Kinder wollen singen - 50.299 Bücher mit gemeinfreien Kinderliedern

Liederbücher

Mitte 2009 wurde Axel Sikorsi, einer der beiden Geschäftsführer der Sikorski Musikverlage, Präsident der VG Musikedition. Dieses eigentlich unspektakuläre Ereignis führe aber in Folge dazu, dass fast 55.000 Bücher mit gemeinfreien Kinderliedern gedruckt wurden – und kostenlos an alle 50.299 Kinderbetreuungseinrichtungen Deutschlands verteilt werden.

An und für sich ist es in der Geschäftswelt ja nichts unübliches, dass der Geschäftsführer einer Firma bei einem Verein mit verwandtem Aufgabenbereich oder einer Lobbyvereinigung im Vorstand sitzt oder ein sonstiges Amt inne hat. Im Allgemeinen wird das von der Außenwelt auch nicht weiter bemerkt. Sikorsi aber machte von Anfang an klar, dass ab nun verstärkt gegen das illegale Kopieren von Noten vorgegangen werden soll. In einer Pressemitteilung dazu heißt es:

“Der neue Präsident der VG Musikedition, Dr. Axel Sikorski, betonte, er sehe in der Bekämpfung des illegalen Fotokopierens, das für die Musikverlage jährlich Umsatzverluste in zweistelliger Millionenhöhe bedeute, die größte Herausforderung der nächsten Jahre. Von besonderer Bedeutung sei dabei, dass öffentliche wie private Musikschulen zukünftig endlich eine angemessene Vergütung für das massenhafte Kopieren von Noten zahlen.”

Neben den Musikschulen war aber schnell noch eine wahrscheinlich lohnenswertere Quelle aufgetan: Kindergärten. Über 30.00 Einrichtungen wurden im Auftrag der VG Musikedition von der GEMA angeschrieben und darauf hingewiesen, dass es nun endlich möglich sei, legal Noten zu kopieren. Die Verwunderung war vielerorts groß, denn wieso sollte das Kopieren verboten sein? Werden nicht bereits Abgaben für die Kopiergeräte gezahlt? Leider ist dies rechtlich vollkommen korrekt. Im Urheberrechtsgesetz heißt es in §53:

“Die Vervielfältigung [...] graphischer Aufzeichnungen von Werken der Musik [...] ist, soweit sie nicht durch Abschreiben vorgenommen wird, stets nur mit Einwilligung des Berechtigten zulässig[...].”

Und genau darauf machte die VG Musikedition nun aufmerksam. Natürlich war direkt eine Lösung für dieses Problem parat: Für nur 56€ (zuzüglich Umsatzsteuer) darf ein Kindergarten in einem Jahr bis zu 500 Kopien anfertigen. Nicht erwähnt wurde, dass dies natürlich nur für Werke gilt, deren Urheber von der VG Musikedition vertreten werden.

Dies war der Zeitpunkt, an dem der Musikpiraten e.V. beschloss, seinen Vereinszweck, die Förderung freier Kultur mit Schwerpunkt Musik als künstlerischem Ausdrucksmittel, auf neue Art und Weise umzusetzen. Rechtzeitig zum 1. Dezember wurde auf der Webseite des Vereins ein Liederbuch mit gemeinfreien Weihnachtsliedern veröffentlicht. Die Resonanz darauf war durchweg positiv. In dem Buch, das ausschließlich als PDF veröffentlicht worden war, waren aber auch einige Lieder, die nicht unbedingt zum Singen durch Kinder geeignet waren. An den Verein wurde in der Folge vermehrt die Frage herangetragen, ob man nicht auch ein Buch nur mit Kinderliedern anbieten wolle.

Ende Dezember fällte der Vorstand dann die Entscheidung, dieses Projekt anzugehen. Aber statt einfach nur ein PDF zu veröffentlichen, sollte dieses Mal ein “echtes” Buch gedruckt werden. Und zwar für alle 50.299 Kinderbetreuungseinrichtungen Deutschlands – diese Zahl stammt von einer Statistikwebseite von Bund und Ländern. Doch wie soll ein Verein mit nicht einmal 30 Mitgliedern so etwas stemmen? Ein erster Überschlag der Kosten brachte eine Summe von 35.000€ bis 50.000€ auf – nur für den Druck.

