl. Es gibt eine Unmenge an freier Musik, doch wo soll ein Neueinsteiger da anfangen sich reinzuhören? An dem Problem setzen die FMC an.

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Kommentare (5)

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