Also wurde am 1.2.2011 ein Spendenaufruf auf der Webseite des Vereins gestartet. Ebenfalls wurde nach Helfern für den Notensatz und die Verteilung der Bücher gesucht. Vor allem Großverteiler, die mindestens 1.000 Bücher weiterverteilen wurden dringend benötigt. Nach kurzer Zeit war klar: Das Projekt läuft. Ob wirklich alle Einrichtungen versorgt werden könnten war offen, aber die erste Schwelle von 600€ Spendengelder war bereits nach der ersten Nacht überschritten. Darunter wäre ein Druck bei einer herkömmlichen Druckerei nicht sinnvoll gewesen und die Sponsoren hätten ihr Geld zurückerhalten. Ende Februar waren über 40.000€ Spendengelder beim Verein eingegangen, mehr als die Hälfte davon zweckgebunden für das Projekt.

Zusätzlich zu den sonstigen Arbeiten, gab es aber noch einen weiteres Hindernis bei der Produktion des Buches: Die Prüfung der Lieder auf Gemeinfreiheit. In Deutschland gilt das Urheberrecht bis 70 Jahre nach dem Tod eines Urhebers oder 70 Jahre nach Veröffentlichung, falls der Urheber unbekannt ist. Dies wurde in der Vergangenheit höchstrichterlich damit erklärt, dass bis zu diesem Zeitpunkt die Urheberpersönlichkeit noch nachwirke. Ebenso gilt als politischer Konsens, ohne diese Schutzfristen bis weit nach dem Ableben hinaus würden keinerlei kreative Werke in diesem Land mehr erstellt werden. Viele der Lieder, die seit Jahrhunderten Bestandteil des Kulturguts sind, wurden aber im Laufe der Jahre immer wieder verändert. Mal mehr, mal weniger gravierend. Um nun also auf Nummer sicher zu gehen, stellte der Musikpiraten e.V. eine Anfrage an die VG Musikedition. Da diese die Schutzrechte an Noten wahrnimmt, schien sie der geeignete Ansprechpartner zu sein. Als Antwort kam, man sei gesetzlich nicht verpflichtet zu antworten, würde dies aus Kulanzgründen aber dennoch tun. Nach vier Wochen hieß es dann, die Melodien seien offensichtlich gemeinfrei, aber zu den Texten könne man, mangels Quellenangaben, keinerlei Aussage treffen. Auch die Information bezüglich der Melodien sei ohne jegliche Gewähr. Vier Wochen umsonst gewartet, ein weiteres Wochenende wurde damit verbracht, für alle Liedtexte entsprechende Quellen zu recherchieren. Dem Druck stand nun endlich nichts mehr im Wege.

Bereits während noch Spenden gesammelt wurden, waren Stimmen laut geworden, die das gewählte Format des Buches kritisierten. DIN A5 sei viel zu klein, außerdem wäre mit einer Ringbindung das Kopieren viel einfacher. Der Verein wies darauf hin, dass zusätzlich zu dem Buch auch noch ein A4-Download angeboten wird. Ebenso würde nach einer Lösung gesucht, das Buch anderweitig anzubieten. Eine Produktion in A4 für alle Kinderbetreuungseinrichtungen würde aber das Budget vollkommen sprengen.

Hier kam dann epubli ins Spiel. Die Möglichkeit, das Buch jedermann als Print-On-Demand-Book anzubieten macht es dem Verein möglich, ohne Risiko auch das A4-Format anzubieten. Hierfür wurde die bereits vorher veröffentlichte DIN A4-Version nochmal entsprechend optimiert, so dass bei dem fertigen Buch z.B. nicht umgeblättert werden muss, um ein Lied vollständig singen zu können. Die Einrichtung des Buches selber ging auch rasch vonstatten, so dass nur wenige Tage nach Einrichtung des Projekts bereits zwei Exemplare des Buchs in Hinblick auf ihre Qualität begutachtet werden konnten – sie erfüllten alle Ansprüche.

Downloads & Co.

Die für den Selbstausdruck optimierte Version in DIN A4 gibt es hier (PDF, 3,1 MB).
Natürlich kann auch die für den Druck verwendete Version heruntergeladen werden (PDF, 5,7 MB).

Die LilyPond-Dateien, die nach einigen Weiterbearbeitungsschritten die Grundlage für die Druckdateien gebildet haben, gibt es hier.

Weiterhin kann eine DIN A4-Ausgabe des Buches zum Druckkostenpreis (7,23€) bei epubli bestellt werden.

Zahlreiche weitere Noten gemeinfreien Kinderlieder bietet die Initiative für Kindergärten und Vorschulerziehung Kinder wollen singen an.

Verteilung

Wer an der Verteilung der Bücher vor Ort mithelfen möchte, kann sich weiterhin auf der Webseite registrieren. Vor allem in ländlichen Gegenden werden gerne noch weitere Helfer eingebunden.

In der Presse

Die Initiative des Vereins hat auch in der Presse hohe Wellen geschlagen. Hier gibt es weitere Links:

* Bayerischer Rundfunk – Gemeinfrei statt GEMA
* Heise – Musikpiraten wollen gemeinfreie Kinderlieder verteilen
* Heise – Süßer die Glocken nie klingen
* Der Standard – Musikpiraten sammeln Gratisnoten für Kindergärten
* Golem.de - Musikpiraten drucken 54.800 Kinderliederbücher

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Kommentare (61)

[...] Eine Super-Leistung!! Details siehe hier. [...]

Den Einsatz finde ich toll und gratuliere zum erreichten Ziel!

Wäre es möglich, mit der Zeit weitere Kinderlieder aufzunehmen? Wie steht's z. B. mit „Im Frühtau zu Berge“?

Auch fände ich's gut, wenn in den PDFs die Lieder nach Kategorien wie beispielsweise Weihnachtslieder oder Wiegenlieder eingeteilt wären.

[...] Um die Kosten der Produktion stemmen zu können, werden Spender gesucht. Zum heutigen Tag sind bereits 27.000 Euro eingegangen! Den aktuellen Spendenstand und weitere Informationen findet man hier: http://musik.klarmachen-zum-aendern.de/kinderlieder [...]

[...] Kinderlieder können außerdem als PDF aus dem Internet direkt runtergeladen werden und aus dem druckoptimierten Dokument ausgedruckt [...]

[...] “Die Bedeutung der frühkindlichen Bildung ist heute unbestritten, auf keinen Fall darf diese dadurch erschwert oder behindert werden, dass Kindergärten von der GEMA zur Kasse gebeten werden, wie es beim letzten Martinsfest in Deutschland geschehen ist.” erklärt Clara Jongen, Mitglied im Landesvorstand. “Kinderbetreuer sollten sich zudem um die Kinder kümmern und nicht noch durch administrativen Unfug davon abgehalten werden.“, empört sich auch Holger Kipp (Stellvertretender Vorsitzender der Piratenpartei LV Brandenburg), der die Verteilung der Liederbücher für Brandenburg mitorganisiert. So kann das Material auch von allen Interessenten piratig als PDF-Datei und ebook frei aus dem Internet heruntergeladen und vor Ort bei Bedarf ausgedruckt werden. [...]

[...] Mehr Infos zur Liederbuchaktion gibt es hier: http://musik.klarmachen-zum-aendern.de/kinderlieder [...]

[...] singen mit 49 gemeinfreien Noten und Liedtexten für Vorschulkinder (und ihre Erwachsenen). Die Aktion des Musikpiraten e.V. hat zum Ziel, alle 50299 Kinderbetreuungseinrichtungen in Deutschland mit [...]

Habt Ihr eigentlich die Einrichtungen mal gefragt, ob sie das Buch überhaupt haben wollen? Wenn ich den Post richtig verstehe habt Ihr keinen rechtlichen Rat eingeholt, was die Werke angeht. Gab es denn wenigstens eine Zusammenarbeit mit ErzieherInnen und ErziehungswissenschaftlerInnen, um die Tauglichkeit des Inhalts für die Zielgruppe zu bewerten?

Als politische Aktion ist das sicher eine spannende Sache, aber hilft es auch wirklich denen, die ein Problem haben?

Mein Gott, man kann auch an allem etwas aussetzen. Wer das Buch nicht haben will, kann es immernoch wegwerfen, oder?

Wir haben natürlich nicht bei jeder Einrichtung nachgefragt - aber ohne entsprechende Anfragen und Anregungen im Vorfeld hätten wir das Projekt gar nicht erst gestartet. Nach der Ankündigung hier gab es sowohl von einzelnen Betreuerinnen und Betreuern als auch von regionalen Trägern nur positives Feedback.

Bei den Notensetzern waren erfahrene Musiker dabei, die auch aus dem pädagogischen Umfeld kommen (z.B. vom http://www.afs-musik.de/).

[...] sollte dieses Mal ein “echtes” Buch gedruckt werden. Und zwar für alle 50.299 Kinderbetreuungseinrichtungen Deutschlands – diese Zahl stammt von einer Statistikwebseite von Bund und Ländern. Doch wie soll ein [...]

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